Sascha Rubert
Der Globetrotter ist wieder da

Schöppingen -

Die ganze Welt umrunden – und das zu Fuß: Mit diesem Ziel zog Sascha Rubert vor zwei Jahren aus Schöppingen los. In Kroatien angekommen, fand sein Vorhaben nun ein plötzliches Ende: Sascha Rubert entschied sich, seine Reise um den Erdball abzubrechen.

Freitag, 19.06.2015, 08:06 Uhr

Vor drei Wochen kehrte er mit dem Bus ins Münsterland zurück. Redakteurin Anne Alichmann traf ihn in Darfeld, wo er vorübergehend bei seiner Schwester lebt. Das Erste, was ins Auge fiel: Der 39-Jährige hat seine Rastazöpfe abgeschnitten.

Sascha , du trägst die Haare jetzt raspelkurz. Ein äußeres Zeichen für einen neuen Lebensabschnitt?

Sascha Rubert: Das hat sicherlich damit zu tun. Vieles, was früher für mich wichtig war, ist heute unwichtig. Aber genervt haben die Haare auch, vor allem im Schlafsack! (lacht)

Als du zuletzt geschrieben hast, warst du gerade in Spanien und hattest ein Buch über den ersten Abschnitt deiner Reise verfasst. Das war im März. Was ist seitdem passiert?

Sascha Rubert: Ich habe eine Fähre von Spanien nach Italien genommen und bin dann anderthalb Wochen gelaufen. Dann wurde mir das Land einfach zu stressig, die Italiener sind sehr laut und nicht besonders gastfreundlich. Hinzu kam, dass ich kaum noch Geld hatte. Also entschied ich, schnell nach Kroatien und schließlich weiter Richtung Süden zu ziehen – denn da werden die Länder billiger. Ich fuhr mit dem Bus zur Küste und von dort ging es mit der Fähre nach Split. Der Weg führte mich dann nach Raslina, wo ich Freunde aus Schöppingen treffen wollte. Allerdings war ich früh dran und verbrachte zwei Wochen komplett alleine auf einem Campingplatz. Dort habe ich viel gelesen und nachgedacht . . .

. . . und hast Entscheidungen getroffen.

Sascha Rubert: Genau. Zuerst einmal beschloss ich, komplett aus der Öffentlichkeit herauszutreten. Ich wollte keine Berichte mehr über meine Reise schreiben, mich nicht mehr diesem Druck ausgesetzt fühlen, immer wieder etwas liefern zu müssen. Als nächstes entschied ich, meine Reise vorerst zu unterbrechen und in Kroatien zu bleiben. Das Land gefiel mir, es war das angenehmste, das ich bisher kennengelernt hatte. Eine Wohnung wäre auch kein Problem gewesen, aber auf dem Arbeitsmarkt sah es sehr schlecht aus. Da war nichts zu machen – ich brauchte aber ganz dringend Geld, ich konnte mir kaum noch ein Brot leisten. Und Betteln kam für mich niemals in Frage. Ich wollte nicht auf Kosten anderer Menschen leben, wenn ich doch jung genug bin, um zu arbeiten und mein Geld selbst zu verdienen. Also traf ich schweren Herzens die Entscheidung: Ich gehe zurück nach Deutschland.

Wem hast du die Entscheidung zuerst mitgeteilt?

Sascha Rubert: Den Eltern einer Freundin, die ich in Kroatien getroffen habe. Und dann habe ich es über Skype meiner Mutter erzählt.

Wie waren die Reaktionen?

Sascha Rubert: Natürlich freuen sich Familie und Freunde, dass ich wieder da bin. Aber jeder versucht auch, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie das für mich sein muss – mit so einem Vorhaben loszugehen und das noch am Anfang wieder abzubrechen.

Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?

Sascha Rubert: Ich bin noch gar nicht wieder zu Hause angekommen. Die ersten paar Tage war ich in Schöppingen bei einer Freundin, da saß ich tagelang nur rum. Es war wirklich komisch, wieder in Deutschland zu sein. Fühlt sich an wie ein Film. Ich bin noch in dem Prozess, das alles zu realisieren. Zwei Jahre sind keine lange Zeit, aber ich hatte mich schon an das Reisen gewöhnt.

Hast du den Abbruch deiner Reise schon bereut?

Sascha Rubert: Nein. Es war einfach eine pragmatische Entscheidung. Ich habe nicht das Gefühl, jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Ich muss nun aber erst mal einen Platz in der Gesellschaft finden, den ich aber eigentlich gar nicht haben will (lacht).

Was hast du nun vor, wie soll es weitergehen?

Sascha Rubert: Ich habe überlegt, eine Ausbildung zu machen – als Verkäufer, zwei Jahre, bei einem Discounter in Billerbeck. Das ist zwar nicht mein Traumberuf, aber das ist mir auch nicht mehr wichtig. Neben der Arbeit habe ich noch genug Zeit für meine Hobbys, fürs Lesen und Schreiben.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann wieder loszuziehen?

Sascha Rubert: Das überlasse ich mal dem Schicksal. Vielleicht knüpfe ich da wieder an, vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes. Ich will mir selbst gar nichts mehr beweisen. Vor der Reise war ich in einem Loch, ich dachte, ich muss endlich mal etwas fertigbringen. Ich hatte Minderwertigkeitsgefühle. Die sind jetzt weg. Es hat sich schon einiges geändert.

Was hat die Reise mit dir gemacht?

Sascha Rubert: Ich habe erkannt, was wichtig ist. Und das ist ganz banal das Überleben. Man braucht einen Schlafplatz und etwas zu Essen. Das ist alles. Das Leben auf der Reise hat mir gefallen, auch wenn ich auf der Straße gelebt habe. Das war sicherlich schwer. Aber diese Freiheit vermisse ich jetzt schon – einfach sagen zu können: Hier gefällt es mir, hier bleibe ich. Ich will nicht sagen, dass es mir hier nicht gefällt – das ist schließlich meine Heimat. Aber ich habe meine Wurzeln ausgerissen, und will mich hier auch gar nicht neu verankern. Wenn ich nicht pflichtversichert wäre, hätte ich nicht einmal eine Krankenversicherung, weil ich das für sinnlos halte.

Was war an der Reise anders, als du es dir vorher vorgestellt hattest?

Sascha Rubert: Ich hatte überhaupt keine großartige Vorstellung, ich bin ja einfach so losgezogen. Aber gewundert habe ich mich, dass ich von so vielen Leuten angesprochen wurde, in Frankreich zum Beispiel.

Wie haben die Leute denn auf dich reagiert?

Sascha Rubert: „Du bist ja verrückt“, das war der Standardsatz, den ich gehört habe, wenn ich erzählt habe, was ich mache. Manche wollten es gar nicht glauben, aber viele waren auch begeistert. Wenn ich mit denen tiefer ins Gespräch gekommen bin, habe ich oft gemerkt: Hier hat jemand mal einen Traum verloren – Gesagt hat es niemand, aber man sieht es in den Augen. Viele sind sehr persönlich geworden, haben angefangen zu weinen, haben Dinge erzählt, die sie noch nie jemandem erzählt haben. Vielleicht weil ich ein Durchreisender war, der eh bald wieder weg war.

Wie lief es mit der Verständigung?

Sascha Rubert: In Frankreich habe ich mich dahinter geklemmt, die Sprache zu lernen – das wollte ich immer schon, weil mein Vater Franzose ist. Das ging auch irgendwann ganz gut. Man kommt aber auch ohne große Sprachkenntnisse durch, habe ich dann in Italien und Spanien gemerkt. Wenn die Leute nur einfach losreden, viel gestikulieren, dann weiß man schon irgendwie, worum es geht.

Hast du auch negative Reaktionen erlebt?

Sascha Rubert: In Spanien gibt es sehr viele Obdachlose oder Vagabunden, die angefangen haben wie ich – und dann dort hängen geblieben sind. Viele von ihnen betteln, deswegen gehen die Spanier da auf Abstand. Auch ich hab diese Distanz gespürt. Ich habe nie jemanden angesprochen und nach Geld gefragt – das konnte ich einfach nicht. Aber ich hatte ein Schild dabei, auf dem stand, dass ich ein Globetrotter bin und gerne etwas zu Essen oder eine Dusche nehme. Als ich das abgenommen habe, waren die Leute viel offener zu mir. Da haben sie nur noch geguckt, weil ich diesen komischen Kinderwagen mit mir herumschleppte . . .

Apropos Kinderwagen – hat sich deine Ausrüstung bewährt?

Sascha Rubert: Von einigen Dingen habe ich mich schon nach ein paar Tagen getrennt. Von einem Wasserkanister zum Beispiel oder einem schweren Gaskocher. Viel zu sperrig. Mein Zelt habe ich in Frankreich zum letzten Mal aufgebaut. Das Auf- und Abbauen war einfach zu lästig.

Wo hast du denn übernachtet?

Sascha Rubert: Auf Parkbänken zum Beispiel. Ich habe gerne Stellen gesucht, wo ich ungestört bin – und auch andere Menschen nicht störe durch meinen Anblick. Allerdings habe ich gemerkt: Auch wenn man sich mitten auf die Straße legt, lassen die Leute einen in Ruhe – außer besoffene Jugendliche. Deswegen habe ich die Stadt am Wochenende auch gemieden. Manchmal habe ich allerdings die Wochentage vergessen . . .

Wenn die Wochenstruktur für dich keine Rolle mehr gespielt hat – gab es denn so etwas wie einen Alltag für dich?

Sascha Rubert: Als ich auf der Reise angekommen war und akzeptiert hatte, dass ich kein Zuhause mehr habe, nicht mehr. Wenn man unterwegs ist, sieht man alles aus einer Art Vogelperspektive. Man sieht die Menschen morgens zur Arbeit fahren und abends wieder zurück. Ein Trott, in dem ich nicht mehr war. Ich war viel freier. Ich musste mich nur um Wasser, Brot und einen Schlafplatz kümmern – andere Sorgen hatte ich nicht. Das änderte sich natürlich, als ich in Spanien gestrandet bin und gearbeitet habe. Da musste ich mich auch schnell wieder losreißen . . .

Wenn du einen Wunsch äußern dürftest: Wie soll es jetzt weitergehen?

Sascha Rubert: Ich hoffe, dass es mit der Wohnung und der Lehrstelle klappt. Und ich wünsche mir einen Kühlschrank, der voll ist, wenn ich ihn abends öffne. Und Ruhe. Die habe ich sehr zu schätzen gelernt.

Zu Fuß durch Europa

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  • Eine Auswahl der schönsten Bilder einer zweijährigen Reise. Foto: Sascha Rubert
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