Do., 01.12.2016

Geschichtsvortrag von Pastor Wolfgang Böcker Französisch statt Plattdeutsch

Lange stand das Ehrenmal vor der St.-Bricitus-Kirche direkt an der Hauptstraße.

Lange stand das Ehrenmal vor der St.-Bricitus-Kirche direkt an der Hauptstraße. Foto: Archiv Heimatverein Schöppingen

Schöppingen - 

Es sind stürmische Zeiten in Schöppingen – zumindest Anfang des 19. Jahrhunderts. Mal haben die Bischöfe, dann die Franzosen oder die Preußen das Sagen. Das Bürgermeisteramt heißt zwischenzeitlich Mairie, die Region Departement Emsland. Für die plattdeutsch gewöhnten Schöppinger sicher kein Zuckerschlecken.

Von Rupert Joemann

Pfarrer em. Wolfgang Böcker gibt auf Einladung der CDU-Senioren-Union Interessierten im Hotel Tietmeyer einen faszinierenden Einblick in die wechselvolle Geschichte Schöppingens zwischen 1800 und 1939.

Für die Franzosen unter Napoleon müssen die Schöppinger als Soldaten mit in den verheerenden Russland-Feldzug ziehen. 16 Schöppinger kehren nicht wieder. „1811 sind 150 von etwa 2900 Bürgern an einer eingeschleppten Krankheit gestorben“, erzählt Wolfgang Böcker. Eine staatliche Ordnung gibt es nicht mehr.

1802 marschieren die Preußen in Münster ein und setzen kurzerhand den Bischof und das Domkapitel ab. Die Preußen teilen das Fürstbistum auf. Sie entschädigen damit Fürsten, die von ihren linksrheinischen Ländereien durch die Franzosen vertrieben worden sind. Es entsteht ein munteres Wechselspielchen. So übernehmen unter anderem die Fürsten von Salm-Salm, von Salm-Kyrburg und die Rheingrafen von Salm-Grumbach ebenso Gebiete wie der Herzog von Croy. Die einfachen Menschen bekommen nichts vom (Land-)Kuchen ab.

Die Angst der Preußen vor Aufständen ist so groß, dass sie in Schöppingen 1830 die große Prozession verbieten. Doch einmal wird es ihnen zu bunt. „Die Schöppinger werden aufmüpfig“, erzählt Böcker.

Nachdem bereits 1819 das Ober- und Untertor abgebrochen werden, soll später – per Anordnung aus dem fernen Berlin – das Rathaus abgerissen werden. „Preußen wollte jeden Anschein von Selbstverwaltung ersticken“, erklärt Böcker die damaligen Beweggründe der Obrigkeit. Doch die Schöppinger wehren sich – mit Erfolg. Das Rathaus bleibt stehen, auch wenn 1832 die Wendeltreppe einstürzt. Erst 1926 wird das heutige Treppenhaus gebaut.

Von 1834 bis 1875 wandern 321 Schöppinger aus, vor allem in die USA und nach Brasilien. Es ist eine wirtschaftlich schlechte Zeit. Von ehemals 204 gewerblichen Webstühlen sind es 1840 nur noch 80. Der Grund: die aufkommende Industrialisierung in England.

Und noch etwas hemmt die Entwicklung: „Es gab nicht eine ausgebaute Straße“, sagt Böcker. Die Wege im Münsterland werden damals als „Mördergruben für Mann und Pferd“ beschrieben. Erst 1857, so Böcker, sei die Straße von Ahaus über Heek nach Schöppingen ein wenig befestigt worden. Einen Bahnanschluss gibt es nie. 1878 entsteht die erste Telegrafen-Leitung. „Wenigstens etwas“, so Wolfgang Böcker.

Dafür gibt es arbeitgeberfreundliche 72-Stunden-Wochen. Trotz allem entwickeln sich erste Betriebe. Die älteste in Schöppingen noch existierende Firma ist die Brennerei Sasse, Gründungsjahr 1750. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgen unter anderem Tummel, Ebbinghoff und Niehoff.

Es ist die Zeit, als die Schöppinger mehr auf den Papst in Rom hören als den protestantischen König von Preußen. 1876 ziehen die Schöppinger mit 300 Kindern auf Leiterwagen zur Firmung nach Enschede. Für vieles zeigt Wolfgang Böcker Verständnis, nur eins kann er nicht verstehen: „Der schlimmste Fehler war Preußen Münster nach Preußen zu nennen.“

Dass die St.-Bricitus-Kirche noch steht, ist einem glücklichen und gleichzeitig schrecklichen Umstand zu verdanken. 1910 hatten die Schöppinger unter Pfarrer Bruns schon eine Million Reichsmark für einen neuen Kirchenbau gesammelt. Doch vor lauter Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg zeichnen die Schöppinger Kriegsanleihen. „Und damit war das Geld weg.“

Auch auf die Nazizeit geht der Pastor ein. 1929 sei in Schöppingen die erste NSDAP-Gruppe im Kreis Ahaus gegründet worden. Paul von Hindenburg und Adolf Hitler werden 1933 Ehrenbürger (1994 wird das revidiert). Der Rathaus-Platz heißt zwischenzeitlich Adolf-Hitler-Platz.

Es gibt aber auch Positives. So hätten 25 Prozent 1938 gegen den Anschluss Österreichs gestimmt, während es im ganzen Reich lediglich ein Prozent gewesen seien, so Böcker. Auch den Schutz der einzigen jüdischen Familie durch einen Polizeibeamten in der Pogromnacht hebt der Pastor hervor. Genauso, dass der Bürgermeister der jüdischen Familie unerlaubterweise einen Pass ohne das vorgeschrieben J ausgestellt habe und die Silvesterpredigt von Pfarrer Freiherr Dietrich von Nagel, in der er die Geschehnisse der Pogromnacht kritisierte. Fast wäre er dafür ins KZ gekommen.

Abschließend blickt Wolfgang Böcker in die Zukunft und zitiert einen Spruch aus dem KZ Dachau: „Wer aus den Verbrechen der Geschichte nicht zu lernen bereit ist, ist dazu verurteilt, sie wiederum erleben zu müssen.“

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