Do., 13.07.2017

Prasqual trat im Alten Rathaus auf Mit Tönen auf den Mars gereist

Prasqual interagiert mit dem Publikum, fordert die Menschen dazu auf, durch den Raum zu gehen, hin und her zwischen den Lautsprechern, und die Musik auf sich wirken zu lassen.

Prasqual interagiert mit dem Publikum, fordert die Menschen dazu auf, durch den Raum zu gehen, hin und her zwischen den Lautsprechern, und die Musik auf sich wirken zu lassen. Foto: Sabine Sitte

Schöppingen - 

Während eines Konzerts mit klassischer Musik ständig den Raum zu durchqueren, wäre unhöflich und störend. Doch wenn der Komponist die Zuschauer selbst dazu auffordert, wird aus dem Hörgenuss ein viel intensiveres Sinneserlebnis.

„Mit der Bewegung verändert sich die Wahrnehmung“, behauptet Prasqual und lässt die Zuhörer am Dienstagabend durch eine außergewöhnliche Klangwelt spazieren.

Doch zu Beginn ganz klassisch auf dem Klavier: kurze Musikstücke von Johann Sebastian Bach und Robert Schumann, die Prasqual „wunderbare Kleinode“ nennt. Der Stipendiat des Künstlerdorfs ist glücklich, nach fünf Jahren endlich wieder auf dem Steinway-Flügel spielen zu dürfen. „Wir beide hatten in den vergangenen Tagen eine wunderbare Romanze“, schmunzelt der gebürtige Pole. Und das sieht und spürt das Publikum an diesem Abend im Alten Rathaus. Ehrfürchtig, beinahe liebevoll, bewegen sich Prasquals Finger über die Klaviatur. Kräftig beschwingt eröffnet Bachs Musik das Konzert und fließt über in Schumanns melancholische Träumerei. Der Pianist gibt den Tönen Raum und Zeit. Bedächtig lauscht er dem Klang nach bis der letzte Hall verstummt ist. Resonanzen sind sein großes Thema und seine Leidenschaft.

Zwei Eigenkompositionen fordern Instrument und Publikum heraus: „Luna Vuota“ – ein leerer Mond – ist ein ursprünglich für die imposante Orgel in der größten Kirche Warschaus geschriebenes Musikstück. Leichtfüßig trippeln die hellen Töne herbei, hüpfen vorsichtig vor und zurück oder halten lauschend inne. Mit gemächlich schwerem Schritt stapfen die tiefen Töne heran – laut und präsent. Bedrohlich dominant dagegen das Stück „Musique pour le Roi Primordial!“

Mit der nächsten und letzten Klavierkomposition des Abends führt Prasqual das Publikum bereits in eine meditative Welt. Zu Morton Feldmanns „Palais de Mari“ bleibt für eine halbe Stunde die Zeit beinahe stehen. „Ich hoffe, ich kann Sie faszinieren“, sagt der Künstler und ja, das gelingt ihm. Die Augen schließen, den hektischen Alltag los und die Gedanken fließen lassen. Zuhören. Die Töne plätschern wie ein ruhiger Bach sanft dahin und es ist wie ein langsames Schweben unter Wasser. Manch einer gibt in der Pause zu: „Das war wie Tiefenentspannung.“

Danach wird das Konzert experimentell. Die Stühle sind willkürlich im Raum verteilt und stehen kreuz und quer. Prasqual erklärt die nächsten Stücke und bittet: „Stehen Sie auf und bewegen Sie sich zwischen den Lautsprechern hin und her.“ Shakespeares Hamlet und das Liebesdrama zwischen ihm, Ophelia und Laertes haben den jungen Komponisten Prasqual inspiriert. Elektronische Klänge, verzerrt und übereinander verlagert, wabern durch den Raum. Drei verschiedene Herztonsequenzen symbolisieren die Protagonisten. Nur zögerlich lassen sich die Gäste auf das Klangerlebnis ein und erheben sich von ihren Stühlen. Doch mit den nächsten, unsichtbaren Klangskulpturen, gewidmet seinen Kindern Aswerus, Ester und Orlando, wagt sich das Publikum auf die Reise durch den Raum. Die Männer und Frauen schreiten bedächtig von Lautsprecher zu Lautsprecher, bleiben stehen, drehen den Kopf, lauschen.

Mit „Infolia“, einer Komposition elektronischer Musik für ein Ballett, gemischt mit klassischen Sequenzen nach Johann Sebastian Bach, ist der Bann endgültig gebrochen: zu sphärischen Klängen, zu Schnarren, Pfeifen, Schnalzen und Zwitschern lassen sich die Menschen auf das Experiment ein. Donnergrollen, Sturm und der Klang eines Windspiels verbinden sich zu einem dichten, intergalaktischen Klangteppich. Als der letzte Ton verhallt, flüstert ein Zuhörer: „Jetzt sind wir auf dem Mars gelandet.“ Es ist nicht jedermanns Sache, doch selbst Pfarrer em. Böckers sagt: „Ich wollte das mal kennenlernen.“

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