Alexej und Nicolai Gerassimez im Alten Rathaus
Die Hörgewohnheiten des Publikums herausgefordert

Schöppingen -

Die Brüder begannen das Konzert zwar furios – aber nur, um den Schwung danach noch weiter zu steigern. Alexej und Nikolaj Gerassimez wissen offensichtlich, wie sie ihr Publikum überwältigen können. Mit atemberaubender Technik und Kompositionen, die die Hörgewohnheiten der Zuhörer herausfordern. Am Samstagabend spielten sie im Alten Rathaus. Nikolai auf dem Steinway-Flügel, den der Bürgerverein vor zehn Jahren zur Verfügung gestellt hat, Alexej auf etlichen Schlaginstrumenten.

Montag, 27.11.2017, 07:11 Uhr

Die Brüder Gerassimez,  Nicolai am Piano und Alexej am Vibrafon, im Alten Rathaus.
Die Brüder Gerassimez,  Nicolai am Piano und Alexej am Vibrafon, im Alten Rathaus. Foto: Martin Borck

Eine wahrlich feurige Komposition stand am Anfang. Alexej hatte eigentlich den „Libertango“ von Astor Piazzolla für Vibraphon und Klavier arrangieren wollen. „Daran bin ich grandios gescheitert“, sagte er. Dafür entstand eine Komposition, die durchaus den Geist des argentinischen Tango-Meisters atmet. Gleich in diesem Stück zeigte sich die exquisite Technik der beiden Musiker. Alexej legte trotz des hohen Tempos unglaublich viele Nuancen in sein Spiel. Er formte einzelne Töne geradezu.

Paul Crestons Concertino für Marimbaphon, dessen dritten Satz sie in irrwitziger Geschwindigkeit spielten, offenbarte einen „hölzerneren" Klangkosmos. Etwas ab fiel „Temaczal“ von Javier Alvarez. Nicht dass Alexej als Solist nicht erneut seine Virtuosität gezeigt hätte; doch die eingespielten Geräusche vom Band und die übertriebene „Schamanengestik“ waren dem Gesamteindruck eher abträglich.

Hohe Konzentration und gute Kommunikation zwischen den beiden Musikern erforderte „Famim 2“ von Emmanuel Séjourné , ein größtenteils durchkomponiertes Stück mit einem improvisierten Mittelteil. Eine erstaunliche Klangvielfalt erzeugten die Brüder: Alexej wirbelte zwischen seinen Instrumenten herum, strich mit einem Bogen die Becken, und Nikolai bearbeitete mit Schlägeln die Saiten des Flügels. Séjourné hat sich bei seiner Komposition von Musikern wie Chick Corea und der Band Weatherreport inspirieren lassen; das hörte man in einigen Passagen heraus.

Pianist Corea und Vibrafonist Gary Burton könnten sowieso als Vorbild für die beiden Brüder dienen, haben sie doch gemeinsam großartige Klavier/Vibrafon-Duos eingespielt. Doch der Vergleich geht nur zeitweise auf; die Brüder erschließen Klangwelten, die über den Bereich der Fusionmusik hinausgehen.

Die Paganini-Variationen von Fazil Say stellte Nikolai solo auf dem Flügel vor: Das (sogar von Klingeltönen) bekannte Thema hat Say zerrupft, zersaust und in verschiedenen Stilen wieder zusammengesetzt: Nikolai ließ die Melodie swingen, perlend fließen und ihren Charme versprühen.

Fugierte Passagen hat der norwegische Komponist Anders Koppel in seiner „Toccata“ eingebaut. Der Kontrast zwischen dieser alten Kompositionstechnik zu den modernen Tonfolgen, die sich den kontrapunktischen Vorgaben des Barock entzieht, machte den besonderen Reiz des Stücks aus.

Südamerikanisch wurde es noch einmal bei Ginasteras argentinischen Tänzen. Die hohe Kunst der Trommeltechnik präsentierte Alexej mit dem Solostück „Asventuras“ für Snaredrum. Ein Boogie im 7/4-Takt? Warum nicht, wenn er so locker-flockig präsentiert wird wie von dem Duo.

Mit zwei Zugaben, dem „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow und dem Foxtrott „Pass auf, kleine Ruth“ von Kurt Engel, verabschieden sich die beiden Brüder.

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