Kreis Coesfeld
"In eigener Sache die beste Expertin"

KREIS.COESFELD. "Im Moment geht`s mir gut", sagt Anika Sievers. Die 29-Jährige mit dem frechen Kurzhaarschnitt lächelt gewinnend - und man kommt nicht auf die Idee, dass die Coesfelderin schon seit rund zehn Jahren und vielleicht sogar länger an einer schweren Persönlichkeitsstörung leidet. Nur wer sie näher kennt, weiß von dem "ständigen inneren Druck", der sie lange zu einer...

Freitag, 28.01.2011, 00:01 Uhr

KREIS.COESFELD . "Im Moment geht`s mir gut", sagt Anika Sievers . Die 29-Jährige mit dem frechen Kurzhaarschnitt lächelt gewinnend - und man kommt nicht auf die Idee, dass die Coesfelderin schon seit rund zehn Jahren und vielleicht sogar länger an einer schweren Persönlichkeitsstörung leidet. Nur wer sie näher kennt, weiß von dem "ständigen inneren Druck", der sie lange zu einer Gefangenen in ihrem eigenen Körper gemacht hat. "Man steht ständig unter Strom." Und der führt immer wieder dazu, dass sie Dinge tut, tun muss, die Außenstehende nur als zerstörerisch, was die eigene Person und auch Beziehungen zu anderen angeht, werten können. Streifen-Narben an den Innenseiten ihrer Unterarme zeugen davon. Sich selbst zu verletzen - das ist auch das Bild, das in den Medien häufig von der psychischen Störung, um die es hier geht, gezeichnet wird. Sievers mag es nicht, weil Borderline in Fernsehsendungen und Artikeln dann auf dieses "Ritzen" reduziert wird - die Krankheit hat aber viel mehr "Gesichter" und die Betroffenen leiden unter sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen an Körper und Seele. Vor allem unter starken Stimmungsschwankungen. Darum ist es selbst für Fachärzte auch nicht so einfach, eine Diagnose zu stellen. Bei ihr ist Borderline mit 18 Jahren festgestellt worden. Seither hat sie schon einen langen Weg mit der Erkrankung hinter sich. Ja, geritzt hat sie sich immer wieder. Und nicht zuletzt gehören Fressattacken, die letztlich zu einem massigen Körper führten, bei ihr dazu. "Man kann sich sagen, dass man sich damit selbst schadet", erklärt sie, aber letztlich müsse man es tun, um mit einem deutlichen Schmerz den inneren psychischen Druck zumindest kurzzeitig mal durch einen anderen Reiz zu übertreffen. "Außenstehende können das nicht verstehen", sagt sie. "Warum hörst Du damit nicht auf?" sei eine häufig gestellte Frage. "Aber man kann einfach nicht." Irgendwann war es dann so schlimm, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Heute ist sie berentet. Über die Ursachen der Erkrankung streiten sich die Gelehrten. Sind sie hirnphysiologisch oder genetisch bedingt? Oder doch eher ausgelöst durch Traumata, zum Beispiel durch falsches oder Nicht-Verarbeiten von schlimmen Erlebnissen in der Kindheit. Für sich selbst hat Sievers nicht den einen Auslöser ausgemacht, sondern "eher ganz viele kleine". Das sei aber auch gar nicht so wichtig, sondern eher wie man mit der Krankheit umgeht und lebt. "Ich bin Borderline leid", sagt sie spitzbübisch grinsend zu ihrer derzeitigen Haltung zu ihrer Krankheit. Geholfen hat ihr langjährige Psychotherapie - und seit einem Jahr auch eine von ihr selbst gegründete Selbsthilfegruppe, der ersten für Borderline im Kreis Coesfeld . "Herrn Tammen vom Selbsthilfebüro wurde bei einer Fachtagung gesagt, dass das das schwierigste Thema für eine Selbsthilfegruppe sei", berichtet sie. Gerade auch, weil "Borderliner" angeblich beziehungsunfähig seien. Stolz ist sie darauf, das Gegenteil bewiesen zu haben. "Die Gruppe gibt es immer noch." Fünf von der Ursprungstruppe seien noch dabei. Allen geht es darum, mehr Lebensqualität zu bekommen. "Wir tauschen uns aus. Aber eine Jammerstunde ist das nicht", stellt Sievers klar. Die Gespräche dienten gerade dazu, Vereinsamung, lähmender Verzweiflung und Hilflosigkeit zu entkommen. "Wir treffen uns alle 14 Tage und tanken dabei auf", umschreibt sie den Effekt. "Jeder erlebt dabei, dass er nicht alleine ist." Denn in Ergänzung zu Ärzten und Psychologen, die ihren Fachblick auf die Krankheit haben, "sind wir die besten Experten in eigener Sache". Platz sei für "alles, was uns gut tut". Ihr selbst hat die Gruppe einen positiven Schub gebracht, besser mit der Krankheit klarzukommen. "Das Wichtigste ist, dass man das auch möchte und sich nicht in Selbstmitleid stürzt", erklärt sie. Gerade auch mit so genannten "Skills" und Achtsamkeitsübungen sowie viel Selbstreflexion habe sie es gescbafft. Muss sie sich nicht mehr ritzen? "Nein, das kann immer noch vorkommen", sagt sie ehrlich. Die Krankheit sei letztlich unheilbar. Aber mit früher sei das bei ihr jetzt nicht mehr zu vergleichen. Vielleicht einmal im Jahr verletzt sie sich noch selbst - früher war es teilweise mehrmals täglich. "Ich habe gelernt, schwierige Situationen auszuhalten", sagt sie dazu. "Ich möchte es nicht mehr, höre auf mich, kümmere mich um mich, achte darauf, dass ich gesund werde und bleibe." Ihr nächstes Projekt, das sie antreibt, ist jetzt ein Umzug aufs Land - gemeinsam mit ihrem Freund, mit dem sie schon seit acht Jahren zusammen ist, und Möpsen. Dort soll es dann verstärkt den überflüssigen Kilos an den Kragen gehen, "damit ich die Bewegung mit den Hunden richtig genießen kann." 7 Die Borderline-Selbsthilfegruppe ist offen für alle im Kreis Coesfeld , bei denen diese psychische Störung diagnostiziert worden ist. Jederzeit können Neue ohne vorherige Anmeldung hinzukommen. Die Gruppe trifft sich an jedem 2. und 4. Dienstag im Monat jeweils um 18.30 Uhr in der Kontakt- und Beratungsstelle der Caritas am Ostdamm 133 in Dülmen, das nächste Mal am 8. Februar. Kontakt per E-Mail können Interessierte zu Anika Sievers aufnehmen unter anika-sievers@web.de. | www.borderline-coesfeld.de

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