Fr., 11.04.2014

Theaterstück zu den „Eichmann-Protokollen“ Der Täter am Schreibtisch

Die Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule erlebten im Forum eine beklemmende Aufführung. Harald Schandry (l.) und Bernd Surholt von den Hannoverschen Kammerspielen zeigten das Stück „Arzt hätt’ ich nicht werden dürfen“.

Die Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule erlebten im Forum eine beklemmende Aufführung. Harald Schandry (l.) und Bernd Surholt von den Hannoverschen Kammerspielen zeigten das Stück „Arzt hätt’ ich nicht werden dürfen“. Foto: Dieter Klein

Havixbeck - 

Eine besondere Geschichtsstunde fand in der Anne-Frank-Gesamtschule Havixbeck mit der beklemmenden Aufführung des Theaterstücks „Arzt hätt‘ ich nicht werden dürfen“ statt.

Von Dieter Klein

Gebannt, ungläubig und entsetzt folgten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 11 und 12 in der Anne-Frank-Gesamtschule einer Geschichtsstunde der besonderen Art: Vor ihnen auf der Bühne des Forums spielten die Schauspieler Harald Schandry und Bernd Surholt von den Hannoverschen Kammerspielen das Stück „Arzt hätt‘ ich nicht werden dürfen“, einen Dialog zwischen Kläger und Ankläger. 45 Minuten aus den „Eichmann-Protokollen“, ein Extrakt aus insgesamt 3564 DIN-A4-Seiten, die israelische Verhörspezialisten von Tonbändern abschreiben ließen, nachdem sie Adolf Eichmann 1960 in seinem Versteck in Argentinien aufgestöbert und nach Israel entführt hatten.

275 Stunden hatte Eichmann seine Beteiligung an der Deportation und Vernichtung von mehr als sechs Millionen Juden abgestritten. 275 Stunden hatte der Obersturmbannführer aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin mit klischeehaften Phrasen seine Handlangerschaft am größten Massenmord der Geschichte geleugnet. Immer wieder behauptete er: „Ich war nur ein Befehlsempfänger von Hitler und Heydrich. Ich konnte gar kein Blut sehen. Arzt hätt‘ ich nicht werden dürfen . . .“ Doch mit Hilfe unzähliger Dokumente und noch lebenden Zeitzeugen konnten ihm die Israelis seine verbrecherische Karriere im Dritten Reich minutiös nachweisen. Seinen Beginn in Wien und Prag. Sein Auftreten bei der berüchtigten „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942, wo die Spitzen der Hitler-Vasallen aus der NSDAP , der SS, Gerichten und Verwaltungsbehörden erstmalig zusammengekommen waren, um über eine gemeinsame „Parallelisierung der Linienführung zur Endlösung des Judenproblems“ abzustimmen. Eichmann leugnete dies. Er behauptete: „Ich war nur Schreibtischtäter. Die Befehle kamen von ganz oben. Die gute Gesellschaft stimmte allem zu. Was sollte ich da anderes tun als gehorchen!“

Die beiden Schauspieler rezitierten dies alles ohne Theatralik, in kalter Nüchternheit, die ohnehin schon von der völlig schwarz verhangenen Bühne bestimmt war. Schrecklich ihre monotonen Schilderungen der Menschentransporte in die Todeslager, für die Adolf Eichmann hauptverantwortlich gewesen war. „Oft wurden die zur Deportation ausgesuchten Opfer in Viehtransporter zusammengepfercht, tagelang – im Sommer bei größter Hitze, im Winter bei eisiger Kälte – durch Europa verfrachtet. Ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Toiletten . . .“ Sie erinnerten daran: Auch aus Havixbeck sind Menschen so verschleppt worden.

Jetzt wandte sich so mancher Schülerblick in Richtung des Bildes neben dem Bühnenaufgang, dem Bild von Anne Frank , dem Mädchen, nach dem zur Erinnerung ihre Schule benannt worden war. Sie wussten nun, oder ahnten zumindest, was das kleine in Frankfurt geborene, nach Amsterdam geflüchtete jüdische Mädchen, das 1944 ins Todeslager nach Auschwitz verfrachtet worden war, mitgemacht haben musste. Anne kam später in das KZ Bergen-Belsen. Hier starb sie im März 1945, wenige Tage vor ihrem 16. Geburtstag und nur wenige Wochen vor Kriegsende, an Typhus. In Belsen steht ihr Denkmal.

Adolf Eichmann starb, in Israel zum Tode verurteilt, dort in der Nacht zum 1. Juni 1962, zwei Minuten nach Mitternacht am Galgen. Seine Leiche wurde in einer nahen Zementfabrik verbrannt, die Asche außerhalb israelischer Hoheitsgewässer im Meer verstreut.

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