So., 25.12.2016

Frühkindlicher Autismus Nein und Aua – mehr nicht!

Die Familie Rose beim Spielen mit (v.l.) Dominik (6), Vater Stefan (43), Jonathan (4) und Mutter Beatrix (39). Die Fröhlichkeit kommt nicht zu kurz.

Die Familie Rose beim Spielen mit (v.l.) Dominik (6), Vater Stefan (43), Jonathan (4) und Mutter Beatrix (39). Die Fröhlichkeit kommt nicht zu kurz. Foto: Klaus de Carné

Havixbeck - 

Der viereinhalbjährige Jonathan leidet unter frühkindlichem Autismus. Hilfe bringt die Spielraum-Methode.

Von Klaus de Carné

Jonathan nimmt seinen Vater an die Hand und zerrt ihn in das Untergeschoss des Hauses. Dabei verliert er kein Wort. Er weiß aber genau, wo er hingehen möchte. Der viereinhalbjährige Junge rennt auf einen Raum mit einer Spielmatratze zu und hat schnell einen Sack mit Spielzeug am Wickel und sucht sich die Lieblingstiere heraus.

Sein Vater Stefan schaut, was er macht und steigt ins Spiel mit ein. In diesem Spielraum fühlt sich der Junge besonders wohl. Die Scheiben sind zugeklebt, der Raum hat kaum Farben und ist einfach eingerichtet. Alles andere würde Jonathan überreizen. Im zweiten Lebensjahr haben Ärzte bei ihm einen frühkindlichen Autismus diagnostiziert.

Jonathan spricht zurzeit nur zwei Wörter: Nein und Aua! Mehr nicht. Er sagt nicht Mama und nicht Papa. Essenswünsche äußert er ebenfalls nicht. „Nur wenn er sich einen Teelöffel aus der Küchenschublade holt, dann wissen wir, dass er einen Schokoaufstrich möchte“, erzählt seine Mutter Beatrix Rose . Das muss dann wiederum schnell gehen, weil Jonathan, ähnlich wie seine Altersgenossen, nichts verpassen will.

„Jonathan nimmt kaum Blickkontakt mit uns auf“, erzählt Stefan Rose. In der Gegenwart von gleichaltrigen Kindern scheint er völlig verloren. Er kann weder mit anderen Kindern, noch mit Spielzeug angemessen spielen, er scheint versunken in seiner eigenen Welt aus Stereotypen, wie mit dem Kopf schaukeln oder Schranktüren auf und zu machen.

Die verschiedenen Übergänge, die den Alltagsrhythmus stören, gestalteten sich als extrem schwierig; Schreien und Weinen dominieren den Alltag der Eltern und des sechseinhalbjährigen Bruders Dominik.

Spontane Änderungen enden oft in Wutausbrüchen. Jonathan weigert sich, auf die Toilette zu gehen, verweigert nahezu alle Nahrungsmittel. „Er isst überhaupt kein Obst, Gemüse oder Fleisch und rennt im Freien ständig weg und reagiert fast gar nicht auf seinen Namen“, berichtet Beatrix Rose (39).

Eine unabgeschlossene Haustür kann für die Familie fatale Folgen haben, da Jonathan überhaupt kein Gefühl für Gefahren hat. „Wasser zieht ihn an. Er rennt in jede Pfütze. Kürzlich mussten wir ihn aus einem Wasserloch herausziehen, weil es tiefer war als erwartet. An größeren Gewässern bewegen wir uns lieber nicht“, erzählt Vater Stefan (43) von Spaziergängen.

Seit Kurzem hat das Ehepaar wieder Hoffnung: Es hörte von einem in Deutschland noch recht unbekannten Autismus-Spielraum-Programm. Dieses wurde vom Theaterpädagogen-Ehepaar Christiane und Deniz Döhler für ihr eigenes autistisches Kind entwickelt.

Sieben Jahre lang spielten sie intensiv mit ihrem Sohn Luka. „Dieses Kind hat die gleiche Diagnose wie Jonathan“, berichtet Beatrix Rose. Trotz seiner anderen (autistischen) Wahrnehmung nahm die Entwicklung von Luka durch den Spielraum einen äußerst positiven Verlauf und Luka konnte immer mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Das Kind habe sich zu einem spontanen, kooperativen, kommunikativen und teamfähigen Kind entwickelt. Später besuchte Luka eine Regelschule, spielte mit Gleichaltrigen in der Kinderbasketballgruppe und verabredete sich mit Klassenkameraden.

Inzwischen wird die Spielraum-Methode (AuJA) deutschlandweit bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus erfolgreich eingesetzt. Für die Roses war klar: „Wir wollen unserem Kind auf der Basis der AuJA-Prinzipien helfen, zumal wir intuitiv schon sehr ähnlich mit Jonathan gespielt hatten. Durch den Kontakt und Austausch mit den Döhlers und unserer Gastfamilie bei der Startwoche, die dieses Programm ebenfalls seit sieben Monaten mit großem Erfolg bei ihrem vierjährigen autistischen Sohn einsetzt, wurden wir in diesem Vorhaben sehr bestärkt“, so das Ehepaar Rose.

Der Alltag für die Familie Rose ist täglich ein neuer Kraftakt. Deshalb suchen die Eltern zu sofort Menschen, die sich mit Jonathan im Rahmen des Spielraum-Programms beschäftigen. Das Verständnis für Kinder sollte vorhanden sein. Vorerfahrungen mit dem Thema Autismus sind nicht erforderlich.

Jonathan geht in die Havixbecker Kindertagesstätte „ Tabaluga “. „Wir sind so froh, dass dort geschulte Mitarbeiter sich intensiv mit unserem Sohn beschäftigen und ihn gut anleiten“, so Beatrix Rose. Sie ist mit einer halben Stelle berufstätig. Ihr Mann arbeitet Vollzeit.

Freunde und Bekannte hatten kürzlich auf dem Wochenmarkt einen Stand mit weihnachtlichen Artikeln organisiert, um der Familie auch finanziell unter die Arme zu greifen.

Alle Kosten für ein AuJA-Jahrestraining in Höhe von circa 7.200 Euro und das notwendige Spielmaterial kann das Ehepaar nicht bezahlen. Deshalb bitten die Eltern mögliche Spender um eine Unterstützung. Sie sind davon überzeugt, dass ihrem Sohn so geholfen werden kann und die weiteren Jahre für alle nicht so belastend sein werden.

 

Zum Thema

Spendenkonto: AuJA Spielräume gUG, IBAN: DE65 4306 0967 1143 5827 00, GLS Gemeinschaftsbank. Verwendungszweck: Spende AuJA für Jonathan Rose.

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Nur wenn er sich einen Teelöffel aus der Küchenschublade holt, dann wissen wir, dass Jonathan einen Schokoaufstrich möchte.

Beatrix Rose

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