Di., 26.01.2016

Vergangenheitsbewältigung „Erzähl es niemandem“

Die Journalistin Randi Crott las aus ihrem Buch „Erzähl es niemanden“, in dem sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern aufgezeichnet hat.

Die Journalistin Randi Crott las aus ihrem Buch „Erzähl es niemanden“, in dem sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern aufgezeichnet hat. Foto: Maxi Kraehling

Havixbeck - 

„Erzähl es niemanden“ heißt das Buch der Journalistin Randi Crott, das sie anlässlich des Ausschwitz-Gedenktages in der Bibliothek der Anne-Frank-Gesamtschule vorstellte.

Von Maxi Krähling

„Erzähl es niemandem“, lautete die Bitte ihrer Mutter. Viele Jahrzehnte ist Randi Crott dieser Bitte nachgekommen. Vor allem, weil ihr Vater strikt dagegen war, dass dieses Familiengeheimnis ans Licht kommt. Ein Familiengeheimnis, das eng mit der deutschen Geschichte im Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen an den Juden verbunden ist. Ein Familiengeheimnis, das nicht jeden aus ihrer Familie schützen konnte.

„Erzähl es niemanden“ heißt das Buch der Journalistin Randi Crott, das sie anlässlich des Ausschwitz-Gedenktages am Sonntag in der Bibliothek der Anne-Frank-Gesamtschule vorstellte. Auf Einladung des Friedenskreises, der Gemeinde Havixbeck und der Volkshochschule Dülmen – Haltern am See – Havixbeck war sie in die Baumbergegemeinde gekommen.

„Gibt es einen besseren Ort, um an Auschwitz zu erinnern?“, begrüßte Christa Degemann-Lickes, Vorsitzende des Havixbecker Friedenskreises die vielen Zuhörer. Auschwitz sei nicht bloß ein Ort in Polen, sondern auch in dieser Gemeinde ein greifbarer Ort. „13 Stolpersteine gibt es in Havixbeck, die an jüdische Mitbürger erinnern, die durch das Naziregime zu Tode gekommen sind“, verdeutliche Degemann-Lickes die Nähe der geschichtlichen Ereignisse.

Für Randi Crott ist die deutsche Geschichte besonders nah. Denn eigentlich erzählt ihr Buch die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Lillian, das 19-jährige norwegische Mädchen, verliebt sich in Helmut, den deutschen Soldaten. Das Ganze geschieht 1942 auf der norwegischen Insel Hinnoy, nördlich des Polarkreises. Dorthin wurde Helmut als Besatzer von der Wehrmacht geschickt.

Schlimm genug, dass Lillian sich mit Helmut einlässt, bei allem, was die Deutschen ihrem Land angetan haben. Aber es gibt noch ein anderes Element, das die Situation kompliziert macht: Helmut ist der Sohn einer deutschen Jüdin, er also ein Halbjude. Von dieser Tatsache darf niemand erfahren. Nicht Lillians Eltern, nicht ihre Freunde, niemand auf deutscher Seite, denn noch schützt ihn die deutsche Wehrmachts-Uniform. Seiner Mutter erging es anders. Sie wurde 1944 ins KZ Theresienstadt deportiert.

Dass Randi Crott also selber jüdische Wurzeln hat, erfährt sie erst mit 18 Jahren von ihrer Mutter. Und selbst über zwei Jahrzehnte nach Kriegsende darf sie mit niemandem darüber reden. Genau wie ihre Mutter vor ihr. „Ich habe es nicht weitererzählt. Das sollte mich selber schützen“, erklärt Randi Crott. Erst zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters sei sie der Geschichte nachgegangen, 2012 erschien das Buch.

„Es sind die konkreten Geschichten, die uns Anteil haben lassen“, sagt die Journalistin bei der Lesung. Denn es sei nicht nur eine private, sondern auch eine politische Geschichte. „Und so absurd das klingt. Ohne Hitler und seine Feldzüge, gäbe es mich nicht.“

2013 erschien das Buch auch auf Norwegisch. Sie habe das Gefühl gehabt, dass gerade das wie eine Spätrehabilitation für ihre Mutter gewesen sei. „Und letztendlich glaube ich, dass es auch meinem Vater recht gewesen wäre, dass ich nicht geschwiegen habe“, beendete sie ihre Lesung.

Zum Thema

„Erzähl es niemandem – Die Liebesgeschichte meiner Eltern“ von Lillian Berthung Crott und Randi Crott ist im Dumont-Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

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