Do., 07.12.2017

Nachts bleibt immer ein Licht an Jugendliche Flüchtlinge in Seppenrade

Büffeln für die Schule oder Deutsch üben beim Comiclesen – Bobo aus Guinea bekommt Unterstützung von Betreuerin Laura Halmagi. Nachmittags geht es für den 17-Jährigen zum Sport: Bobo kickt beim SV Fortuna.

Büffeln für die Schule oder Deutsch üben beim Comiclesen – Bobo aus Guinea bekommt Unterstützung von Betreuerin Laura Halmagi. Nachmittags geht es für den 17-Jährigen zum Sport: Bobo kickt beim SV Fortuna. Foto: ben

Seppenrade - 

Sie sind allein nach Deutschland geflohen und haben Schreckliches erlebt – im kleinen Seppenrade haben die jugendlichen Flüchtlinge jetzt das bekommen, was sie so dringend brauchen: die Chance auf ein neues Leben.

Von Beate Nießen

Auf dem kleinen Schreibtisch steht ein Schoko-Nikolaus, davor liegt ein Comicheft, über das der 17-jährige Bobo gerade seinen Kopf beugt. Langsam und laut liest er den deutschen Text in den Sprechblasen. Laura Halmagi, seine Betreuerin, unterbricht ihn nur, wenn er einen Fehler macht. Dann korrigiert er sich, grinst verschmitzt und liest weiter. Bobo stammt aus Guinea und lebt seit Mai in der Unterkunft für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge im Josefshaus. Die ehemalige Brückeneinrichtung läuft seit dem 1. November in Trägerschaft des DRK Coesfeld als reguläre Wohngruppe für Jugendliche.

Wie „ein kleines Zuhause“

Für die Jugendlichen bedeutet diese Umwandlung vor allem eines: sie dürfen bleiben. Sie müssen keine Angst mehr haben, plötzlich auf andere Einrichtungen irgendwo in NRW verteilt zu werden. Die Wohngruppe, zehn Jugendliche und sechs Betreuer, ist für sie jetzt wie „ein kleines Zuhause“, wie es Bobos Zimmernachbar Antoine nennt. Auch er ist aus seiner Heimat, der Elfenbeinküste, allein nach Deutschland geflohen. Jetzt besucht er das Richard-von-Weizsäcker-Berufskolleg und in seiner Freizeit übt er sich im Judo beim JC Lüdinghausen. Was er später mal beruflich machen möchte, weiß er auch schon. „Anlagenmechaniker“, sagt er etwas schwer verständlich.

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Wenn wir ihnen nicht verlässlich zur Seite stehen, sind sie eine leichte Beute für Radikale oder Kriminelle, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

Christoph Schlütermann (Vorsitzender DRK-Kreisverband Coesfeld)

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Sein Deutsch ist noch ziemlich holprig. Trotzdem hat er einen Praktikumsplatz bei einer Firma in Dülmen ergattert. „Einer von vielen Schritten, die die Jugendlichen auf dem Weg in ihr neues Leben machen und wir begleiten sie dabei“, erklärt Einrichtungsleiterin Birgit Poschmann. Ohne diese Begleitung hätten sie kaum eine Chance, ihren Platz in diesem, für sie so fremden, Land zu finden, sind sich Poschmann und Christoph Schlütermann, Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes, einig. „Diese jungen Menschen müssen mit so großen Umstellungen klar kommen, sind auf sich allein gestellt, haben oft Schreckliches erlebt und befinden sich dann auch noch mitten in der Pubertät, einer ohnehin schwierigen Phase“, zählt er die Herausforderungen auf. „Wenn wir ihnen dabei nicht verlässlich zur Seite stehen, sind sie eine leichte Beute für Radikale oder Kriminelle, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen“, so Schlütermann, der die Politik nachdrücklich davor warnt, die Mittel für Integrationsarbeit angesichts sinkender Flüchtlingszahlen zusammenzustreichen. „Wenn wir das tun, wird es am Ende teurer und schwieriger für uns alle.“

Integration

Wie die Integration jugendlicher Flüchtlinge ganz praktisch gerade auch im ländlichen Umfeld klappen kann, ist übrigens in Bobos Zimmer zu sehen. An der Wand hängt dort – neben, nein über den selbst gemalten Emblemen der Bundesligaclubs Dortmund und Bayern, das Logo seines Vereins, des SV Fortuna Seppenrade. Dort kickt Bobo im Mittelfeld. Und wenn er vom Training mit seiner Mannschaft spricht, rückt die Vergangenheit zumindest für einen Moment in den Hintergrund.

Schlimme Erinnerungen

Nur nachts, wenn es ruhig und dunkel wird auf den Gängen der Wohngruppe im Josefshaus, dann sind die schlimmen Erinnerungen bei den 13- bis 17-Jährigen wieder ganz nah. Dann bleibt fast in allen Zimmern zumindest ein kleines Licht an. Einrichtungsleiterin Poschmann weiß warum: „Aus Angst im Dunkeln wach zu werden und nicht zu wissen, wo sie sind. Nicht zu wissen, dass sie endlich in Sicherheit sind.“

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