Organspendezahlen auch in Lüdinghausen rückläufig
Der Ausweis hilft auch Angehörigen

Lüdinghausen -

Die Organspendezahlen gehen landesweit stark zurück. Das St.-Marien-Hospital bildet da keine Ausnahme. Die letzten beiden Organspenden verzeichnete Dr. Jürgen Dirks, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin, dort im Jahr 2015. Er plädiert daher für die Einführung einer sogenannten Widerspruchslösung, um die Zahlen dauerhaft zu steigern.

Mittwoch, 14.03.2018, 10:03 Uhr

In Nordrhein-Westfalen gab 2017 nur noch 146 Organentnahmen. Die letzten beiden Spenden im St.-Marien-Hospital verzeichnete Chefarzt Dr. Jürgen Dirks im Jahr 2015.
In Nordrhein-Westfalen gab 2017 nur noch 146 Organentnahmen. Die letzten beiden Spenden im St.-Marien-Hospital verzeichnete Chefarzt Dr. Jürgen Dirks im Jahr 2015. Foto: dpa

Die Zahlen sind alarmierend: Im vergangenen Jahr gab es in Nordrhein-Westfalen nur noch 146 Organentnahmen, 2012 waren es noch 231. Das bevölkerungsreichste Bundesland bildet mit 8,2 Organspendern pro eine Million Einwohner das Schlusslicht unter den sieben Organspende-Regionen in Deutschland. Wobei: Bundesweit sieht es mit 10,4 auch nicht wesentlich besser aus.

Da passen die Zahlen des St.-Marien-Hospitals in Lüdinghausen ins Bild: „Im vergangenen Jahr hatten wir zwei Patienten mit einem schweren, unumkehrbaren Hirnfunktionsausfall, die für eine Organspende infrage gekommen wären“, berichtet Dr. Jürgen Dirks, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin. Das Krankenhaus hat daraufhin Kontakt zur Deutschen Stiftung Organspende (DSO) aufgenommen, der per Transplantationsgesetz beauftragten Koordinierungsstelle in Deutschland. Zur Spende selbst sei es jedoch nicht gekommen. 2016 gab es nicht mal einen Kontakt zur DSO, weil es keine infrage kommenden Patienten gab. Immerhin: 2015 wurden im St.-Marien-Hospital zwei Organspenden durchgeführt.

Auch in wesentlich größeren Kliniken gibt es immer weniger Organspenden.

Dr. Jürgen Dirks

Mit dem rückläufigen Trend steht das Lüdinghauser Krankenhaus nicht alleine da. „Auch in wesentlich größeren Kliniken gibt es immer weniger Organspenden“, weiß Dirks, der 2010 vom St.-Franziskus-Hospital in Münster nach Lüdinghausen kam. Dabei hat das hiesige Krankenhaus mit Susanne Rauschenbach, Fachärztin für Anästhesie und Intensiv- sowie Notfallmedizin, bereits seit Jahren eine eigene Organspendebeauftragte, die eine Leitlinie zu dem Thema erstellt hat und öffentliche Aufklärungsarbeit leistet. Das ist jedoch neben der eigentlichen ärztlichen Arbeit nur in begrenztem Umfang möglich. „Ähnlich geht es allen Kollegen. Wenn wir uns in Sachen Organspende engagieren und Informationsveranstaltungen anbieten, geht das nur in der Freizeit. Ansonsten könnten wir den Operationssaal streckenweise zumachen“, sagt Dirks. Daher hat er einen ganz konkreten Wunsch an den nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister: Mediziner sollten ein Zeitkontingent für derartige Aufklärungsarbeit bekommen. Dirks: „Karl-Josef Laumann hat sich in der Vergangenheit als Förderer der Organspende gezeigt. Vielleicht tut er als Minister nun etwas in dem Bereich.“

Doch selbst das würde nach Auffassung des 49-Jährigen noch nicht den großen Durchbruch bringen. „Grundsätzlich werden wir in Deutschland nicht von den niedrigen Organspendezahlen herunterkommen, so lange es keine Widerspruchslösung gibt“, ist Dirks überzeugt. Das bedeutet: Grundsätzlich kommt jeder als Organspender in Betracht, der dem nicht bewusst widerspricht.

Belastende Situation

Die Entscheidung, per Ausweis sein Einverständnis für oder aber auch gegen eine Organspende zu geben, stellt in den Augen des Chefarztes auch eine große Hilfe für die Angehörigen dar. „Sie wissen dann einfach, was der Patient gewollt hat. Ansonsten stehen sie im Falle eines Falles alleine vor der Entscheidung, und das in einer ohnehin schon sehr belastenden Situation“, so die Erfahrung des Mediziners.

Der Angst, die in vielen Hinterköpfen immer noch da ist, potenziellen Organspendern könnte nicht die intensivmedizinische Hilfe zuteil werden wie Nicht-Spendern, tritt Dirks vehement entgegen. Eine Organspende sei nur dann möglich, wenn der irreversible Hirnfunktionsausfall, umgangssprachlich auch als Hirntod bezeichnet, zweifelsfrei festgestellt worden sei. Und dieses Verfahren sei losgelöst von einer möglichen Organspende zur Todesfallfeststellung bei entsprechend schwerem Hirnschaden immer vorgeschrieben. Zwei Ärzte entscheiden unabhängig voneinander, ob das Gehirn eines Menschen tatsächlich unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen ist. Dabei muss mindestens einer von ihnen ein Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. Erst wenn ein solches Protokoll vorliegt, ist eine Organentnahme zulässig.

Dirks war während seiner Ausbildung an einer Klinik in Würzburg sowie am St.-Franziskus-Hospital bei mehreren Organentnahmen dabei und hat im Laufe seines Berufslebens einige Menschen, die Spenderorgane erhalten haben, kennengelernt. Dass er selbst einen entsprechenden Ausweis hat, steht für ihn außer Frage. Mehr noch: „Jeder, der bereit wäre, im Notfall ein Organ anzunehmen, sollte auch als Spender zur Verfügung stehen“, fordert der Arzt.

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