Ehemaliger Abgeordneter Winfried Nachtwei berichtet über Afghanistan
„Abzug bedeutet Bürgerkrieg“

Lüdinghausen -

Über die Lage in Afghanistan referierte am Dienstagabend im Pfarrsaal St. Felizitas der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sicherheitsexperte Winfried Nachtwei vor rund 80 Zuhörern. Die anschließende Diskussion verlief teils sehr emotional.

Donnerstag, 17.05.2018, 13:05 Uhr

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei berichtete am Mittwochabend im neuen Pfarrsaal der Kirchengemeinde St. Felizitas über seine Afghanistan-Erfahrungen.
Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei berichtete am Mittwochabend im neuen Pfarrsaal der Kirchengemeinde St. Felizitas über seine Afghanistan-Erfahrungen. Foto: r

Er gehört wohl zu den wenigen deutschen Politikern, die wissen, wovon sie reden, wenn es um Afghanistan geht. Winfried Nachtwei, von 1994 bis 2009 Bundestagsabgeordneter für die Grünen und sicherheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion, beschäftigt sich auch nach dem Ausscheiden aus dem Parlament mit dem vom Krieg zerrütteten Land, das er in den vergangenen Jahren regelmäßig besucht hat.

Vor rund 80 interessierten Besuchern referierte er am Dienstagabend im neuen Pfarrsaal von St. Felizitas über die Situation in Afghanistan. Eingeladen hatten dazu der Ökumenische Arbeitskreis der katholischen und evangelischen Gemeinden sowie die Arbeitsstelle Gerechtigkeit und Frieden. In seinem Vortrag zeichnete Nachtwei das Bild eines Staates, der in vieler Hinsicht zerrissen sei. Zugleich beklagte er, dass das Interesse an dem Land in der deutschen Politik kaum noch vorhanden sei: „Es gibt erhebliche Ermüdungserscheinungen.“ Und das, obwohl noch immer deutsche Soldaten dort im Einsatz sind. Er selbst sei in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter an 20 Afghanistan-Entscheidungen beteiligt gewesen, zunächst bejahend, später ablehnend. Dennoch, so betonte er, sollte sein Vortrag kein Versuch der „Selbstrechtfertigung“ werden.

Es gibt erhebliche Ermüdungserscheinungen.

Winfried Nachtwei
Winfried Nachtwei

Winfried Nachtwei

Anschaulich beschrieb er seine Erlebnisse insbesondere in der jüngeren Vergangenheit. Noch bei einem Besuch im Jahr 2015 habe er in Masar-e-Scharif unbehindert durch die Stadt gehen können und die Blaue Moschee – die Grabstätte von Ali ibn Abi Talibs, dem Schwiegersohn Mohammeds – besucht. Kaum zwei Jahre später habe er sich in dem Land nur noch per Hubschrauber fortbewegen können – ohne schusssichere Weste habe er keinen Schritt tun können. Ein Offizier habe ihm gegenüber beklagt: „Wir haben die Initiative verloren.“ Ein Afghane, der sein Haus am Morgen verlasse, wisse nicht, ob oder wie er am Abend wieder zurückkommen werde, skizzierte er die prekäre Lage für die einheimische Bevölkerung angesichts der Taliban-Attacken.

Ausdrücklich lobte Nachtwei den besonnenen Einsatz der Bundeswehrsoldaten im Rahmen ihrer Mission. Die würden bei den Menschen großes Ansehen genießen. Zugleich verwies er auf viele erfolgreiche Hilfsprojekte, die angestoßen worden seien, von der Gründung von Bildungseinrichtungen und Krankenstationen bis hin zur Verbesserung der Wasser- und Energieversorgung.

Es gibt Inseln der Hoffnung. Es geht um die Menschen.

Winfried Nachtwei

Im Anschluss an den sehr sachlichen Vortrag des Münsteraners ergab sich eine Fragerunde, die in Teilen sehr emotional geführt wurde. Pfarrerin Silke Niemeyer hatte als Moderatorin keine leichte Aufgabe, die Diskussion der teils erhitzten Gemüter in ruhigere Bahnen zu lenken. Ein Zuhörer, der sich selbst als ehemaliger Soldat in Afghanistan bezeichnete, erklärte zum Militäreinsatz: „Die Führung hat unsere Soldaten in den Tod geschickt.“ Und stellte dazu gleich die Frage nach dem Sinn dieser Einsätze. Eine Frau – gebürtige Afghanin, die mit 15 Jahren mit ihrer Familie aus dem Land geflohen war – sah vor allem die USA in der Verantwortung für die Situation. Die hätten schließlich in den 1980er Jahren die Taliban aufgerüstet im Kampf gegen die damalige Besatzungsmacht Sowjetunion. „Die Afghanen müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen“, formulierte sie. Der aktuelle Präsident sei nichts mehr als „eine Marionette der USA“.

Trotz der scheinbar immer unübersichtlicher werdenden Lage im Land plädierte Nachtwei dafür, Afghanistan nicht aus dem Blick zu verlieren. In der Vergangenheit habe es von der deutschen Politik viel „Schönrednerei und Realitätsverleugnung“ gegeben. Aber: „Es gibt Inseln der Hoffnung. Es geht um die Menschen.“ Den oft geforderten Abzug der ausländischen Militärberater bezeichnete der 72-Jährige indes als „Illusion“. Grundsätzlich seien diese aus seiner Sicht auch sinnvoll. „Ein Abzug stürzt das Land in einen Bürgerkrieg“, gab sich Nachtwei überzeugt.

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