Mi., 24.08.2016

Erinnerungen: Boat People Der lange Weg zum Frieden

Sind glücklich und zufrieden

Sind glücklich und zufrieden Foto: Ulla Wolanewitz

Nottuln - 

Vor 35 Jahren musste Hiep Huynh aus Vietnam fliehen, damit er ein Leben in Freiheit und Frieden würde leben können. Als einer der „Boat People“ kam er nach Deutschland. In Nottuln hat er eine Heimat gefunden.

Von Ulla Wolanewitz

Hiep Huynh war 18 Jahre alt, als er 1981 Vietnam verlassen musste. Die sorgenvollen Worte seiner Eltern sind ihm noch präsent: „Wenn du hierbleibst, musst du sterben. Wenn du gehst, hast du die Chance zu überleben!“ Sein Vater war Beamter in der südchinesischen Regierung gewesen. Deshalb gab es auch für ihn - nach der Machtübernahme der Kommunisten - keine Aussicht auf eine Zukunft in Freiheit. Der Gedanke, in einer Armee verheizt zu werden, unterstützte Hiep Huynhs Entscheidung, die Heimat zu verlassen.

„Materieller Reichtum bedeutet mir nichts“, sagt der 53-Jährige, der vor 35 Jahren nach Deutschland kam. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Frau und den drei Töchtern in Nottuln. Hier arbeitet der Elektroinstallateur für das Nottulner Unternehmen „DS Dichtungstechnik“ und fühlt sich an seinem Arbeitsplatz sehr wohl. „Meine Familie ist mein ganzer Reichtum und vor allem die Tatsache, dass wir hier in Frieden leben können“, betont der Vietnamese, der einer von mehr als 10.000 „Boat People“ ist, denen Rupert Neudeck mit der „ Cap Anamur “ den Weg in eine bessere Zukunft bahnte.

Nein, Schlepper waren dabei nicht im Einsatz. Mit 15 Menschen aus der Verwandtschaft und dem Bekanntenkreis sei ein kleines Boot finanziert worden. Es startete nachts von einer abgelegenen Anlegestelle im Süden des Landes. „Die Kinder bekamen Schlaftabletten, damit sie ruhig waren“, erinnert er sich.

Fernab der Küste wurde umgestiegen auf ein größeres Schiff. Um den Platz dort zu finanzieren, musste ein entsprechender Beitrag entrichtet werden. Wie hoch der war? „Das weiß ich nicht mehr“, sagt Hiep Huynh. „Die Währung war jedenfalls Gold. Man musste sich zuvor Gold-Blätter, die ähnlich wie Schokolade eingeschnitten waren, besorgen. Gezahlt wurde in Goldstückchen.“

Drei Tage und vier Nächte - mit wenig zu essen und nichts zu trinken - verbrachte er mit 66 Menschen auf dem Frachter. Eine furchtbare Zeit, die „ich nur halb bewusst erlebt habe“. Eingepfercht wie in einer Sardinendose habe er die ersten zwei Tage in der unteren Etage des Schiffs auf die Rettung gewartet. Die Angst, von thailändischen Piraten gefangen genommen zu werden, sei berechtigt gewesen: „Von zehn Booten kamen vielleicht zwei durch.“

Als die „Cap Anamur“ auftauchte, war klar: „Wir sind gerettet!“. Jeder Flüchtling wird aufgenommen, habe damals Bundeskanzler Helmut Schmidt versichert. Deshalb war er sicher, dass „mit dem Betreten der ‚Cap Anamur‘ der Weg nach Deutschland frei war“. Allerdings mit Umwegen über die Philippinen, wo er mit den anderen „Boat People“ für sieben Monate in einer Zeltstadt lebte. Er nutzte die Zeit, um Deutsch zu lernen: „Die Sprache ist der Schlüssel, der einem alle Türen öffnet.“

In Frankfurt betrat er erstmals deutschen Boden, bevor er mit weiteren Junggesellen nach Essen verteilt wurde. „In den ersten Wochen waren wir dort in einer umgebauten Leichenhalle untergebracht.“ Damals gab es keine Handys, zu Hause kein Telefon. So blieb ihm, um den Kontakt zur Familie zu halten, nur das Briefeschreiben. Aber: „Darin durfte nichts Politisches erwähnt werden, sonst kamen sie nicht an. Alles wurde wie von der Staatssicherheit überwacht.“ Über Remscheid, Oer-Erkenschwick und Rüthen landete Hiep Huynh schließlich nach zwei Jahren in Düsseldorf. Hier absolvierte er eine Ausbildung zum Elektroinstallateur.

Als er 1991, zehn Jahre nach seiner Flucht, den deutschen Pass erhielt, „bin ich direkt nach Vietnam geflogen. Ich hatte meine Familie doch so lange nicht mehr gesehen.“

Seine Frau Oanh lernte Hiep Huynh, obwohl sie auch Vietnamesin ist, in Bochum kennen. Sie kam in den 90er-Jahren nach Deutschland, um als Praktikantin bei ihrem Onkel im Reisebüro zu arbeiten.

Rückblickend reflektiert Hiep Huynh: „Ich habe in Deutschland nur positive Hilfe erfahren, und hier genießen wir unser Leben in Frieden!“

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