Mi., 02.08.2017

Begehrtes „Wegwerfprodukt“ Nottulner Unternehmen baut Mülleimer fürs Museum of Modern Art in New York

Jörg Sachse mit einem der 90 Tretmülleimer, die jetzt ihre Reise nach New York angetreten haben. Sie werden im Museum of Modern Art zum Einsatz kommen.

Jörg Sachse mit einem der 90 Tretmülleimer, die jetzt ihre Reise nach New York angetreten haben. Sie werden im Museum of Modern Art zum Einsatz kommen. Foto: Iris Bergmann

Nottuln - 

Es ist ein Tretmülleimer, wie er klassischer kaum sein könnte. Und er ist ein weltweiter Schlager der Firma ERPA Metallverarbeitung. Jetzt ist auch das berühmte Museum of Modern Art darauf aufmerksam geworden. Die Geschichte eines Erfolgspodukts.

Von Iris Bergmann

Es war im März, als die Mail aus New York im Postfach war. „Aber da hab ich erstmal nicht drauf reagiert“, erinnert sich Jörg Sachse schmunzelnd. Dabei war die Mail nicht von irgendwem. Sie kam vom weltberühmten Museum of Modern Art. Das MoMA wollte 90 der klassischen Treteimer ordern, die Jörg Sachse in seiner Firma, der ERPA Metallverarbeitung, in Nottuln herstellt. „Naja“, lacht Sachse schelmisch. „Da kamen dann noch ein paar Mails. Und irgendwann hab ich halt doch geantwortet.“ Inzwischen haben die 90 Tretmülleimer ihre Reise von der quietschgelb angestrichenen Halle an der Hanns-Martin-Schleyer-Straße aus in die USA angetreten.

Die Firma ERPA und Jörg Sachse - das war irgendwie Schicksal. Denn: Sachse ist mit den Gründern der Firma verwandt. „Aber es ist echt großer Zufall und war überhaupt nicht abzusehen, dass ich den Betrieb mal führen werde.“

Gründungsprodukt: Sammelbehälter für infektiösen Hustenauswurf

Gegründet wurde ERPA 1928 von Josef Rhode, verwandt und verschwägert mit den Rhodes der ehemaligen Nottulner Strumpffa­brik. Das Gründungsprodukt seinerzeit war die sogenannte Rhode-Patrone, in der der infektiöse Hustenauswurf von Tuberkulosekranken gesammelt und hygienisch entsorgt werden konnte. Der Mülleimer hat einen Tretmechanismus und einen dicht abschließenden Deckel.

Anfang der 50er-Jahre übergab Josef Rhode das Geschäft an seine Söhne Fritz und Ernst, die es mit den Abfallsammlern für den Sanitär-, aber auch für den Gas­tronomiebereich ausweiteten. Fritz stieg aus dem Geschäft aus, Ernst führte es weiter. Eben dieser Ernst Rhode war der Onkel von Jörg Sachse.

Doch bevor der gelernte Maschinenschlosser ERPA übernahm, gingen noch viele Jahre ins Land, ja wurde aus ERPA gar zwischendurch die Elpers und Hinsenhofen OHG und wurde von den beiden Besitzern nur noch als Nebenerwerb und Zulieferfirma betrieben. 1988 kam Jörg Sachse in den Betrieb, machte seinen Meister. Am 1. Januar 1997 trat er in die Fußstapfen seines Onkel Ernst, übernahm die Elpers und Hinsenhofen OHG, machte wieder ERPA daraus und kehrte mit der Produktion der Treteimer zurück zu den Wurzeln.

Handarbeit wird zur Erfolgsgeschichte

Damit begann seine Erfolgsgeschichte. Vom Zulieferbetrieb wurde die ERPA wieder zum Produktionsbetrieb für die klassischen Tretmülleimer, die allerdings nun eher in Haushalten Einzug hielten und hier als stylish gelten.

Gefertigt werden die Eimer noch genauso wie seinerzeit bei den Gründervätern: Jedes Stück ist Handarbeit, gemacht aus Blech, Scharnieren, Gummischnüren, Schrauben und Farbe. Etwa eine gute Stunde dauert es, bis so ein Stück fertig ist. „Wir machen so etwa 40 bis 45 in der Woche“, erklärt Sachse.

Fotostrecke: Von Nottuln nach New York

Internet als Segen für die „kleine Klitsche“

Und das war auch der Grund, weshalb sich der Chef so lange vom MoMA bitten ließ. „Ich dachte, dass ich mich damit verhebe.“ Schließlich sei er ja nur eine „kleine Klitsche“ im Münsterland, stapelt er tief. Was die fünf Leute im Betrieb, die alle, außer Sachse, in Teilzeit arbeiten, schaffen, ist definitiv indes nicht für die Tonne. Seien es Susanne Potthast und Ehefrau Anja im Büro oder sein Schwiegervater Paul Thesing und dessen Freund Erich Boor in der Werkstatt. Sie sind ein eingespieltes Team, das sich blind versteht.

Als ein Segen stellte sich für die Firma das Internet heraus. Sachse bekam Kontakt mit dem Internetshop Manufactum, der die hochwertigen und klassischen Treteimer in sein Sortiment aufnahm. Auch eine eigene Homepage hat das Unternehmen, über die die Treteimer geordert werden können.

Paris, New York, Tokio

Aber wie kommt nun das MoMA dazu, ERPA-Treteimer zu ordern? „So genau kann man das nicht mehr nachvollziehen“, meint Jörg Sachse. Da sei viel Mundpropaganda im Spiel gewesen. Über eine Messe in Paris sei ein Kunde darauf aufmerksam geworden, der Kontakte zum MoMA hatte. Und so entwickele sich eine solche Geschichte eben. Ganz einfach.

Ja, ganz einfach. Vor ein paar Tagen nun traten die 90 Treteimer, penibel verpackt, die Reise über den großen Teich nach New York an. Und was kommt als nächstes? „Naja, ich hatte da letztens eine Anfrage aus Tokio.“ Ein breites Lächeln huscht über Jörg Sachses Gesicht.

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