Sa., 15.07.2017

Rainer Franetzki blickt auf 23 Jahre als Konrektor der Bonhoeffer-Schule zurück: Pädagoge zwischen Pflicht und Kür

Sport war immer eine Herzensangelegenheit für Rainer Franetzki. Auf dieser historischen Aufnahme geht der Pädagoge mit gutem Beispiel voran. Zuletzt freute er sich mit den Schülern über den Gewinn des Handballpokals der Sendener Grundschulen.

Sport war immer eine Herzensangelegenheit für Rainer Franetzki. Auf dieser historischen Aufnahme geht der Pädagoge mit gutem Beispiel voran. Zuletzt freute er sich mit den Schülern über den Gewinn des Handballpokals der Sendener Grundschulen.

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Im WN-Interview schildert Rainer Franetzki Erfahrungen aus seinem Berufsleben. Der Pädagoge ist nach 23 Jahren als Konrektor der Bonhoeffer-Schule in den Ruhestand verabschiedet worden.

Er bewahrte Konstanz in der Schulleitung und setzte vor allem mit der Sportförderung Akzente: 23 Jahre lang hielt Rainer Franetzki als Konrektor die Bonhoeffer-Schule auf Kurs. Unser Redaktionsmitglied Dietrich Harhues sprach mit dem Pädagogen über die Erfahrungen aus seinem Berufsleben und die Herausforderungen, denen sich die Grundschule stellen muss.

Was zeichnet die Kindheit heute aus gegenüber dem Aufwachsen früherer Generationen?

Franetzki: Ich glaube, dass die primäre Sozialisation in der Familie, das heißt, das funktionelle, anforderungs- und entwicklungsorientierte Aufwachsen in der frühen Kindheit nicht mehr in dem eigentlich erforderlichen Maße gelebt und erlebt wird. Zudem werden die Kinder heute zu wenig in der Werteorientierung begleitet: Es fehlen die unmittelbaren Vorbilder und die Identifikationsfiguren aus Märchen und Geschichten, von denen Kinder lernen können. Stattdessen müssen Kinder allzu häufig in außerhäusliche Betreuungs- und Erziehungssysteme abgegeben werden, in denen die Entwicklungsreize nicht passgenau gegeben beziehungsweise ein großer Teil durch Erfahrungen aus zweiter Hand lediglich medial vermittelt werden.

Ist es für Kinder schwerer geworden, ihren Platz zu finden und sich zu behaupten?

Franetzki: Da Kindern heutzutage vielfach grundlegende Erfahrungen und Wertekategorien fehlen, haben sie zunehmend Schwierigkeiten, sich in sozialen Gruppen zu orientieren und situationsorientiert zu behaupten. Kaum entwickeltes Selbstbewusstsein oder falsche Einschätzung ihrer Möglichkeiten sind häufig die Folge.

Wirken Eltern mehr auf die Schulen ein, nehmen Einfluss auf pädagogische Fragen?

Franetzki: Auf die vertrauensvolle Haltung der Eltern kommt es an: Wenn gleiche oder ähnliche Orientierungen wie in der Schule vorliegen, profitiert das Kind in jedem Fall deutlich in seiner Entwicklung. Wenn Eltern allein der Schule oder therapeutischen Einrichtungen die Entwicklungsförderung ihrer Kinder überlassen oder sich nur noch auf ketzerisches Controlling beschränken, sind Entwicklungshemmungen oder -störungen vorprogrammiert. Leider sehe ich in Letzterem eine deutlich zunehmende Tendenz.

Sind Lehrer heute stärker gefordert und lasten auf ihnen Aufgaben, die früher das Elternhaus übernommen hat?

Franetzki: Die Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Der Anteil an erziehendem Unterricht musste erheblich aufgestockt werden, um die Basis für erfolgreiches und nachhaltiges Lernen zu schaffen. Umgang mit grenzverletzendem Verhalten ist mehr denn je zentrales Thema der Lehrerfortbildung. Sogenannter integrativer Unterricht oder sogar Inklusion von Kindern in heterogenen Systemen ist pädagogisch und politisch wünschenswert, aber häufig aufgrund der personellen und sächlichen Ressourcen kaum in sachgerechtem Maße umsetzbar.

Wo liegen besondere Herausforderungen für Pädagogen?

Franetzki: Heterogene Klassen verlangen deutlich mehr lehrendes oder betreuendes Personal beziehungsweise ein erhebliches Mehr an individueller Zuwendung, das heißt, gefragt ist hier der pädagogische Tausendsassa. Zudem müssten die Lerngruppen wesentlich kleiner sein. Unterricht in derartiger Konstellation kann in nur wenigen Fällen optimal funktionieren, daher erscheinen meiner Ansicht nach das Wiederaufleben und der Ausbau von Fördersystemen in Förderschulen unumgänglich.

Sind Sie als Pädagoge schon an Grenzen dessen, was sie leisten und wie sie noch einen Zugang zu Schülern finden können, gelangt?

Franetzki: Ja natürlich ist mir das so auch schon ergangen. In diesen Fällen ist ja auch noch der Rest der Klasse angemessen zu entwickeln und zu messbaren Leistungsfortschritten zu führen. Hier die erforderliche Balance zu finden, verlangt dauernde Präsenz und Konsequenz, vor allem aber auch besondere Authentizität und pädagogisches Geschick.

Was waren die prägendsten Ereignisse beziehungsweise Entwicklungen während Ihres Schuldienstes?

Franetzki: Die bis auf ganz wenige Ausnahmen außerordentlich gute beziehungsweise vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie gibt mir als Lehrer das notwendige Maß an Standsicherheit und den Kindern das Gefühl, in der Schule gut aufgehoben zu sein. Der angesichts des notwendigen Ausbaus der Bonhoeffer-Schule im Jahre 2003 von Seiten der Eltern initiierte Demonstrationszug der Bonhoeffianer zum Sendener Rathaus, der für viel Aufsehen sorgte und von Presse, Funk und Fernsehen begleitet wurde, wird mir diesbezüglich besonders in Erinnerung bleiben.

Was geben Sie Ihrem Kollegium mit auf den Weg, was wünschen Sie sich für die Kinder und die Bonhoeffer-Schule?

Franetzki: Meinen Kolleginnen und Kollegen wünsche ich die Kraft und Gelassenheit, sich auf ihre originären Aufgaben konzentrieren zu können. Das heißt, effizienten Unterricht erteilen zu können. Helfen würden dabei eine Verschlankung des administrativen Arbeitspensums sowie maßvolle und am Bedarf orientierte schulpolitische Einlassungen. Den Kindern wünsche ich interessante und nachhaltige Lernerfahrungen und Lernerlebnisse sowie die notwendige Ruhe, diese auch verarbeiten zu können. In diesem Sinne ist ein abwechslungsreicher Mix aus turnusmäßigem und projektorientiertem Unterricht – Pflicht“ und „Kür – sinnvoll.

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