Mi., 12.07.2017

Emsdettener kämpft gegen Tabakkonsum Ein Arzt verhüllt Zigarettenautomaten

Wütend verdeckt Dr. Joachim Kamp Zigarettenautomaten mit Folie und Warnschildern. Weitere Aktionen folgen.

Wütend verdeckt Dr. Joachim Kamp Zigarettenautomaten mit Folie und Warnschildern. Weitere Aktionen folgen. Foto: Peter Sauer

Kreis Steinfurt - 

Telefonzellen gibt es kaum noch welche, doch Zigarettenautomaten stehen gefühlt fast an jeder Ecke. Doch seit Mittwoch werden einige schwarz umhüllt. Von Dr. Joachim Kamp, Internist und Palliativmediziner. Er kämpft seit Jahren für ein Verbot der Tabakwerbung. 

Von Peter Sauer

Vor allem um junge Generationen erst gar nicht mit dem blauen Dunst einzunebeln und zum Rauchen zu bringen. „Und die Automaten im Straßenbild laden förmlich zum Konsum ein. Das will ich ändern!“ – Nicht nur im Kreis, sondern auch NRW-weit findet Dr. Kamp immer mehr Unterstützung.

„Meine Geduld ist am Ende!“ Joachim Kamp ist sauer. „Ich habe wirklich alles versucht.“ Nun greift der Internist und Palliativmediziner durch. Am frühen Mittwochmorgen umhängt er drei zentral gelegene Zigarettenautomaten in Emsdetten mit großen Plastikfolien, „so schwarz wie eine geteerte Lunge“. Befestigt die Folien mit Panzerband. Auf die Folie klebt er Sätze wie diese: „wegen 140.000 Todesfällen geschlossen“. So viele Menschen sterben nach Angaben der Deutschen Krebshilfe jedes Jahr an den Folgen des Rauchens in Deutschland.

Fotostrecke: Internist verhüllt Zigarettenautomaten

Kamp fährt ein paar Straßen weiter. Dort hängt der Zigarettenautomat zwischen Bäckerei und Gaststätte direkt neben dem Kaugummiautomat für Kinder, was den Mediziner zusätzlich ärgert. Passend dazu klebt er auf dem umhüllten Zigarettenautomaten das Schild „Tabakindustrie ködert Kinder“.

Das ist nun alles kein Nachzügler des Kulturereignisses „Skulptur-Projekte“ in Münster, sondern für den in Greven, Saerbeck und Emsdetten tätigen Internisten, Allgemeinmediziner und Palliativarzt „der einzige Weg, um mir wirksam Gehör zu verschaffen“.

Bereits zahlreiche Kampagnen initiiert

Joachim Kamp hat bereits Kampagnen zum Tabakwerbeverbot initiiert, Sportteams unterstützt, im Internet gewarnt, Facebook-Nutzer bundesweit zu Selfies angeregt und Demos mit anderen Ärzten vor der Tabakmesse in Dortmund gemacht. Als Sprecher von „Rauchfrei NRW“, als Vorstandsmitglied im Ärzteverband Tabakprävention. Und nicht zuletzt als Familienvater und Arzt.

Wogegen der 51-Jährige konkret kämpft? Gegen Tabakwerbung, öffentliche Zigarettenautomaten und die immer wieder in der Politik erörterte Aufweichung des Nichtraucherschutzgesetzes.

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Wir Ärzte sehen täglich das Leid, dass diese lobbybetriebene Politik bedeutet.

Joachim Kamp

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Aktuell habe der Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder trotz gegenteiligem Bundeskabinettsbeschluss ein Tabakwerbeverbot verhindert. Kamps Stirn zieht tiefe Sorgenfalten: „Die neue NRW-Landesregierung will jetzt sogar Raucherclubs wieder zulassen.“

„Rauchen ist Körperverletzung"

„Rauchen ist Körperverletzung", sagt Kamp. „Für mich als Arzt ist dieses politische Versagen zu Gunsten der kleinen Clique der Tabakfunktionäre unerträglich. Wir Ärzte sehen täglich das Leid, dass diese lobbybetriebene Politik bedeutet.“

40 Euro Sozialschaden pro Schachtel

Kamp zitiert eine Berechnung der Deutschen Krebshilfe: „Eine Zigarettenschachtel verursacht 40 Euro Sozialschaden, durch Behandlungskosten und Verdienstausfälle.“ Für den Arzt ist es auch nicht erklärbar, dass Deutschland neben Bulgarien das einzige Land in Europa ist, „das es zulässt, dass an fast jeder Bushaltestelle minderjährige Schüler mit Tabakwerbung konfrontiert werden, die sie zum Rauchen verführen soll“. Die Folgen erfährt der Hausarzt vor Ort: „Da kommen schon Zehnjährige in meine Praxis, die rauchen.“

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Von diesen 70.000 Jugendlichen wird die Hälfte im Laufe ihres Lebens an ihrer Sucht sterben.

Joachim Kamp

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Laut Kamp fangen rund 70.000 Jugendliche durch die Tabakwerbung auf Plakaten jedes Jahr mit dem Rauchen an. „Zuerst ködert man mit perfidem Marketing die Kinder, ausgetüftelte Zusatzstoffe machen zusammen mit der Droge Nikotin süchtig. Hinreichende Aufklärung wird verhindert.“ Die Lebens-Perspektive der jungen Leute ist keine Schöne, prognostiziert der Mediziner: „Von diesen 70.000 Jugendlichen wird die Hälfte im Laufe ihres Lebens an ihrer Sucht sterben.“

Da ist es dem Vater von vier Kinder auch völlig nebensächlich, ob seine Aktion der zugeklebten Zigarettenautomaten vielleicht nicht erlaubt ist: „Mir ist es wichtig, dass sich etwas ändert und dass die Automaten eine Zeit lang nicht benutzt werden können.“

Die ersten Reaktionen in Emsdetten sind positiv: Eine junge Mutter findet es „sehr wichtig“, eine Seniorin weist zustimmend auf das Schild hin und zwei junge Schüler auf dem Rad machen fix Handyfotos und rufen: „Raucher stinken wie blöde!“

Weitere Verklebungsaktionen an Automaten im Kreis wie in NRW sind in Planung. Auch für die nächste Messe „Inter Tabac“ im September in Dortmund.

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