So., 17.11.2013

Ein Deserteur spricht beim Volkstrauertag „Sind alle aufgerufen, uns einzusetzen“

 

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Greven - 

Ludwig Baumann, der im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht desertiert ist, schildert in seinem Vortrag zum Volkstrauertag seine Leiden in Straflagern. Aber er stellte auch kritische Fragen an die Gegenwart – beispielsweise zum Afhanistan-Einsatz der Bundeswehr.

Von Oliver Hengst

Als Ludwig Baumann zum Dienst in der Wehrmacht eingezogen wurde, waren die Konflikte vorprogrammiert. „Ich rebellierte“, erinnert er sich an schwierige familiäre Verhältnisse. In der Armee eckte er an, etwa weil er sich weigerte, Vorgesetzten die Stiefel zu putzen. „Ich habe gleich großen Ärger bekommen“, sagte er in seinem freien Vortrag anlässlich des Volkstrauertages . Strafexerzieren und Schikane waren jedoch nichts gegen das, was den jungen Mann erwartete, nachdem er 1941 im Kriegseinsatz in Frankreich beschloss, zu desertieren. „Ich habe es nicht anders gekonnt.“ Mit einem guten Freund entschloss er sich, die Flucht zu wagen. „Diesen Krieg, diese Verbrechen wollten wir einfach nicht mitmachen. Wir wollten nicht töten, sondern einfach nur leben.“ Der misslungenen Flucht folgten das unerbittliche Todesurteil und Aufenthalte in brutalen Straflagern . Der Alltag war dort von Folter, Erniedrigungen und Entbehrungen geprägt. Tausende Deserteure starben in diesen Lagern. Erschöpft von den Qualen, vielfach kaltblütig ermordet. Mehrfach musste Baumann bei Exekutionen zusehen. Mehrfach blickte auch Ludwig Baumann selbst dem Tode ins Gesicht – durch glückliche Umstände überlebte er.

Nach Kriegsende wurde er, der Deserteur, als Verräter, Feigling und Kameradenschwein beschimpft und bedroht. Gar von ehemaligen Wehrmachtssoldaten geschlagen. Die Anzeige bei der Polizei brachte ihm – außer weiteren Schlägen der Polizisten – nichts ein.

Jahre später begann Baumann, sich für die Rehabilitierung von Wehrmachts-Deserteuren einzusetzen – zum Teil gegen große Widerstände. „Wir kämpften für unsere späte Würde.“ Ein langer Weg, der erst 2002 Erfolg hatte. Der Bundestag beschloss, alle Urteile der Kriegsjustiz gegen Deserteure aufzuheben – mit Ausnahme des Kriegsverrates. Für Baumann unverständlich. „Was kann man auch heute noch Besseres tun, als den Krieg zu verraten?“ Das damalige Taktieren der Bundestagsfraktionen erlebte er als „unerträglich. Es ging gar nicht um die Würde der Toten – sondern nur noch um Politik. Ein Skandal.“

Auch Fragen der jüngsten Geschichte streifte Baumann, so die von Oberst Klein zu verantwortende „Kundus-Affäre“, die Hunderten Zivilisten den Tod brachte. Klein sei nie bestraft, sondern kürzlich gar zum General befördert worden. „Welch ein schlimmes Zeichen“, sagte Baumann.

Die Lehre aus all dem kann für den nun 92-Jährigen nur heißen: „Wir alle sind aufgerufen, uns einzusetzen für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden.“ Die Gäste der Gedenkstunde applaudierten am Ende eines authentischen und ergreifenden Vortrages und erhoben sich von den Sitzen. Mache zögerlich, die meisten aber voller Überzeugung.

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