Sa., 07.05.2016

Interview mit Vertreterinnen der BI Realschule „Das wird in Greven nicht funktionieren“

Setzen sich aus Überzeugung mit weiteren Mitstreitern für den Erhalt der Anne-Frank-Realschule ein: Sabine Holtgrefe (links) und Nicole Rottmann, die im Interview ihren Standpunkt darlegen.

Setzen sich aus Überzeugung mit weiteren Mitstreitern für den Erhalt der Anne-Frank-Realschule ein: Sabine Holtgrefe (links) und Nicole Rottmann, die im Interview ihren Standpunkt darlegen. Foto: Oliver Hengst

Aktuell treffen sich die Mitglieder der „BI Realschule“ fast täglich, um Termine abzustimmen und Aktionen zu koordinieren. Im Interview mit Redakteur Oliver Hengst sprachen Sabine Holtgrefe und Nicole Rottmann, Mütter von AFR-Kindern, darüber, warum sie am Erfolg einer Sekundarschule in Greven zweifeln, warum sie für den Erhalt der Anne-Frank-Realschule kämpfen und wie sie das aktuelle Miteinander mit der Politik erleben.

Die BI hat vor drei Wochen die Arbeit aufgenommen. Welche Reaktion haben Sie bisher erlebt?

Sabine Holtgrefe : Die Reaktionen sind sehr positiv. Immer mehr Eltern sprechen uns an, Eltern, die aktuell Kinder an der AFR haben oder vorhaben, sie dort anzumelden, und solche, die nach Greven gezogen sind, weil sie die Schulvielfalt hier schätzen. Viele sind geschockt darüber, dass es bald womöglich keine Halbtagsschule mehr geben wird.

Nicole Rottmann : Auf dem Marktplatz sprechen mich Leute an, die mich ermutigen: Macht euch stark.

Holtgrefe: Wir treffen natürlich auch Menschen, die uns fragen: Warum sperrt Ihr euch gegen die Sekundarschule ? Es gibt auch kritische Stimmen. Wenn wir ihnen aber erklären, warum wir eine Sekundarschule in Greven nicht für richtig halten, bestätigen uns viele: So habe ich das noch nicht gesehen.

Hat es seit der Gründung der BI Kontakte zur Politik gegeben?

Holtgrefe: Mit der FDP, der CDU und den Freien Wählern sind wir im Austausch. Das ist aber schon immer so gewesen.

Rottmann: Wir haben in dieser Woche alle Fraktionen angeschrieben. Wir möchten uns gerne inhaltlich austauschen.

Wie empfinden Sie das Miteinander? Fühlen Sie sich mit ihrem Anliegen ernst genommen?

Holtgrefe: Es ist grundsätzlich ein sehr emotionales Thema – nicht nur für uns, sondern auch für die Politiker. Ich habe Verständnis dafür. Ich würde es dennoch begrüßen, wenn man anders mit uns umgehen würde.

Rottmann: Wenn wir im Schulausschuss in unserem Rederecht eingeschränkt, abgespeist oder sogar ausgelacht werden, ist das unprofessionell. Wir Eltern sind alle auch Bürger und Wähler. Ich erwarte hier ganz klar eine andere Umgangsweise.

Holtgrefe: Wir haben gute Gründe, warum wir gegen eine Sekundarschule in Greven sind. Wir möchten gerne sachlich darüber sprechen. Ich möchte nicht in die Situation kommen, irgendwo mit Bauchschmerzen hinzugehen, weil ich Angst haben muss, dass mir das Wort im Munde umgedreht wird.

Ist noch ein Kompromiss möglich?

Rottmann: Ich wünsche es mir. Denn es geht letztendlich um unsere Kinder. Die Konsequenz, dass es die Realschule dann nicht mehr gibt, ist eine Katastrophe.

Warum?

Rottmann: Ich finde es wichtig, die Schule zu erhalten, weil sie gute Arbeit leistet. Die Lehrer investieren unheimlich viel Energie. Es gibt viele gute Projekte und Konzepte. Ich finde die Studientage toll. Es ist eine Halbtagsschule, und die Kinder können sich am Nachmittag an der Schule engagieren oder anderswo, sie haben die Wahl. Es ist eine starke Schulgemeinschaft: Ältere Schülerinnen unterstützen jüngere bei den Hausaufgaben. Es wurde eine Schülerfirma für gesundes Frühstück gegründet. Schüler engagieren sich für ihre Schule. Ich sehe: Es läuft, es funktioniert. Ich weiß aber nicht, was bekommen wir stattdessen? Die AFR hat ihre Anmeldezahlen. Daher ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass die Schule in Frage gestellt wird. Kann man nicht mal stolz darauf sein, dass wir eine funktionierende Schullandschaft haben?

Hat Greven wirklich eine funktionierende Schullandschaft? Jedes Jahr aufs Neue hat Greven das Problem, dass nicht alle Schüler einen Platz bekommen . . .

Holtgrefe: Wir wissen ja noch nicht mal, über welches Problem wir reden. Wir haben keine offiziellen Zahlen. Reden wir über 50 Schüler oder über 20 Schüler mit Hauptschulempfehlung in Greven? Seit sechs Jahren reden wir über ein Problem, das überhaupt nicht beziffert ist. Wir haben immer wieder nachgefragt, aber wir bekommen keine Zahlen von der Verwaltung. In Rheine wird alles offengelegt. Man kann mir doch nicht erzählen, dass das in Greven nicht möglich ist. Warum werden diese Zahlen nicht veröffentlicht? Das wirkt auf mich sehr intransparent.

Rottmann: Man hat in der Grevener Schullandschaft an Rädern gedreht. Die Konsequenz ist zum einen die Gründung der Gesamtschule und zum anderen die Diskussionen um den Verbleib der Hauptschüler. Den schwarzen Peter will man jetzt an die AFR (durch Schließung) abschieben.

Holtgrefe: Die Stadteltern haben Vorschläge gemacht. Der erste – eine Sekundarschulgründung unter Erhalt einer dreizügigen AFR – wurde anscheinend aus Kostengründen vom Tisch gewischt. Wenn ich im Schulausschuss höre, dass wir 50 oder 60 Kinder mehr mit einer Hauptschulempfehlung haben, müssen wir dann nicht darüber nachdenken, das Angebot auszubauen? Aber auch hier: Wir wissen nicht, ob die Zahlen stimmen. Wir müssen auch über die Ortsgrenze hinaus schauen. Es kann doch nicht sein, dass wir eine Sekundarschule errichten, obwohl wir wissen, dass zum Beispiel die Hauptschule in Emsdetten noch Kapazitäten frei hat.

Für sie ist es zumutbar, einen Fünftklässler mit dem Bus nach Emsdetten, Tecklenburg oder Münster fahren zu lassen?

Rotmann: Wenn die Anbindung gut ist, ja. Die Kinder sollten nicht unbedingt am Bahnhof umsteigen müssen. Aber eine Direktanbindung mit dem Bus sollte kein Problem sein. Und wenn es nötig ist, ist es dann nicht besser, eine Busanbindung anzupassen als eine ganze Schule umzukrempeln? Die Kinder aus Reckenfeld, Gimbte, Schmedehausen sowie aus Nordwalde und Altenberge fahren auch nach Greven.

Was ist mit Kindern, die nach der Klasse sechs die Schule wechseln müssen? Die könnten an einer Sekundarschule bleiben ohne das Gefühl haben zu müssen, gescheitert zu sein.

Holtgrefe: Schulprobleme sind immer schwierig. Auch wenn es darum geht, für jedes einzelne Kind individuell die beste Lösung zu finden, da stelle ich erneut die Frage: Über wie viele Schüler reden wir denn?

Ich weiß es auch nicht. Ich habe Frau Ackermann gefragt und keine Auskunft bekommen.

Holtgrefe: Alle Schulen und die Verwaltung müssen vernünftige Zahlen vorlegen. Wir gehen davon aus, dass diese der Verwaltung vorliegen. Und wenn diese vorliegen, kann man gemeinsam darüber reden: Was macht Sinn für Greven?

Rottmann: Das Thema gilt ja nicht nur für die Realschule. So wie an der AFR sich einige Kinder nach der Erprobungsstufe eine andere Schule suchen müssen, so nehmen wir ja auch Kinder vom Gymnasium in etwa gleichem Umfang auf. Und Schulwechsel findet auch andersherum statt, Kinder verlassen die Realschule in Richtung Gymnasium, die Durchlässigkeit ist gewünscht. Wenn die Realschule erstmal auslaufend gestellt ist, kann sie nicht mehr aktiviert werden. Ich war erschrocken, als ich erfuhr, wie viele Realschul-Bürgerinitiativen es bundesweit gibt. Da fühle ich mich von der großen Politik auch ein bisschen allein gelassen. Wir haben bislang in Greven den großen Vorteil, viele Schulformen anbieten zu können. Das ist auch eine große Chance in Greven.

Was kann die AFR beitragen? Muss sich die Schulgemeinde nicht mehr für die Klientel der Hauptschüler öffnen?

Holtgrefe: Das Argument, die AFR nehme keine Hauptschüler, stimmt nicht. Wenn es erklärter Elternwille ist, werden die Hauptschüler dort angemeldet. Wir haben hier eine Realschule, die wie andere Schulen ihre Richtlinien hat und an Gesetze gebunden ist. Die AFR nimmt Schüler mit Hauptschulempfehlungen auf und fördert alle Schüler.

Der Vorwurf an die AFR-Elternschaft lautet: Sie wollen keine Hauptschüler haben.

Rottmann: Und das stimmt nicht. Wir können aus unserer Erfahrung berichten, dass sich die Lehrkräfte der AFR sehr stark für den Lernerfolg aller unserer Kinder einsetzen. Die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule empfinden wir als konstruktiv. Es gibt aber auch Kinder, die in einer Realschule tagtäglich an Leistungsgrenzen stoßen und Mühe haben, mitzuhalten. Einige sind irgendwann frustriert. Sind diese Kinder nicht an einer homogenen Hauptschule wesentlich besser aufgehoben, da diese Schule viel besser auf sie eingehen kann und somit stärken­orientierter arbeitet?

Holtgrefe: Es ist ja nicht so, dass wir nur unsere Schule erhalten wollen und so tun, als ginge uns alles andere nichts an. Natürlich ist uns bewusst, dass wir ein Problem haben, dessen Umfang wir zwar nicht kennen, das aber gelöst werden muss.

Welche Vorbehalte haben Sie gegen die Sekundarschule?

Holtgrefe: Gegen das längere gemeinsame Lernen oder eine Sekundarschule generell haben wir keine Vorbehalte, wenn man das als Eltern möchte. Man muss sich fragen: Warum die Schulform „Sekundarschule“ entwickelt wurde? Weil es Gemeinden gibt, die nur zwei Schulen – eine Haupt- und eine Realschule – haben, die jeweils nicht mehr genug Anmeldzahlen bekamen. Dort macht es Sinn, dass diese Gemeinden eine Schule (eine Sekundarschule) weiterführen können. Wunderbar. In Greven haben die derzeitigen Schulen nicht das Problem der gering en Schülerzahlen, alle werden gut gewählt. Wir haben eine Gesamtschule und ein Gymnasium. Was passiert, wenn eine Sekundarschule hinzukäme? Die leistungsstarken Schüler würden mit Sicherheit an der Gesamtschule und am Gymnasium angemeldet werden.

Rottmann: Auf diese Gefahr hat Herr Ladleif von der Bezirksregierung schon vor drei Jahren in Greven im Schulausschuss hingewiesen.

Holtgrefe: Auch die Recherche Ihrer Zeitung hat ergeben: Wo es leistungsstarke Schulen gibt, hat es eine Sekundarschule sehr schwer. Eine Sekundarschule mit überwiegend leistungsschwachen Schülern kann aber doch nicht die Schule sein, die sich die Verfechter des längeren Gemeinsamen Lernen vorstellen. Soll die Schule Sekundarschule heißen und de facto eher die Schülerschaft einer Hauptschule beinhalten? Und für die Kinder kann es doch kein gutes Gefühl sein, an einer Schule zu sein, wo dann die Anmeldezahlen möglicherweise so weit runtergehen, dass sie irgendwann geschlossen wird. Das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein.

Rottmann: Und genau das wird passieren. Viele Reckenfelder Grundschuleltern haben mir schon gesagt: Wir melden unsere Kinder in Emsdetten an.

Holtgrefe: Diese Heterogenität, von der immer die Rede ist, wird an der Schule nicht zustande kommen. Ich erwarte von Menschen, die das längere gemeinsame Lernen favorisieren, dass sie genauer hinschauen und hinterfragen, ob es überhaupt funktionieren kann. In Greven nicht – davon bin ich fest überzeugt. Beispiele gibt es genug. Am Ende hätten wir viel mehr Bus-Kinder.

Rottmann: Ich möchte da auch einfach nichts übergestülpt bekommen. Und das geht vielen so.

Holtgrefe: Käme die Sekundarschule, hätten wir dann in Greven das Gymnasium und zwei Ganztags-Schulen mit längerem gemeinsamen Lernen. Wer hat dann noch eine Wahlmöglichkeit? Allein die Eltern von Kindern mit Gymnasial-Empfehlung.

Also: Die Gesamtschule erweitern?

Holtgrefe: Da gibt es sicher Ansätze, über die man mal reden kann. Aber das mag ich nicht beurteilen. Da geht es um Geld und erneut die Frage der Heterogenität.

Welche Kanäle nutzen Sie noch, um über Ihren Standpunkt zu informieren?

Rottmann: Wir haben das Angebot gemacht, Elternstammtische zu besuchen. Die Nachfrage ist riesig. Allein nächste Woche gibt es drei Termine. Und wir haben noch viele gute Ideen.

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