Sa., 09.07.2016

Interview zum Thema Sekundarschule „Für dich ist in Greven kein Platz“

Dr. Michael Kösters-Kraft bedauert, dass das Votum der Elternschaft die Belange der schwächeren Schüler nicht berücksichtigt.

Dr. Michael Kösters-Kraft bedauert, dass das Votum der Elternschaft die Belange der schwächeren Schüler nicht berücksichtigt. Foto: Ulrich Reske

Wunden lecken nach der unerwartet klaren Abstimmung in der Elternschaft gegen die Sekundarschule? Nein, mit Gelassenheit nimmt Grünen-Fraktionschef Michael Kösters-Kraft diese Niederlage hin, die er aber eher als Enttäuschung wertet. Auch wenn die Probleme nun nicht gelöst seien, werde es von seiner Seite keine Initiative für die Sekundarschule mehr geben.

Hand aufs Herz – war das Elternvotum für Sie eine empfindliche Niederlage?

Dr. Michael Kösters-Kraft : Niederlage, kann man so sagen. Eher würde ich aber meinen eine Enttäuschung, weil wir uns erhofft hatten, dass die Sekundarschule in die Schullandschaft gepasst hätte.

Die Niederlage hat sich abgezeichnet. Wie können Politiker eine Stimmung in der Elternschaft so falsch einschätzen? Hat die Politik in Greven den Kontakt zu den Bürgern verloren?

Kösters-Kraft: Das glaube ich nicht. Wir, die Politik, die Politiker, waren gefordert. Das Problem hatten wir seit Gründung der Gesamtschule auf dem Tisch. Uns war bewusst, dass mit Gründung der Gesamtschule nicht allen Kindern vor Ort ein Angebot gemacht werden konnte. Dieses Problem haben wir vor uns hergeschoben.

Ihnen war aber auch bewusst, dass die Realschule vor Ort eine ganz starke Anhängerschaft hat. Eine Schule, die von ihrem Klientel geliebt wurde. Wie kann man eine solche Schule ausschalten wollen?

Kösters-Kraft: Wir haben Gespräche mit der Schule geführt. Doch die Schule hat sich auf keinerlei Diskussionen eingelassen. Das finde ich der Situation in Greven nicht angemessen. Als Schulausschussvorsitzender habe ich immer versucht im Konsens vorzugehen. Das hat bis kurz vor der vergangenen Kommunalwahl geklappt. Der Konsens wurde damals aber auf politischer Ebene gebrochen. Die Probleme aber blieben.

Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Die Eltern wollen keine Sekundarschule. Das alte Schulsystem ist somit das neue. Wie können Sie nun die Probleme ausräumen?

Kösters-Kraft: Innerhalb des Systems wird es nicht gelingen. Er wird so sein, dass Kinder, die kein Realschulniveau haben und auch keinen Platz an der Gesamtschule bekommen haben, dass die außerhalb beschult werden müssen.

Ist das so schlimm?

Kösters-Kraft: Ja, das ist deshalb so schlimm, weil gleichzeitig einem Kind mit Leistungsschwäche gesagt wird, für dich ist in Greven kein Platz. Das ist doppelt negativ und daher unmöglich.

Nach der Entscheidung fordern alle Seiten die Abkehr von der Kirchturmspolitik, die Zusammenarbeit der Städte, etwa mit Emsdetten und der dortigen Hauptschule.

Kösters-Kraft: Es wird über Kooperationsvereinbarungen mit der Emsdettener Hauptschule gesprochen. Nur, wir greifen dabei in die Schulpolitik der Stadt Emsdetten ein. Funktionierende Kooperationsvereinbarungen kenne ich übrigens nicht, ich kenne nur Zweckverbandslösungen und die sind kompliziert. Außerdem verlegen wir das Problem damit einfach nach außen.

Ist das nicht sehr bürokratisch gedacht? Es muss doch eigentlich allen Beteiligten klar sein, dass nicht jede Stadt jeden Schultyp vorhalten kann.

Kösters-Kraft: Aber auch Emsdetten hatte das Ziel, Realschule und Hauptschule in eine Gesamtschule umzuwandeln.

Da hat es aber keine Genehmigung gegeben.

Kösters-Kraft: Aber es gibt andere Möglichkeiten, etwa Emsdetten als zweites Standbein einer anderen Gesamtschule aufzubauen. Natürlich sind Eltern frei, ihre Kindern an Schulen in anderen Städten anzumelden. Von Emsdettener Seite wäre das sicherlich aber mit einer Kostenbeteiligung verbunden.

Kooperationen mit anderen Schulstandorten ist das eine, die Problemlösung vor Ort das andere. Paragraf 132 C des Schulgesetzes würde ermöglichen, eine Hauptschulklasse an der AFR einzurichten. Wäre das nicht doch noch eine Möglichkeit?

Kösters-Kraft: Das war eine Möglichkeit gegen die sich die Dezernentin ausgesprochen hat. Auch die Schule und die Elternschaft wollen das nicht. Ich sehe keine Diskussionsbereitschaft, sich an der Lösung dieser Frage zu beteiligen.

Es gibt aber doch Realschulen, wo das funktioniert.

Kösters-Kraft: Natürlich gibt es die. Doch dieser Weg ist in Greven unerwünscht.

Haben Sie denn als Schulträger nicht Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen? Eine Dezernentin ist schließlich keine Halbgöttin.

Kösters-Kraft: Wir könnten das mit politischer Mehrheit beschließen und dort dann einen Schulzweig mit einführen. Ob sich das allerdings vor dem aktuellen Hintergrund empfiehlt, glaub´ ich nicht.

Wie werden Sie als Schulausschussvorsitzender jetzt das Problem angehen wollen?

Kösters-Kraft: Wir haben drei Versuche unternommen. Zur Gründungszeit der Gesamtschule hat der damalige Schulleiter Herr Tillmann Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt, die dann aber untergegangen sind.

Aber er warnt ja in dieser Woche noch ausdrücklich davor, diesen Paragrafen mit dem Hauptschulzweig zu ziehen.

Kösters-Kraft: Das stimmt. Doch damals hat er im Schulausschuss zu dieser Frage ausführlich Stellung bezogen und ein Konzept vorgelegt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Wir haben mehrere Vorschläge unterbreitet. Da muss jetzt ein Input von anderer Seite kommen.

Unterm Strich gab es die bunte Koalition, die die Sekundarschule aufs Schild heben wollte. Hat die Niederlage Konsequenzen im politischen Lager?

Kösters-Kraft: Als Politiker ist man immer gefordert. Man macht einen Vorschlag. Wenn das nicht gewünscht ist, kann man das als Niederlage bezeichnen. Nur man muss sich als Gruppe, als politische Partei positionieren. Nichts anderes haben wir gemacht. Für mich bleibt: Die Sekundarschule wäre eine gute Lösung für Greven. Man muss aber damit leben, dass man manchmal Dinge fordert, die auf wenig Gegenliebe stoßen.

Und wie funktioniert nun die Zusammenarbeit mit den Kontrahenten, den Realschulbefürwortern?

Kösters-Kraft: Da habe ich keine Schwierigkeiten. Politik darf auch nicht so funktionieren, dass es eine Freund-Feind-Stellung gibt.

Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal die Initiative für eine Sekundarschule zu starten?

Kösters-Kraft: Von uns wird die Initiative nicht mehr ausgehen. Das müsste aus der Schulgemeinde heraus geschehen.

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