Sa., 08.10.2016

Josefskirche und Marienzentrum in Greven „Die Josefskirche war ein Projekt des ganzen Viertels“

Heimat seit mehr als 60 Jahren: Albert Ahlert hat beim Bau der Josefskirche mitgearbeitet, der gebürtigen Duisburgerin Marianne Ahlert ist das Gebäude neue Heimat geworden.

Heimat seit mehr als 60 Jahren: Albert Ahlert hat beim Bau der Josefskirche mitgearbeitet, der gebürtigen Duisburgerin Marianne Ahlert ist das Gebäude neue Heimat geworden. Foto: meg

Das Marienzentrum im Süden soll in einigen Jahren ganz aufgegeben, die Josefskirche bis auf den Turm zurückgebaut und durch ein modernes Multifunktionsgebäude ersetzt werden. Doch kaum jemand protestiert öffentlich. Redakteurin Monika Gerharz sprach mit Marianne und Albert Ahlert, die sich in Leserbriefen geäußert haben, darüber, warum sie an „ihrer“ Josefskirche hängen und wie sie sich das Schweigen der Grevener Katholiken erklären.

Herr Ahlert Sie haben schon als Junge am Bau der Josefskirche mitgearbeitet?

Albert Ahlert : Ich war damals Mitglied bei den St.-Georgs-Pfadfindern. Es gab einen Aufruf der Martinusgemeinde, beim Bau der Josefskirche mitzumachen. Statt Gruppenabenden waren wir auf der Baustelle, brachten alle unsere Spaten mit und haben vor Ort ausgeschachtet. Die Bauern haben Pferd und Wagen gestellt, um das Erdreich abzutransportieren. Die Männer von Kolping und KAB waren die Handwerker und wir die Handlanger. Auch die Nachbarn waren dabei, wir hatten Spaß, trotz der vielen Arbeit.

Man wundert sich, dass die Jugendlichen so bei der Stange geblieben sind.

Albert Ahlert: Von heute aus gesehen ist dieser Elan wirklich erstaunlich. Denn es war ja nicht nur die Josefskirche, die neu gebaut wurde. Direkt nach dem Krieg musste erst einmal die Martinuskirche wiederaufgebaut werden, die von Artillerie getroffen worden war. Danach kam die Marienkirche und zuletzt St. Josef . Überall waren wir als Freiwillige dabei. Und außerdem mussten die Leute auch ihre eigenen Häuser wieder instand setzen. Meine Familie hatte unser Haus am Grünen Weg für Displaced Persons räumen müssen und konnte erst fünf Jahre später zurück. Da standen quasi nur noch die Mauern. Wandvertäfelungen und Teile des Fußbodens waren verheizt.

Wie wurden die Kirchenneubauten finanziert?

Albert Ahlert: Vor allem durch Spenden. Für den Wiederaufbau der Martinuskirche musste ich zum Beispiel Lose für eine Tombola verkaufen. Ein Los kostete eine Mark, das war damals richtig viel Geld, und es war deshalb schwer, die Lose zu verkaufen. Mit dem Freilos, das ich bekommen hatte, gewann ich übrigens eine Gans, ich nannte sie „Flying Dutchman“. Jahrelang war die Kollekte der Sonntagsmessen für den Kirchenbau bestimmt, und weil die Kirchen damals überfüllt waren, kamen so Tausende von Mark zusammen. Übrigens haben auch Nicht-Katholiken geholfen: Ich habe gehört, dass Hugo Land, Besitzer der Nagelfabrik an der Nordwalder Straße, alle Nägel gestiftet haben soll, die beim Bau verarbeitet wurden – und der war Protestant. Die Josefskirche war ein Projekt des ganzen Viertels.

Gab es auch Haussammlungen?

Ahlert: (lacht): Pastor Hackfurth hatte damals meinen Onkel zum Sammeln eingeteilt. Er gab ihm ein Schulheft und schärfte ihm ein, auf jeder Seite nur jeweils eine Spende einzutragen und quittieren zu lassen. Beim nächsten Spender sollte er diese Seite gut verbergen, aber Andeutungen fallen lassen, wie großzügig doch gegeben worden sei. Der Pastor hatte schon seine Marketing-Methoden.

Herr Ahlert, Sie sind also von Anfang an eng mit der Josefskirche verbunden. Frau Ahlert, Sie sind seit 1968, seit Ihrem Umzug nach Greven , Gemeindemitglied. Wie war es für Sie beide, als Sie gehört haben, dass das Kirchenschiff abgerissen werden soll?

Marianne Ahlert : Ich habe direkt vor dem Gottesdienst in der Kirche erstmals im Pfarrbrief vom Abriss gelesen. Mir kamen die Tränen, ich habe so bitterlich geweint, dass ich rausgehen musste. Unsere Kinder waren in St. Josef Messdiener, eine Tochter hat hier geheiratet. Wir haben unser Haus an der Nordwalder Straße gekauft, weil wir nahe an Kirche, Schule und Kindergarten sein wollten. Für mich ist diese Kirche Heimat.

Albert Ahlert: Für mich gehört die Kirche, auch wenn es juristisch anders aussehen mag, wegen ihrer Baugeschichte ganz klar der Gemeinde, sie ist ein Stück weit auch meine Kirche. Und darum sollte auch nicht der Bischof über ihr Schicksal entscheiden, sondern der Kirchenvorstand. Der ist ein demokratisch gewähltes Gremium. Dann sähe die Entscheidung über die Zukunft von St. Josef vielleicht anders aus.

Können Sie die Begründung für den Abriss verstehen?

Albert Ahlert: Mir wird immer viel zu schnell von Baufälligkeit gesprochen. Als unsere Kinder in den 80er Jahren Messdiener waren, hat man ihnen den Gruppenraum im Kirchturm weggenommen mit der Begründung, der Turm sei baufällig. Jetzt soll ausgerechnet der Turm stehen bleiben. Auch das Pfarrheim ist nicht so baufällig wie immer gesagt wird, da ließe sich eine Menge machen, ebenso wie in der Kirche. Und das Pastorat hat man vor gar nicht langer Zeit mit Riesenbeträgen saniert.

Marianne Ahlert: Ich sehe bei all diesen Plänen eine gewisse Bauwut der Geistlichen am Werk, die sich besser um die Seelsorge kümmern sollten als um Gebäude. Mir hat immer gefallen, wenn Pastor Kösters sagte: Man muss das Alte auch mal stehen lassen können.

Ihre Empörung und Trauer über die Entscheidung des Bistums ist verständlich. Die Frage ist allerdings: Warum regt sich in Greven nicht mehr Widerstand?

Marianne Ahlert: Für mich ist das eine schockierende Erfahrung. Nachdem wir unsere Leserbriefe geschrieben hatten, sind wir zwar gelegentlich auf der Straße angesprochen worden, und manch treuer Katholik hat auch gesagt: Wenn die das durchziehen, trete ich aus der Kirche aus. Aber öffentlich für ihre Kirche kämpfen die Leute nicht. Dieses Verhalten zeigt mir: Für die Kirche als Institution ist es nicht fünf nach zwölf, sondern schon halb eins.

Albert Ahlert: Der Grund für das Schweigen ist Resignation. Die Bürger haben von den Protesten ums Emsdettener Krankenhaus gelernt, dass sie beim Bistum nicht gehört werden, egal, was sie unternehmen. Tausende von Unterschriften sind damals gesammelt worden, die Leute haben demonstriert. Aber was hat es genützt? Alles war umsonst.

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