Fr., 04.11.2016

Klinikclowns besuchen CMS Das Gegenteil von Alltag

Nicht ohne rote Nase: Die Initiatoren, Sponsoren und natürlich die Klinikclowns Mimi und Flora freuen sich, dass das Projekt im CMS-Stift fortgesetzt wird.

Nicht ohne rote Nase: Die Initiatoren, Sponsoren und natürlich die Klinikclowns Mimi und Flora freuen sich, dass das Projekt im CMS-Stift fortgesetzt wird. Foto: Stefan Bamberg

Greven - 

Einmal im Monat sind die Klinikclowns im CMS-Stift – ein Projekt, das Schule gemacht hat. So sehr, dass es für weitere sechs Monate fortgesetzt wird.

Von Stefan Bamberg

Na ja, Italien wäre schon toll. Aber der Westfale an sich, er ist ja sicherlich für vieles bekannt, aber nicht unbedingt für seine Abenteuerlust. Und Lutz (Name von der Redaktion geändert) ist Westfale, ein Ur-Grevener nämlich, darauf legt er Wert. Für so einen ist womöglich alles südlich von Aldrup unerforschtes Gebiet. Eine Moped-Reise in die Toskana? Muss nicht unbedingt. „Auch gut“, sagt Mimi, „dann zeigst Du mir Deine Stadt, dann wird’s halt eine Greven-Tour.“

Lutz vorne, Mimi auf dem Rücksitz. „Einverstanden!“, entgegnet Lutz fröhlich. Geben wird es den verabredeten Ausflug nie. Lutz hat nämlich mit ziemlicher Sicherheit gar kein Moped – jedenfalls nicht mehr. Heute aber ist Träumen erlaubt. Mimi, die eigentlich gar nicht Mimi, sondern Olinda Marinho e Campos heißt, ist in diesem Moment nur für Lutz da. Tief schaut sie ihm in die Augen, registriert, dass er zu Späßen aufgelegt ist. Das Gespräch geht hin und her, sie spielen sich die Bälle zu. Verbale Steilpässe. Geschichten, Frotzeleien – und nach einer Viertelstunde eine herzliche Verabschiedung mit einem Abschiedspräsent: eine rote Clownsnase. „Die Wärmflasche für die Nase“, lächelt Mimi. „Könnte ja kalt werden auf dem Moped.“

Dann geht es weiter für Mimi und ihre Freundin Flora , mit richtigem Namen Jaqueline Bollig . „Unsere übliche Runde?“, vergewissert sich Patricia Schmöckel. Und zack, verschwinden die drei im Aufzug. Schmöckel ist die Leiterin des sozialen Dienstes im CMS-Pflegewohnstift, Mimi und Flora die Stars des Nachmittags: Seit dem Frühjahr besuchen sie die Bewohner regelmäßig. Einmal im Monat sind die Klinikclowns vor Ort – ein Projekt, das Schule gemacht hat. So sehr, dass es – nicht zuletzt dank der finanziellen Unterstützung durch den CMS-Förderverein und die Sparkasse – für weitere sechs Monate fortgesetzt wird.

Mimi und Flora, für den gemeinnützigen Verein „Klinikclowns im Kreis Steinfurt“ unterwegs, kommen gerne: „Richtig schön ist, wenn uns die Bewohner wiedererkennen“, meint Flora. Doch keine Frage: Es bleibt für die beiden Clowns ein Sprung ins Ungewisse, jedes Mal. Bei dem es kein Geheimnis ist, dass es – weil im CMS-Stift zahlreiche Bewohner mit Demenz leben – wohl oft Glücksmomente von kurzer Dauer sind. Aber eben Glücksmomente.

„Die Klinikclowns holen die Bewohner bei ihren individuellen Bedürfnissen ab“, beobachtet Detlef Schellenbeck , Vorsitzender des Fördervereins. Was konkret heißt: Sie agieren frei, ohne Drehbuch, ohne Netz und doppelten Boden. „Selbstverständlich haben wir ein gewisses Repertoire“, erklärt Mimi. Den Koffer mit allerlei lustigen Requisiten, mit Stofftieren, mit roten Nasen. Wenn sich aber die Tür öffnet, entscheidet die Situation darüber, was passiert.

„Es geht um den unmittelbaren Kontakt mit dem Bewohner, mit all seinen Überraschungen“, sagt Flora. In welcher Stimmung ist er? Was bewegt ihn? Keine Bespaßung auf Teufel komm raus, keine verordnete Fröhlichkeit. „Es kommt auch vor, dass Menschen so gar keinen Bock auf uns haben“, erzählen die beiden. Auch das gelte es zu akzeptieren: „Dürfen wir reinkommen?“, lautet daher stets die erste Frage. Ohne Erlaubnis geht nix.

Wenn sie aber erst einmal drin sind, ergeben sich mitunter besondere Augenblicke. Unverhoffte Dialoge, Scherze und – ganz wichtig – Berührungen. „Oft erlebe ich Dinge, die mich selbst auch nicht kalt lassen“, berichtet Flora. Das Lächeln einer Bewohnerin, die schon lange nicht mehr gelächelt hat. Eine Kindheitserinnerung, die plötzlich geweckt wird. „Gerade mit alten Menschen machen wir natürlich viel biografische Arbeit“, erläutern die Klinikclowns, die beide über eine schauspielerische oder pädagogische Profi-Ausbildung verfügen.

Schon rein optisch erinnern sie an frühere Zeiten, in denen Clowns und Zirkusse – mehr als heutzutage – richtig große Nummern waren. Sie knüpfen an das an, was damals angesagt war: „Soll ich Dir mal mein Lieblingslied vorsingen?“, fragt Mimi eine Seniorin. Die Frau nickt, und schon geht’s los: „Du, Du, liegst mir am Herzen, Du, Du liegst mir im Sinn...“ Alle vier Strophen auswendig, überhaupt kein Problem, die Damenrunde im Aufenthaltsraum bildet einen veritablen Chor. „Die alten Lieder sind ganz oft ein Schlüssel zu den Bewohnern“, weiß Detlef Schellenbeck.

Was es auf alle Fälle auch ist: eine willkommene Ablenkung, das Gegenteil von Alltag. Nach drei Stunden packen Mimi und Flora ihre Sachen: „Wann kommt Ihr wieder?“, ruft eine Bewohnerin hinterher. Schon sehr bald.

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