Di., 26.01.2016

Köln und die Folgen in Greven Vom Unbehagen zudringlicher Blicke

Die Schatten von der Kölner Domplatte reichen bis nach Greven: Die Polizei meldet zwar keine vermehrten Anzeigen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Aber junge Frauen reagieren doch mit Verunsicherung.

Die Schatten von der Kölner Domplatte reichen bis nach Greven: Die Polizei meldet zwar keine vermehrten Anzeigen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Aber junge Frauen reagieren doch mit Verunsicherung. Foto: Oliver Berg

Greven - 

In Köln sind junge Frauen in der Silvesternacht begrapscht worden. Hallenbäder wurden für Flüchtlinge gesperrt. Karnevalsumzüge wurden abgesagt aus Furcht vor Übergriffen. Drei Wochen nach Köln – wie ist die Lage in Greven? Was sagen Flüchtlinge in der Stadt selbst dazu? Sichtweisen auf ein schwieriges Thema.

Von Monika Gerharz

„Übergriffe sind mir bisher nicht gemeldet worden – Gott sei Dank.“ Martin Schröder, Schwimmmeister der Grevener Bäder, hat bisher noch nicht gehört, dass sich junge Frauen im Hallenbad von Flüchtlingen belästigt gefühlt hätten. Und er möchte, dass es so bleibt. Darum hat er jetzt eine Tagung des Bäderverbandes besucht, um sich über Vorbeugemaßnahmen zu informieren – angefangen von Baderegeln, die ins Arabische übersetzt werden sollen. „Zum Glück leben wir hier doch noch auf dem Land“, vermutet er, dass hier manches anders läuft als in Großstädten.

Aber die Silvesternacht von Köln hat auch in Greven Spuren hinterlassen, zumindest im Gefühl junger Mädchen und ihrer Eltern. „Meine 16-jährige Tochter ist eben weinend nach Hause gekommen“, berichtet eine Mutter bei einem Anruf in der Redaktion. Offenbar sind das Mädchen und seine Freundin von einem jungen Mann mit dunklem Teint aufdringlich angestarrt und über einige Zeit verfolgt worden. „Die Mädchen haben sich hilflos gefühlt“, sagt die Mutter. Und sie findet das sehr schade: „Wir mögen multikulti, da ist man umso enttäuschter.“

Esra Akin, eine junge kurdische Medizinstudentin, die im Münsterland aufgewachsen ist, gibt dazu den Tipp: Sich bloß nicht einschüchtern lassen und sich auf keinen Fall schämen. „Am besten geht man auf den Typen zu und sagt: Willst Du, dass mein Bruder so mit deiner Schwester umgeht? Das wird verstanden, denn im Nahen Osten ist die Familie heilig.“ Die jungen Flüchtlinge hätten vorher oft noch keine Frau im Bikini gesehen – „außer in Pornofilmen“. Und dann habe vielleicht noch ein Kumpel großmäulig damit geprotzt, dass ja junge Deutsche leicht zu haben seien. „Den Zahn muss man ihnen ziehen durch entschiedenes Auftreten“, rät die junge Kurdin. Sie findet es falsch, das beispielsweise manche Bekannte gemischte Saunen meiden aus Furcht, dort aufdringlichen Blicken ausgesetzt zu sein. Aber auch in Schulen und Integrationskursen müsse über Geschlechter-Etikette gesprochen werden. „Das haben wir bis jetzt eigentlich kaum gemacht“, sagt Gisela Junkerkalefeld, bei der Volkshochschule für diese Kurse zuständig. „Da müssen wir neu überlegen.“

Doch bei aller Entschiedenheit, die Freiheiten der Mädchen zu verteidigen – man sollte dieses Thema auch nicht dramatisieren, meinen Ingrid Koling und Ilja Kryszat, die die Flüchtlingsszene in Greven wohl am besten kennen. Beide haben das Gefühl, dass die Vorfälle von Köln von interessierten Kreisen aufgebauscht werden – und dass vielleicht sogar die Kölner Flüchtlinge angestachelt wurden. „Das entschuldigt nichts“, sagt Ilja Kryszat. „Aber neu ist es ja auch nicht, dass es Verabredungen zu Gewalttaten gab.“

Im Kreis Steinfurt jedenfalls, das sagt auch die Polizei, können sich Mädchen und Frauen nach wie vor sicher fühlen. Es gebe wohl Anzeigen gegen die sexuelle Selbstbestimmung, aber die Zahl habe nicht zugenommen, sagt Polizeisprecher Reiner Schöttler. Dennoch – man reagiere vorbeugend: „Wir haben zu Karneval unsere Sicherheitskonzepte angepasst und werden auch sehr niederschwellig einschreiten, um Straftaten zu verhindern.“ Schöttler warnt aber vor unangebrachter Hysterie. „Bei diesem Thema ist Sachlichkeit geboten.“

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