Sa., 13.02.2016

Interview zu den Kirchenwahlen in der evangelischen Gemeinde „Engagement und Spiritualität nicht trennen“

Die Christuskirche gehört zu den Leuchttürmen der Stadt, und zwar nicht nur für die evangelischen Christen. Ihr Angebot im sozialen und kulturellen Bereich wird auch von vielen anders- oder nichtgläubigen Bürgern gerne genutzt.

Die Christuskirche gehört zu den Leuchttürmen der Stadt, und zwar nicht nur für die evangelischen Christen. Ihr Angebot im sozialen und kulturellen Bereich wird auch von vielen anders- oder nichtgläubigen Bürgern gerne genutzt. Foto: Oliver Hengst

Am Sonntag werden in ganz Westfalen die Presbyterien gewählt, die Kirchenleitung der evangelischen Gemeinden. Wahlberechtigt sind bereits Jugendliche ab 14 Jahren, gewählt werden können evangelische Christen ab 18 Jahren. In Greven kann nach dem 11-Uhr-Gottesdienst direkt in der Christuskirche oder von 12 bis 17 Uhr im Katharina-von-Bora-Haus, Kardinal-von-Galen-Straße, gewählt werden. Es stehen zehn Kandidaten für den Bezirk Greven zur Wahl, neun Ämter sind zu besetzen. Im Bezirk Reckenfeld wird nicht gewählt, weil dort genauso viele Plätze wie Kandidaten zur Verfügung stehen. Im Vorfeld der Wahl traf sich unsere Zeitung mit den zehn Kandidaten

Zunächst einmal die Frage in die Runde: Was unterscheidet heutzutage die evangelische von der katholischen Kirche?

Volker Jünemann: Von Dingen wie dem Zölibat und dem fehlenden Priestertum der Frau mal abgesehen: In der katholischen Kirche spielt das Thema Autorität eine große Rolle. Was der Papst sagt, ist in vieler Hinsicht bindend für die Gläubigen. Auch der Pfarrer, der Priester hat einen anderen Stellenwert. In der evangelischen Kirche ist das anders. Der Aufbau erfolgt von unten nach oben.

Dieter Schulze Beckendorf: Dieser Aufbau zieht sich durch die ganze evangelische Kirche durch, bis in die EKD, die Evangelische Kirche in Deutschland. Bei uns entscheiden Laien und Pfarrer gemeinsam.

Malte Nick: Im Presbyterium kommt es oft zu Diskussionen, manchmal auch kontrovers. Ich habe das als Praktikant in der Gemeinde miterlebt und fand dieses Ringen darum, was das Beste für die Gemeinde ist, so interessant, dass ich mich für eine Kandidatur entschlossen habe.

Bedeutet dieser demokratische Aufbau, dass sich die Gläubigen mehr mit ihrer Gemeinde verbunden fühlen als in der katholischen Kirche?

Jürgen Mausolf: Die Wahlbeteiligung bei den Kirchenwahlen spricht leider eine andere Sprache. Ich glaube, diese mehr innerkirchlichen Prozesse interessieren die Menschen nicht so besonders, leider. Man hört immer wieder den Spruch: Ihr macht das schon.

Volker Jünemann: Es gibt auch bei uns eine gewisse Konsum-Mentalität.

Christiane Stübing: Vielleicht wissen die Menschen auch zu wenig, was wir machen. Seit bekannt ist, dass ich für das Presbyterium kandidiere, höre ich immer wieder die Frage: Was macht ihr da eigentlich?

Als Nicht-Protestant verbindet man Ihre Gesichter nicht mit der Kirche – das sind immer die Gesichter der Pfarrer. Wie kommt das?

Peter Vennemeyer: Kirche braucht ein Gesicht, und dass dies der Pfarrer ist, ist völlig normal. Er predigt am Sonntag, er repräsentiert die Gemeinde in der Öffentlichkeit.

Jutta Neyer: Möglicherweise hängt es auch damit zusammen, dass bei uns die letzte Presbyterwahl schon acht Jahre her ist, weil vor vier Jahren nur so viele Kandidaten da waren wie Sitze zur Verfügung standen. Das ist möglicherweise zu lange, um den Bürgern als wichtige Sache im Gedächtnis zu bleiben.

Beide großen christlichen Kirchen haben damit zu kämpfen, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher stark zurück gegangen ist. Wäre es nicht an der Zeit, sich viel mehr ökumenisch auszurichten?

Hannelore Lange: Wir gehen ganz stark in die Richtung, dass wir eng kooperieren, vor allem in der ehrenamtlichen Arbeit. In diesem Punkt hat sich sehr viel verändert, nicht zuletzt durch die Flüchtlinge, für die wir gemeinsam etwas tun. Das ist für uns eine große Chance, denn viele Menschen sind durch dieses Engagement der Christen beeindruckt.

Dieter Schulze-Beckendorf: Die Ökumene wird künftig immer wichtiger werden, ich erinnere nur an den demografischen Faktor.

Volker Jünemann: Die Ökumene wird aber auch Grenzen haben. Man kann viel gemeinsam machen – vom sozialen Engagement bis zum ökumenischen Bibelkreis. Aber die Lehrmeinungen sind zum Teil doch sehr unterschiedlich, beispielsweise beim Abendmahl. Ich bin skeptisch, ob wir in absehbarer Zeit echte Ökumene erreichen.

Peter Vennemeyer : Ich finde, wir diskutieren in dieser Frage zu theoretisch. Vor Ort spielen diese theologischen Fragen keine große Rolle.

Gisela Wermeling : Bei uns wird nie gefragt: Bist du katholisch oder evangelisch. Wer kommt, ist herzlich eingeladen, auch zum Abendmahl.

Könnten Sie sich vorstellen, dass sich angesichts rückläufiger Kirchenbesucherzahlen Katholiken und Protestanten eine Kirche teilen?

Peter Vennemeyer (lacht): Wenn es unsere ist, ist das o.k.

Dieter Schulze-Beckendorf: In anderen Gemeinden gibt es das durchaus schon.

Die evangelische Gemeinde in Greven hat die Besonderheit, dass sie aus den Bezirken Greven und Reckenfeld besteht. Man hat den Eindruck, dass die beiden Gemeindeteile enger zusammenrücken. Stimmt das?

Hannelore Lange : Die beiden Gemeindeteile waren mal eins, dann ist man eigenständiger geworden, jetzt verstehen wir uns als eine Gemeinde mit zwei Kirchtürmen. Bei den Gemeindegliedern ist angekommen, dass nicht jeder Bezirk seinen eigenen Gottesdienst macht, sondern dass es ein Gottesdienst an zwei Standorten ist.

Vennemeyer: Durch engere Kooperationen sparen wir einfach Ressourcen.

Jürgen Mausolf : Die Gottesdienstbesucher und die Besucher anderer Veranstaltungen kommen aus beiden Bezirken. Das ist schön, denn so ist eine größere Vielfalt in den Angeboten möglich.

Gehen wir mal weg von den Sorgen des Tages. Wie stellen Sie sich die Zukunft der evangelischen Gemeinde in Greven vor?

Klaus Jennert: Als Finanzmann muss ich klar sagen: Ohne Moos nix los. Im Moment haben wir sprudelnde Kirchensteuereinnahmen, weil die Wirtschaft läuft. Aber langfristig greift der demografische Faktor. Wir rechnen damit, dass wir allein dadurch zwei Prozent weniger Kirchensteuereinnahmen haben werden – pro Jahr! Ich schätze, dass wir bis 2030 rund 30 Prozent weniger Einnahmen haben als heute. Das ist eine Hausnummer. Damit müssen wir erst mal fertig werden.

Jutta Neyer: Darum bemühen wir uns jetzt auch um eine Stiftung, mit der wir beispielsweise den Unterhalt von Gebäuden finanzieren können. Sie haben ja darüber berichtet.

Erwarten Sie, dass das wirklich funktioniert? Beim Bürgerhaus in Saerbeck haben sich die Erwartungen beispielsweise nicht erfüllt.

Jutta Neyer: In Ibbenbüren klappt es gut. Wir hoffen natürlich auf Zustiftungen.

Gehen wir mal weg vom Geld: Was wird in den nächsten 20 Jahren inhaltlich bleiben, was wird wichtiger werden?

Malte Nick: Ein Hauptpunkt ist für mich die Konfirmandenarbeit. Damit wird die Basis gelegt für alles. Wir werden verstärkt darauf achten müssen, dass die Jugendlichen nach zwei Jahren im Programm Anschlussangebote haben. Jugendgottesdienste, Jugendfreizeiten – das sind Punkte, über die wir verstärkt nachdenken müssen. Denn das Gemeinschaftsgefühl hält viele Jugendliche in der Kirche. Und das Gefühl, dass sie sich einbringen können.

Jürgen Mausolf: Das sehe ich genauso. Die Jugendgottesdienste sind immer rappelvoll. Wir werden auch noch vermehrt in die Weiterbildung der Teamer in der Jugendarbeit investieren müssen. Aber auch die Bibelkreise für Erwachsene sind für mich etwas, das in Zukunft wichtig bleiben wird.

Jutta Neyer: Wir sollten auch den ganzen musikalischen Bereich nicht vergessen, die Chöre, Kinderchöre, der Posaunenchor. Wir bieten dafür verstärkt Unterricht und Leihinstrumente an.

Dieter Schulze Beckendorf: Man sollte es gelassen sehen, wenn junge Erwachsene eine Zeit lang nicht so viel Interesse an der Kirche zeigen. Wer als Jugendlicher beispielsweise im Konfirmandenunterricht gute Erfahrungen gemacht hat mit der Kirche, kommt zurück, wenn er selbst Kinder hat.

Gisela Wermeling: Durch unsere Elternarbeit, etwa in den Kindergärten und mit den Loslösegruppen, erreichen wir durchaus die jungen Familien. Und auch besondere Angebote wie die offene Kirche beim Cityfest im September wurden sehr gut angenommen, wir hatten enorm viele Besucher.

Hannelore Lange: Ähnliches gilt für das Angebot „Christuskirche, Sonntag 18 Uhr“.

Zum Schluss die berühmte Gretchenfrage: Wie hältst du‘s mit der Religion – und zwar im engeren Sinne. Spielt Spiritualität im Gemeindeleben eine Rolle? Wie sieht es künftig aus?

Malte Nick: Wir brauchen diese Spiritualität. Es gibt zwar immer mehr Jugendliche, die davon nicht viel wissen wollen, aber es gibt genug Leute, die genau diese Verbindung zu Gott suchen.

Volker Jünemann: Ich bin ja Mitglied in der landeskirchlichen Gemeinschaft. Und für uns steht immer der persönliche Glaube an Jesus Christus im Mittelpunkt.

Hannelore Lange: Ich meine, man darf Engagement und Spiritualität nicht trennen. Glauben ermöglicht und fordert Engagement. Man lebt seinen Glauben nicht im stillen Kämmerlein, sondern in Gemeinschaft und für die Gemeinschaft.

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