Sa., 27.02.2016

Deimann-Interview „Fachkräfte halten sich nicht an Stadtgrenzen“

Wirtschaftsförderer Stefan Deimann setzt nicht nur auf die dicken Fische. Die Bestandspflege ist für ihn ausgesprochen wichtig

Wirtschaftsförderer Stefan Deimann setzt nicht nur auf die dicken Fische. Die Bestandspflege ist für ihn ausgesprochen wichtig Foto: res

Es sind nicht die immer nur die dicken Fische, die den Wirtschaftsförderer glücklich machen. Ein guter Bestand, der zudem durch die Bank auf Expansionskurs ist, stellt Stefan Deimann zufrieden. „80 bis 90 Prozent der Arbeitsplätze entwickeln sich aus dem Bestand“, erklärt er im Gespräch mit Redaktionsleiter Ulrich Reske.

Greven wächst und wächst, hält da eigentlich die lokale Wirtschaftskraft mit?

Stefan Deiman: Die Wirtschaft wächst auch mit. In den Bereichen Handel und Logistik überproportional, weil das zukunftsträchtige Branchen sind. Wir haben an der ein oder anderen Stelle im produzierenden Gewerbe einfach branchenspezifische Schwächen. Doch die Unternehmen, die wir haben, wachsen ebenfalls überproportional. Was die Schwächen im produzierenden Gewerbe angehen, versuchen wir über ein Standort-Marketing zu sehen, welche Unternehmen wir künftig ansiedeln sollten.

Können Sie flächenmäßig die Vermarktung aus den vergangenen Jahr beziffern?

Deimann: Ungefähr über 20 000 Quadratmeter. Das entspricht auch dem Durchschnitt vergangener Jahre.

Was war für Sie der dickste Fisch?

Deimann: Das war die Vermarktung der Filetfläche an der Mergenthalerstraße. wo wir nach Jahren plötzlich die Gesamtfläche auf einen Schlag vermarkten konnten. Das sind drei Grevener Unternehmen, woran sich zeigt, dass sich rund 80 bis 90 Prozent der neuen Arbeitsplätze aus dem Bestand entwickeln.

Sie haben die auch durch ein Gutachten belegten Sorgen geäußert, dass Greven ein monostrukturierter Standort werden könnte. Zu viel Logistik etwa. Ist es gelungen, inzwischen andere Impulse zu setzen, so dass auch das verarbeitende Gewerbe nach Greven schaut?

Deimann: Ja, weil wir halt nicht mehr im Bereich Logistik Flächen vermarkten. Stattdessen sind da jetzt Firmen wie der Autozulieferer AFT oder Luhns, die jeweils noch Flächen zur Erweiterung gekauft haben. Man sieht es bei Setex, die auf ihren Flächen ebenfalls erweitern wollen. Es tut sich etwas. Auch Egeplast hat Interesse an Erweiterungsflächen.

Wie sehen Sie Greven selbst im Vergleich zu den anderen Kommunen in der Nachbarschaft?

Deimann: Wir sehen uns gut aufgestellt, müssen keine Angst haben, dass es in eine andere Richtung gehen könnte. Alle Unternehmen expandieren eigentlich eher. Wir werden gucken, was das Standort-Marketingkonzept für Branchen feststellt, die für uns besonders wichtig sind. Auch die Baubranche hat etwa in Greven ein gute Zukunft. Unsere Softwareunternehmen laufen hervorragend. Zudem gibt es im Airportpark – das sind schließlich Grevener Firmen – Potenzialflächen. Ich bin optimistisch gestimmt.

Sie sprachen gerade den Airportpark an. Da gibt es Konflikte in der Richtung, dass die Bezirksregierung sagt, dass dort ausgewiesene Flächen auf die Grevener Bedarfe angerechnet werden. Schränkt der Airportpark Grevener Aktivitäten ein?

Deimann: Derzeit in keiner Weise.

Und in Zukunft?

Deimann: Ich denke auch nicht, denn wir sind gut aufgestellt mit unserem Flächenkonzept, mit dem Standort-Marketing. Wir haben einige Flächen im Auge, wo man in Absprache mit der Bezirksregierung Erweiterungsflächen unterbringen kann. Es wird künftig eher das Thema sein, wo können wir Flächen zur Erweiterung bekommen, und wo sind sie auch bezahlbar. Das ist ein Thema, was wir in fünf bis zehn Jahren intensiv anpacken müssen.

Ist die Unternehmens-Akquise nicht manchmal all zu sehr am eigenen Kirchturm orientiert? Könnten nicht Nachbarn wie Greven und Emsdetten da viel besser zusammenarbeiten?

Deimann: Die Emsdettener haben auch das Problem, dass die Gewerbeflächen langsam knapp werden. Das regelt insgesamt der Markt. Viele Unternehmen sind nach Emsdetten gegangen, weil es da günstiger war. Sicherlich kann man zusammenarbeiten. Das machen wir auch, wenn wir ein Unternehmen bei uns nicht unterbringen können, verweise ich die an die Kollegen. Aber solange die Ansiedlung an die Gewerbesteuer gekoppelt ist, bleibt Zusammenarbeit ein hehrer Gedanke.

Das würde nur bei einheitlichen Gewerbesteuern funktionieren?

Deimann: Ja, aber wir arbeiten schon jetzt mit den Fachkräften zusammen. Beispiel beim Thema Businesshelden. Da wird eines deutlich: Fachkräfte halten sich nicht an Stadtgrenzen. Die müssen wir in der Region halten. Rheine, Emsdetten und Ochtrup arbeiten da zusammen. Wir sind innovativ und aufgeschlossen.

Bei der Beschäftigungsentwicklung in den vergangenen Jahren hinkt Greven etwas hinterher. . . 

Deimann: . . .nee, so ist das ja nicht. Wir haben eine gute Beschäftigungsentwicklung. . .

. . . die aber etwas schlechter ist als die der anderen Städte im Kreis. . . 

Deimann: Ja, das ist strukturbedingt. Das ist in der Vergangenheit angelegt worden. Da hat man vielleicht das Pech gehabt, dass sich der ein oder andere Zweig nicht so entwickelt hat. Aber es ist nicht so, dass in Greven keine Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Eine andere Geschichte: Die Arbeitslosigkeit ist in Greven seit Jahren signifikant höher als in anderen Städten des Kreises.

Deimann: Das hat aber auch signifikante Gründe, die vom Arbeitsamt unlängst in Ihrer Zeitung dargelegt wurden.

Das Arbeitsamt wusste das nicht so genau. Wir haben anderweitig recherchiert.

Deimann: Das Thema ist einfach: Wir haben in Greven einen relativ großen Bestand an Geschossflächen -Wohnungsbau. Wir haben relativ viele Wohnungen, die relativ günstig sind. Das ist spannend für Münsteraner, die nicht ganz so gut betucht sind. Die ziehen von Münster nach Greven. Das ist nachweislich in der Größenordnung von einem bis 1,4 Prozent. Wenn wir das abziehen, von dem was wir haben, liegen wir in der Arbeitslosenquote genau in dem Bereich wie die anderen Städte. Die relativ hohe Arbeitslosigkeit hat mit dem Wirtschaftsstandort an sich nichts zu tun.

Sie haben angedeutet, dass Ihre Kapazitäten ausgereizt sind, auch wegen der hohen Flüchtlingszahlen.

Deimann: Das ist übergangsweise und wird sich im Jahr 2017 hoffentlich wieder in eine andere Richtung entwickeln.

Das muss man sehen. Gleichwohl müssen Sie offenbar Arbeitsfelder zurückfahren. Wenn sich Ihre Arbeit in der Wirtschaftsförderung für die Stadt aber in barer Münze rechnet, müssten Sie nicht personell eher aufgestockt werden?

Deimann: In der Theorie ist das so. In der Praxis: Packen Sie einem leeren Mann in die Tasche, wird´s schwierig. Das ist nicht nur bei uns so, sondern das müsste ja dann auch an der ein oder anderen Stelle in der Verwaltung so sein. Aber über dieses Szenario mache ich mir in nächster Zukunft keine Gedanken.

Personell bleiben Sie also ein Quartett?

Deimann: In der Tat. Und wir versuchen, mit dem Team das Beste für unseren Standort herauszuholen. 

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