Sa., 05.03.2016

Die Leiter der auslaufenden Schulen im Gespräch „Schulausschuss hat gepennt“

Timo Donnermeyer (links) und Thorben Zilske sprechen sich dafür aus, die Belange „ihrer“ Schülerschaft mehr in den Blick zu nehmen. Nötig, so Zilske, sei ein abgestimmtes Konzept. „In dieser Richtung passiert mir aber noch zu wenig in Greven. Da macht eher jeder sein Ding.“

Timo Donnermeyer (links) und Thorben Zilske sprechen sich dafür aus, die Belange „ihrer“ Schülerschaft mehr in den Blick zu nehmen. Nötig, so Zilske, sei ein abgestimmtes Konzept. „In dieser Richtung passiert mir aber noch zu wenig in Greven. Da macht eher jeder sein Ding.“ Foto: oh

Noch jeweils zwei Jahrgänge werden an der Justin-Kleinwächter- und an der Marienhauptschule entlassen - dann ist Schluss. Redakteur Oliver Hengst sprach mit den Schulleitern Thorben Zilske (Realschule) und Timo Donnermeyer (Hauptschule). Beide kritisierten die Kommunalpolitik, weil es noch immer kein Konzept gibt, um alle Grevener Kinder in Greven zu beschulen.

Andere Schulen haben gerade Anmeldwochen fürs neue Schuljahr hinter sich. Sie bereiten seit Jahren nur noch Abschlussveranstaltungen vor. Wie gehen Sie damit um?

Thorben Zilske: Als ich hier an der JKR angefangen bin, wusste ich ja, dass es eine Schule im Auslaufprozess ist. Deshalb konnte ich mich vorher damit ausein­andersetzen. Ich habe damals gesagt, was ich auch heute sage: Wir werden alle Schüler hier bis zum Ende beschulen wie alle vorherigen auch. Mit dem selben Engagement, derselben Kraft, derselben Motivation. Diese Kraft kann man jetzt auch fokussieren, weil wir eben keine Eingangsklassen mehr haben. Dafür haben wir jetzt ältere Schüler - und auch da gibt es ja wichtige Dinge, die zu machen sind.

Zum Beispiel?

Zilske: Zum Beispiel Berufsorientierung. Die Schüler brauchen Kontinuität, es muss einfach alles fortgeführt werden, was es früher auch gab. Manches hat jetzt einen anderen Rahmen, dafür sind wir hier im Schulzentrum näher zusammengerückt. Es gibt zum Beispiel ein gemeinsames Sommerfest. Wichtig ist: Es gibt hier weiter Schulleben. Es sind ja jüngere Schüler da und davon profitiert man auch. Es passiert weiter etwas im Schulzentrum. Auch von der Arbeit in den Flüchtlingsklassen an der Hauptschule profitieren wir. Es ist nicht so, dass man sagen müsste: Och, die arme Realschule, da passiert ja nichts mehr.

Donnermeyer: Als ich im letzten Sommer hier anfing, war mir bewusst, dass im Sommer 2017 der letzte Jahrgang der MHS entlassen wird. Es ist für uns als Hauptschule wichtig, dass die pädagogische Qualität im Sinne der Schülerinnen und Schüler weiter im Vordergrund steht – trotz Versetzungen und Stellenabbau.

Ist das denn zu schaffen?

Donnermeyer: Ja, absolut. Das ist zu schaffen. Das muss das Bestreben aller sein und das ist es auch. Die pädagogische Qualität wird weiterhin professionell fortgesetzt – gerade im Hinblick auf die Berufsorientierung unserer Abschlussschüler. An der Ausrichtung unserer Schule hat sich nichts geändert und das wird es auch nicht im nächsten Jahr. Und zum Thema Anmeldewoche: Wir haben in den letzten Monaten immer wieder neue Schüler aus Flüchtlingsfamilien aufgenommen. Auch das werden wir bis zum Sommer fortführen.

Weniger Lehrer, weniger Räume, können da noch alle Fächer unterrichtet, alle Angebote aufrecht erhalten werden? Kann noch differenziert unterrichtet werden?

Donnermeyer: Ja, wir unterrichten noch differenziert und werden zusätzlich von einer Sonderpädagogin unterstützt.

Zilske: Ein klares Ja. Es findet alles weiterhin statt. Die Wahlpflichtfächer etwa, die die Schüler Anfang der Klasse 7 gewählt haben, müssen natürlich erhalten bleiben. Das ist ein Hauptfach. Ja, wir haben Kurse in Spanisch und Französisch. Kleine Kurse, aber es gibt sie. Aufgrund des Auslaufprozesses fällt bei uns kein Unterricht aus. Unsere Kollegen sind hochmotiviert, waren aber durch den Auslaufprozess verunsichert. Die Verunsicherung muss man ihnen nehmen.

Wie kann das gelingen?

Zilske: Die meisten sind froh, wenn sie im Gebäude bleiben können und wissen, wo ihre berufliche Zukunft liegt – ohne das Gefühl haben zu müssen, ihre Schule im Stich zu lassen. Viele sind formell bereits versetzt und dann wieder zu uns zurückabgeordnet. Das Tolle für die Schüler: Die merken das meistens gar nicht. Für die ist doch erstmal wurscht, wo die Lehrkraft auf dem Papier angestellt ist. Wichtig ist, dass die Bezugsperson erhalten bleibt.

Donnermeyer: Schüler sind es ja auch gewohnt, dass es Lehrerwechsel gibt. Das ist ja nichts Neues. Trotz einer verständlichen Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft ist die Motivation bei den Lehrern weiter hoch – nicht zuletzt kann man das Ablesen an der Aufnahme und Beschulung der Flüchtlingskinder. Da hat sich das Kollegium einmütig dafür ausgesprochen, diese Aufgabe anzunehmen. Das zeigt: Alle sind weiter motiviert und alle haben das Ziel, die MHS vernünftig zum Abschluss zu führen.

Zilske: Klar gibt es auch bei einigen Kollegen eine Traurigkeit – oft auch bei Lehrern im Ruhestand, die bedauern, dass es „Ihre“ Schule bald nicht mehr gibt. Wir werden zum Abschluss ein richtiges Fest veranstalten, das „JKR-Finale“. Es wird also keine Trauerfeier geben. Wir wollen auch irgendetwas am Gebäude belassen, das dokumentiert: Hier war mal die JKR.

Wie viel Aufwand müssen Sie betreiben, damit die Kooperation im Schulzentrum so gut funktioniert?

Zilske: Das funktioniert nur so gut, wenn wir viel kommunizieren. Beispiel Smartphones: Pausenzeit ist Freizeit, da dürfen Schüler ihre Smartphones nutzen. Das handhaben hier alle gleich, das muss man natürlich absprechen. Das ist eine gemeinsame Lösung, da arbeiten wir nicht aneinander vorbei. Das funktioniert im Marienschulzentrum sehr gut. Ich weiß, dass das in einigen anderen Orten nicht so gut klappt. In den Reihen der Bezirksregierung wird das Beispiel oft als Beispiel dafür genannt, wie ein Auslaufprozess und Neuaufbau funktionieren kann.

Donnermeyer: Die Schulleitungen der Gesamtschule, der JKR und der MHS veranstalten wöchentliche Sitzungen, weil es im Schulalltag einfach viele Dinge gibt, die abgesprochen werden müssen: zum Beispiel Nutzung der Sporthallen, Besetzung von Fachräumen, Abordnungen von Lehrkräften.

Nicht alles wird problemlos laufen. Wo gibt es Schwierigkeiten?

Zilske: Schwierig ist die Stundenplangestaltung. Sonst hatte ich dafür die Sommerferien über Zeit. Das funktioniert aber so nicht mehr, weil Lehrer von vier Schulen involviert sind. Das muss miteinander verzahnt werden. Organisatorisch ist das sehr viel Mehraufwand. Versetzungsanträge werden zum Dezember gestellt, man muss sich also im September schon damit beschäftigen. Kaum hat das Schuljahr angefangen, muss man schon das nächste in den Blick nehmen. Das ist schon viel Arbeit, dafür haben wir andere Arbeit nicht mehr.

Demnächst fließt viel Geld in die Gesamtschule. Haben Sie schon mal gedacht: Das Geld hätten wir vor einigen Jahren wohl auch gern genommen?

Donnermeyer: Ich habe in keinster Weise einen Gedanken daran verschwendet. Man muss es rein pragmatisch sehen. Die Schulpolitik ist in einem Wandlungsprozess, und eine neue Schule muss zukunftssicher gestaltet werden.

Zilske: Uns sind alle Wünsche erfüllt worden. Beispiel: Im Laufe der ersten Jahre, die ich hier war, sind alle Klassen noch mal mit neuen Tischen und Stühlen ausgestattet worden – natürlich abgestimmt mit der Gesamtschule, weil die das ja irgendwann übernimmt. Klar kriegt man weniger Fördergelder, aber die Stadt als Schulträger war immer bereit, uns zu unterstützen. Es ist nichts aufgrund des Auslaufprozesses gestrichen worden, etwa weil es hieß: Das macht keinen Sinn mehr.

Donnermeyer: Wir können jederzeit über Geld oder Systeme sprechen, sollten dabei aber auch in Zukunft nicht vergessen, dass wir immer noch das Ziel haben, Schüler zu unterrichten. Geld ist wichtig, um Rahmenbedingungen zu schaffen, aber die Schüler und ihre Bedürfnisse müssen im Fokus stehen.

Lehrer gaben der Schulpolitik der letzten Jahr eine 4-. Wie fällt ihre Note für die lokale Schulpolitik aus?

Donnermeyer: Da werde ich mir kein Urteil erlauben. Ich bin kein Grevener Bürger und bin auch erst seit dem Sommer hier.

Bei schulpolitischen Debatten geht es aber oft um Ihre Schülerschaft. Was wünschen Sie sich für die?

Donnermeyer: Die Lösung kann ja nur heißen, dass letztlich alle Schüler ein Schulangebot vorfinden, das zu Ihnen passt. Das muss gewährleistet sein.

Das klappt aktuell nicht. Braucht Greven also eine weitere integrative Schule?

Donnermeyer: Es ist politisch gewollt, dass Hauptschulen abgebaut werden. Dementsprechend müssen natürlich andere Angebote geschaffen werden. Ob eine andere Schulform in Greven gegründet werden muss, kann ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht sagen.

Wie fällt Ihre Note für die lokale Schulpolitik aus, Herr Zilske?

Zilske: Landespolitisch ist gewollt, das es mehr integrative Schulen geben soll. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Aber klar ist, dass ein dreigliedriges Schulsystem nur funktioniert, wenn es drei Glieder gibt. Ich komme ja aus dem Hauptschulsystem, insofern schlägt mein Herz auch nach wie vor für diese Schüler. Ich finde es etwas schwach, dass sich zwar alle politischen Parteien auf die Fahnen schreiben: Wir wollen alle Grevener Kinder in Greven beschulen, aber nichts dafür tun. Wobei natürlich falsch ist, wenn ich „alle“ sage. Es war drei Jahre Zeit, eine gemeinsame Lösung zu finden. Und das hat der Schulausschuss nicht hinbekommen. Wir sind eigentlich wieder an dem Punkt, an dem wir schon vor drei Jahren waren. Der Paragraf 132c, der im letzten Schulausschuss diskutiert wurde, ist ja auch nur ein Behelfsmittel, aber keine Lösung. In Greven muss es – neben der Gesamtschule – eine Lösung geben, die auch Hauptschüler aufnimmt. Sonst funktioniert das nicht. Da dreht man sich im Kreis.

War es ein Fehler, die Gesamtschule an die Stelle von Hauptschule und JKR zu setzten, sonst aber nichts zu ändern?

Zilske: Die Entscheidung für die Gesamtschule war richtig, weil die Hauptschule einfach nicht mehr weiter lief. Es gab einfach nicht die Anmeldungen dafür. Das kann man jetzt beweinen. Nun wird auch gesagt: Ach, da wurde doch so gute Arbeit gemacht. Ja, das war aber vorher auch klar. Die Entscheidung für die Gesamtschule war nachvollziehbar. Die Arbeit, die die Schule leistet, ist schon passend. Aber die Gesamtschule hat eben auch Vorgaben, wie sie mit Schulempfehlungen umzugehen hat. Es war von Anfang an klar, dass die Gesamtschule nicht die Lösung für alle Schüler mit Hauptschulempfehlung sein kann. Es muss eine Lösung her. Das ist jetzt wieder aufgeschoben worden. Wieder wird es im Sommer so sein, dass Hauptschüler in anderen Städten beschult werden. Da sage ich ganz deutlich: Da hat der Schulausschuss in diesem Punkt gepennt und es versäumt, es gemeinschaftlich konsequent durchzuziehen.

Donnermeyer: Wir müssen uns bitte davon lösen, wieder den so genannten Hauptschüler in den Vordergrund zu stellen. Das ist genau das, was man vermeiden wollte und auch muss: den Hauptschüler wieder an den Rand zu drücken und ihm einen Stempel aufzudrücken. Es muss vor Ort ein Angebot geben, die Schüler entsprechend ihren Fähigkeiten und Eignungen zu unterrichten. Das ist ein Punkt, der mich in diesen Diskussionen schon gewaltig stört, weil man dadurch nichts erreicht, es eventuell sogar schlimmer macht. Wider steht der so genannte Hauptschüler, der Leistungsschwache mit dem verbrannten Namen im Vordergrund.

Zilske: Die Schulleitungen müssen an einen Tisch und ein Konzept entwickeln, das die Frage beantwortet: Wie gehen wir mit Schülern um, die nach dem Ende der Erprobungsstufe an der Schule nicht weiter unterrichtet werden können? Sollte der §132c kommen, blieben die Realschüler, die dort eigentlich nicht mehr unterrichtet werden dürften, an der Schule. Dann ist die Frage: Wohin mit den Gymnasiasten, die die Schulform wechseln müssen? Punktuell arbeiten die Schulen zusammen. In dieser Richtung passiert mir aber noch zu wenig in Greven. Da macht eher jeder sein Ding.

Donnermeyer: Alle Beteiligten vor Ort sollten sich fragen: Geht es bei der Debatte um Eigeninteressen, um parteipolitische Interessen oder um schulspezifische Interessen? Alle Interessen sind legitim. Aber müssen sie im Vordergrund stehen oder muss nicht etwas ganz andere im Vordergrund stehen: die Schüler an sich?

Was wird aus Ihnen persönlich, wenn 2017 die Schilder an Ihren Schulen abgeschraubt werden?

Donnermeyer: Das kann ich noch nicht beantworten. Ich stehe genauso vor einer ungewissen Zukunft wie die meisten Kollegen. Ich habe da noch keinen Plan. Es ist offen, wie es für mich spätestens ab Sommer 2017 weitergeht.

Zilske: Ich habe meinen Vertrag hier für viereinhalb Jahr unterschrieben. Ich werde meinen Vertrag erfüllen ( lacht ). (Anm. der Redaktion: Zilske ist auch als Fußballer aktiv) Man bekommt immer wieder Angebote, die ich bislang aber alle abgelehnt habe, weil ich hier im Wort stehe. Meine Prämisse war: alle Kollegen unterbringen. Das geht vor. Ich möchte gerne weiter in einer Schulleitung arbeiten. Wie, das ist offen. Ich kann mir auch gut vorstellen, in ein Gesamtschul- oder Sekundarschulsystem zu gehen und dort in der Schulleitung tätig zu sein. Ich muss da auch nicht der Kopf sein. Als Teil des sechsköpfigen Teams zu arbeiten, wäre für mich kein Rückschritt, sondern auch eine Perspektive. Ich kann mir genauso gut vorstellen, wieder eine Schule - Realschule oder Sekundarschule - zu leiten. Ich kann mich da nicht auf ein System versteifen. Ich freue mich auf neue Perspektiven.

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