Sa., 21.10.2017

Nach der Verpartnerung kommt die Hochzeit „Unser zweiter Hochzeitstag“

Im November werden sie im Standesamt Greven zu Eheleuten: Ramona Stahl (links) und Ella Barg-Stahl. Für beide ist die „Ehe für alle“ ein wichtiges Zeichen der Gleichberechtigung.  

Im November werden sie im Standesamt Greven zu Eheleuten: Ramona Stahl (links) und Ella Barg-Stahl. Für beide ist die „Ehe für alle“ ein wichtiges Zeichen der Gleichberechtigung.   Foto: Oliver Hengst

Greven - 

Sie lebten schon zusammen, als Ramona noch Günter hieß. Die Liebe hielt auch nach seiner Geschlechtsumwandlung. Jetzt wollen Ella und Ramona heiraten. Eine ungewöhnliche Romanze aus Greven.

Von Oliver Hengst

Die Kleiderfrage für den großen Tag ist schon geklärt: „Jede zieht ein schönes Kleid an“, sagt Ramona Stahl. Ein weißes ist allerdings nicht dabei. Die beiden Frauen werden ohne klassische Brautmode auskommen, wenn sie vor den Standesbeamten treten.

Der 27. November – er war bislang schon ein ganz besonderer Tag für Ramona Stahl und ihre Partnerin Ella Barg-Stahl. Und er wird künftig noch ein bisschen mehr Bedeutung haben. 2015 ließen sie an ebendiesem Tag ihre „eingetragene Lebenspartnerschaft“ mit einer feierlichen Zeremonie beurkunden. In diesem Jahr werden sie am 27. November aus der Verpartnerung eine Ehe machen. Dass der Gesetzgeber kürzlich den Weg für die „Ehe für alle“ frei machte, ließ sie erst jubeln – und dann rasch handeln. Der Termin auf dem Standesamt steht seit Wochen.

„Bislang war das wie eine Ehe zweiter Klasse“, sagt Ramona Stahl. Bewusst habe man sich daher entschieden, nun der Verpartnerung auch die Heirat folgen zu lassen. „Wir wollen einfach diesen Schritt machen“, sagt Ramona Stahl. „Und wir werden jetzt diesen Schritt gehen“, ergänzt Ella Barg-Stahl entschieden und strahlt. „Sie unterstützt mich einfach immer, wenn es mir mal nicht gut geht“, sagt sie und umschließt die Hand ihrer Partnerin.

"Es geht um das Symbol"

Für beide geht es bei der anstehenden Heirat weniger um juristische Belange, um Erbe, Vorsorge oder andere Dinge. „Es geht um das Symbol und um die Anerkennung“, betont Ramona Stahl. Man will das Recht auf Eheschließung, das jedem anderen Paar schon immer (und nun eben auch gleichgeschlechtlichen) zusteht, in Anspruch nehmen. Nicht mehr, nicht weniger.

Dass Ramona und Ella als Frauen-Paar zusammenleben, ist für die beiden selbst gar kein dominierendes Thema. Eher für andere, für Außenstehende, die sich nicht in die Situation hineindenken können, die sie als etwas Besonderes empfinden. Besonders – das ist die Verbindung durchaus. Weil die beiden sich kennen und lieben lernten, als Ramona noch als Günter durchs Leben ging. Bis der gelernte Schlosser den Schritt vollzog, der sich seit seiner Kindheit anbahnte: Er bekannte sich zu seiner Transsexualität. „Ich habe mich lange nicht getraut, einen Arzt zu fragen, was eigentlich mit mir los ist.“ Tagsüber lebte Günter ein bürgerliches Leben als Mann, nachts war er in Frauenkleidern unterwegs. Ein Doppelleben, das er nach vielen leidvollen Jahren radikal beendete. Dem Outing in 2010 ließ er die Änderung des Namens folgen, ließ sich mehrfach operieren. Aus „er“ wurde „sie“. Die Geschlechtsangleichung machte aus Günter dann auch biologisch Ramona. „Ich bin damit von Anfang an sehr offen umgegangen. Ich bin direkt in die Öffentlichkeit gegangen – und habe es nicht bereut.“

Und die Partnerschaft mit Ella? Blieb auch in dieser Zeit und darüber hinaus bestehen. „Sie hat sich als Mensch ja nicht verändert“, sagt Ella Barg-Stahl, die vor 24 Jahren nach Deutschland kam. „Sie war von Anfang an gut und lieb zu mir“, daran hätten die OPs nichts geändert.

 Manche Unsicherheit

Also blieb das Paar zusammen – trotz mancher Unsicherheiten, die es zu überwinden galt, und trotz der Vorbehalte aus dem Umfeld. „Ich bin in Kasachstan in einem Dorf groß geworden. Da haben Mann und Frau geheiratet. Da gab es so etwas nicht.“ Mit „so etwas“ meint Ella Barg-Stahl gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Transsexualität. Im russlanddeutschen Milieu darf man bis heute nicht viel Verständnis erwarten, hat sie festgestellt.

Offene Anfeindungen sind allerdings selten. Meistens ist fehlende Akzeptanz eher ablesbar an kritischen Blicken, an Gelächter, an Lästereien, an Getuschel, an Beleidigungen hinter vorgehaltener Hand. Selten aber kommt es auch heute noch vor, dass sich Ramona als „Schwuchtel“ beschimpfen lassen, gar Gewalt gegen sich erdulden muss. Auch Ella musste lernen, sich gegen mal diffuse, mal offene Anfeindungen zur Wehr zu setzen. Heute kann sie sich behaupten. Anfangs habe sie sich sehr zurückgehalten und nicht viel über die Beziehung zu einer Frau, die mal ein Mann war, gesprochen, räumt sie ein. „Aber inzwischen entgegne ich auch etwas, wenn Leute etwas sagen, das mir nicht passt.“ Ein dickes Fell brauche man schon, bestätigen beide – und eine gesunde Portion Gelassenheit kann auch nicht schaden. „Sollen sie doch reden“, sagt Ramona Stahl.

Oft hören sie die Frage, wer denn in der Beziehung der Mann und wer die Frau sei. Eine weit verbreitete Vorstellung über gleichgeschlechtliche Paare, von denen Außenstehende annehmen, jeder übernehme darin eine bestimmte Rolle. „Ist aber gar nicht so“, sagen beide. „Ramona hat heute Röcke an, ich nur Hosen. Deshalb meinen viele, ich sei der männliche Part“, sagt Ella Barg-Stahl lachend. Doch derlei Oberflächlichkeiten spielten in ihrer Beziehung keine entscheidende Rolle. So einfach, wie manche von außen denken, sei es eben bei Weitem nicht.

Die Zeremonie am 27. November ist der vorläufige Höhepunkt ihres persönlichen Kampfes für Gleichberechtigung. Sie hoffen, dass der Bürgermeister die Trauung persönlich vornimmt. „Wir werden im Rathaus mit Sekt und O-Saft feiern“, erläutert Ella Barg-Stahl. Eine Feier zu Hause schließt sich an. „Es wird unser zweiter Hochzeitstag“, sagt Ramona Stahl zufrieden.

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