Einklang-Orchester im Ballenlager
Musik-Genie und Poker-Zocker

Greven -

Dass so ein schräger Fürst so schöne Musik komponieren kann! Wunderkind war er und Geigenvirtuose, „der wiederauferstandene Paganini“, jubelten seine Zuhörer, Könige behängten ihn mit Orden, die Massen jubelten ihm zu von Norwegen bis Russland, von der Türkei bis in die USA, ja, angeblich hat er sogar die Polonaise erfunden – und er? Verzockte sein ganzes Geld in Spielhöllen und Casinos, hat sogar seine Guarini-Geige beim Pokern auf den Tisch gelegt, fiel dann von ganz oben nach ganz unten und starb mit 45 Jahren.

Dienstag, 19.06.2018, 10:08 Uhr

Konfliktfrei – das Einklangorchester machte nach dem zweitklassigen Fußball erstklassige Musik im Ballenlager.
Konfliktfrei – das Einklangorchester machte nach dem zweitklassigen Fußball erstklassige Musik im Ballenlager. Foto: Hans Lüttmann

Aber dieser Henry Wieniawski hat eben auch dieses Violinkonzert geschrieben, das in schmelzenden Tönen, wahnwitzigen Kaskaden, ziganischen Kadenzen und lerchenhaften Trillern die plüschige Pariser Eleganz, polnische Melancholie und die romantischste Liebe zum Leben besingt.

Ein Paradestück für Friederike Starkloff, die erst 27-jährige Erste Konzertmeisterin der NDR-Radiophilharmonie, die dafür am Sonntag im fast ausverkauften Ballenlager derart furiosen Applaus bekam, dass das Publikum sie nicht ohne Zugabe von der Bühne ließ – mitten im Konzert.

„Konfliktfrei“ hat die Einklag-Philharmonie das zweite Konzert ihrer diesjährigen Reihe überschrieben, das außer Wieniawskis hinreißender Komposition auch noch mit einem Brahms und einem Mozart nach Greven angereist war und dem Fußball zuliebe das Konzert erst nach dem vergurkten WM-Auftakt der deutschen Mannschaft begann.

Und mit ebenjenem Brahms und dessen zweiter Serenade eindrucksvoll zeigte, dass man auch ohne Spitzen gewinnen kann: Keine Violinen, nur Bläser und tiefe Streicher machen dieses Nachtstück aus, über dessen betörendes Adagio in der Pause eine Zuhörerin beseelt schwärmte: „Eigentlich mag ich vom Brahms ja nur das Schlaflied, aber dieses Adagio wünsche ich mir als Filmmusik für meine Träume.“ Und dann noch Mozarts Festserenade für den Salzburger Bürgermeistersohn Sigmund Haffner: festlich, schwungvoll, lebensfroh, ja feierlich, energisch und klangschön flattert sie durch das Ballenlager; Dirigent Joachim Harder ermuntert seine Musiker, die Süffisanz und Beschwingtheit der Komposition herauszukitzeln und braucht nur einen Taktstockschlag, um das abschließende Allegro einzuleiten, ein rauschhaftes Prestissimo, das noch im Ohr bleibt, wenn die letzten Orchesterklänge schon längst verklungen sind. Konfliktfrei? Komisches Wort nach diesem WM-Auftakt.

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