Feldpost im Ersten Weltkrieg
Über Halunken und Brennnesselsuppe

Greven -

Der Erste Weltkrieg übertraf an Grausamkeit, was es in der Zeit bislang gegeben hat. In diesem Jahr jährt sich das Ende dieses grausamen Gemetzels, bei dem etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren, zum 100. Mal. Doch wie haben die Menschen diesen Krieg erlebt? Eine Postkarte aus Greven zeigt da einiges auf.

Samstag, 21.07.2018, 20:37 Uhr

Feldpost im Ersten Weltkrieg: Über Halunken und Brennnesselsuppe
Foto: Privat

Ist ein Krieg schrecklicher als der andere? Jeder, der einen Krieg miterlebt hat, sieht das wohl anders. Aber: Vergleichen kann man solche grausamen Geschehnisse sicherlich nicht. Einig sind sich aber alle: Der Erste Weltkrieg übertraf an Grausamkeit, was es in der Zeit bislang gegeben hat. In diesem Jahr jährt sich das Ende dieses grausamen Gemetzels, bei dem etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren, zum 100. Mal. Doch wie haben die Menschen diesen Krieg erlebt? Eine Postkarte aus Greven zeigt da einiges auf.

Diese Postkarte ist ein recht merkwürdiges Exemplar. Auf der Vorderseite sieht sie recht normal aus. Gerichtet ist diese Karte, die am 22.7.1918 in Greven abgestempelt wurde, an den Landsturmmann Pietig, Mobile Etappe, Kommandantur 20, Hengstkolonne, Deutsche Feldpost 81.

Franz-Josef Pietig ist 69 Jahre alt, wurde in Greven geboren, lebt inzwischen in Lengerich und ist der Enkel von Ferdinand Pietig. Er hat diese Karte gefunden, als seine Tante verstarb und die Nachkommen die Wohnung auflösten. „Es wusste aber niemand mehr, wo unser Opa im Ersten Weltkrieg eingesetzt war“, erklärt er.

Er selbst ist in dem Haus an der Bergstraße aufgewachsen, in dem auch sein Opa Ferdinand und seine Oma Catherina gelebt hatten. Sein Opa war damals Anstreichermeister, sein Vater Ludwig übernahm das Geschäft und auch sein Bruder Ludwig führte den Betrieb weiter. Das Haus an der Bergstraße 7 – zu der Zeit, zu der die Postkarte geschickt wurde, lautete die Adresse noch Greven 189 – hat sich in den Jahren verändert. Nur die Haustür, die ist noch original aus der alten Zeit.

Franz-Josef Pietig hat seinen Opa nicht mehr bewusst kennen gelernt. Als er starb, war Franz-Josef zwei Jahre alt. Aber: Franz-Josef interessierte sich schon immer für Geschichte, und deshalb hatte er von seiner Tante auch schon das Stammbuch der Familie bekommen.

Daraus war zu erfahren, dass seine Großeltern acht Kinder hatten, von denen fünf die Kindheit überlebten. Sein Großvater war am 17. November 1916 einberufen worden zum Kriegsdienst im Preußischen Heer. Da war er schon 45 Jahre alt.

Wie gesagt: Wo er den Krieg erlebte weiß niemand mehr. Nur: „Wir vermuten, dass er nicht an Kampfhandlungen beteiligt war“, erklärt sein Enkel.

Zurück zur Feldpost-Karte. Auf dieser Karte schreibt Franz-Josef Pietigs Oma an ihren Mann. „Lieber Mann, habe soeben ein Paketchen Nr.7 für Dich abgesandt. Hoffentlich kommt es dort gut an. Habe Deine liebe Karte erhalten. Auch ein Paketchen mit K-L. Am Dienstag kommt Mathildchen. Innige herzliche Grüße sendet deine Tinks und die Kinder.“

Geschrieben war das alles natürlich in Sütterlin, der alten deutschen Schrift. „Von uns konnte das niemand lesen, deswegen haben wir Elisabeth Frische vom Heimatverein Greven gebeten, das zu übersetzen“, erklärt Pietig.

Bislang war die Karte nichts besonderes. Aber: Auf der Rückseite war das Haus der Familie an der Bergstraße abgebildet und rundherum hatte die Oma in einer ganz kleinen Schrift das zu Papier gebracht, was sie wirklich bewegte. „Hätte das jemand beim Militär entziffert, wäre der Brief sicherlich gar nicht erst angekommen“, ist sich Frans-Josef Pietig sicher.

Aber: Dieser Teil der Karte verdeutlicht, wie es den Menschen zu der Zeit ging. „Sie wollen Euch also nur mit Brennnesseln satt füttern? Es ist doch sehr erbärmlich. Hier geht es auch so zu (Heimat). Die Großen und Reichen grasen alles ab, und die anderen haben das nachsehen“, schreibt die verbitterte Frau in der winzigen Sütterlin-Schrift, die auch für Elisabeth Frische als Kennerin dieser Schrift nur ganz schwer zu entziffern ist.

In dem Schreiben nimmt die Frau keine Hand vor den Mund. „Die ganze Welt ist Lug und Betrug“, schreibt sie. Und weiter heißt es: „Hier laufen so viele herum, die bedeutend jünger sind als Du. Mir kocht das Blut, wenn ich sie sehe. Der eine ist noch ein größerer Halunke als der andere. Die Herren sorgen bloß noch für sich.“

Tja, und dann stößt auch Elisabeth Frische an ihre Grenze. „Alles andere ist trotz großer Lupe nicht leserlich“, schreibt sie unter die Übersetzung.

Trotz allem wird klar, was die Ehefrau von Ferdinand Pietig beklagt. „Auch schon damals ließ sich mit Geld oder Vitamin B verhindern, dass man eingezogen wurde“, interpretiert Franz-Josef seine Oma.

Sein Opa Ferdinand Pietig kam heil aus dem Ersten Weltkrieg zurück, überlebte auch den Zweiten Weltkrieg und starb schließlich im Jahr 1951.

In der Familie wurde zu Weihnachten, wenn alle zusammen kamen, immer wieder über den Großvater, seine Liebe zu Pferden und über die bewusste Karte besprochen. „Es war schon toll, als wir diese Karte dann in Händen hielten. Das ist schließlich ein Stück Familiengeschichte und trägt dazu bei, die damalige Situation besser zu verstehen“, sagt Franz-Josef Pietig.

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