Do., 16.03.2017

Elefantenhochzeit: VR-Bank Kreis Steinfurt und Vereinigte Volksbank Münster Ein Blick hinter die Fünf-Milliarden-Euro-Fusion

Bunt gemischte Kooperationspartner (v.l.): Die Vorstände Franz-Josef Konermann, Hubert Overesch (beide VR-Bank), Gerhard Bröcker (MS), Ulrich Weßeler (VR-Bank), Thomas Jakoby und Friedhelm Beuse (beide MS).

Bunt gemischte Kooperationspartner (v.l.): Die Vorstände Franz-Josef Konermann, Hubert Overesch (beide VR-Bank), Gerhard Bröcker (MS), Ulrich Weßeler (VR-Bank), Thomas Jakoby und Friedhelm Beuse (beide MS). Foto: Volksbank

TECKLENBURGER LAND - 

Es eine „Überraschung“ zu nennen wäre zu wenig: Die seriösen Herren aus den Chef-Büros der genossenschaftlichen Banken-Hauptsitze in Rheine und Münster haben sich vorgenommen, bislang Unvorstellbares zur Realität werden zu lassen. Sie denken und handeln über die Grenzlinien in den Köpfen hinweg. Sie wollen eine Volksbank-Fusion von Kreis Steinfurt und Münster.

Von Peter Henrichmann

Alles ist ganz anders als bei der Konkurrenz: Im Hause Kreissparkasse Steinfurt wurde noch im Jahr 2016 eine Allianz geschmiedet, um lockenden Fusionsangeboten aus der Domstadt Münster in den Kreis ST hinein eine klare, deutliche und hörbar laute Absage zu erteilen. Auch vom in Münster beheimateten Sparkassen- und Giroverband Westfalen Lippe hörte man unlängst klare Bekenntnisse zur Bedeutung von gewachsener Regionalität, zu übersichtlichen und zusammenhängenden Wirtschaftsräumen. Hinzu gab es vernehmbare Warnungen von Spitzen-Sparkassenbankern, die Grenzen ihrer Institute nicht zu überdehnen und künftig nicht die Nähe zum Kunden zu verlieren.

Gemessen daran ist der Plan der VR-Bank Kreis Steinfurt und der Vereinigten VB Münster geradezu verwegen. Doch Franz-Josef Konermann, Hubert Overesch und Ulrich Weßeler (Vorstände VR-Bank), haben das mit der Kooperation/ Fusion kürzlich bei ihrer Pressekonferenz in Rheine so gelassen und ruhig verkündet, als würden sie über die Anschaffung neuer Dienstwagen sprechen. Als wäre die geplante Fusion zur fünf Milliarden Euro schweren Großbank nur ein cool zu managendes Tagesgeschäft. Dabei ist es doch weit mehr als das: „Wir wollen ab Januar 2018 in der Kooperationsphase die beiden Banken gemeinsam auf ein Haus zuschneiden“, formulierte Hubert Overesch. Das ist zeitlich genau jetzt nötig, weil die genossenschaftliche Bankengruppe nach der Fusion der IT-Dienstleister GAD (Münster) und Fiducia (Karlsruhe) umfassend eine neue Computertechnik und eine neue Bankensteuerung einführt. Sinnvoll ist, dabei eine Fusion gleich mit zu berücksichtigen. Was natürlich eine gewaltige Aufgabe ist: „Die Migration und die Kooperation gleichzeitig zu bewältigen, ist beispiellos in der Bundesrepublik“, stellte Overesch fest. Stimmt: Die Migration – die Einführung neuer Technik, Software und vollständig neu strukturierter bank-interner Prozesse – zeitgleich mit einer Großfusion zu stemmen, klingt gewagt. „Die Komplexität wächst mit der Größe der Bank“, sagte Overesch. Er betonte, dass das „die Mitarbeiter und die Führungskräfte besonders fordern wird.“ Wie gut, dass man sich als „erfahrene Fusionierer“ betrachtet und zu erwartenden Problemen wohl gewachsen sein wird: „Wir sind sicher, dass wir alle Herausforderungen meistern werden.“ So weit – so ambitioniert.

Doch: Die Vorstände dürfen sicher sein, dass ihre Aufsichtsräte hinter ihnen stehen: „Wir sind zu 100 Prozent, sind einstimmig ermächtigt worden, diesen Weg zu gehen. „Wir sollen die Zeit der Migration nutzen, um die Fusion vorzubereiten“, formulierte Vorstand Franz-Josef Konermann. Der hat zwar nur noch wenige Wochen ein Chef-Büro im Hause bevor er sich in den Ruhestand verabschiedet, ist aber in Sachen Kooperation/ Fusion sehr optimistisch.

Im zweiten Halbjahr 2017 werden die verbleibenden fünf Chefs beider Banken nun in Vorstandsklausuren das weitere Vorgehen besprechen, planen und festlegen. Ab Januar 2018 sollen den Projektgruppen die Kooperation der Häuser inhaltlich- fachlich füllen. Das Jahr 2019 gehört der Migration. Über die Fusion selbst sollen die Vertreterversammlungen der beider Banken dann im Mai 2020 entscheiden. Die rund 230 Vertreter der VB-Bank Kreis ST und die rund 300 aus Münster werden zuvor individuell über alle Fakten zur Fusion informiert. „Wir werden sie davon überzeugen, dass das eine gute Entscheidung ist“, blickte Hubert Overesch in die Zukunft. Stimmen nun die Vertreterversammlungen der Fusion zu, wird sie rechtlich rückwirkend zum 1. Januar 2020 vollzogen.

Zuvor jedoch werden wohl noch einige heikle Fragen zu klären sein: Wie soll die neue Bank heißen? „Das Wort Münsterland dürfte im Namen vorkommen“, deutete Konermann mit einem wissenden, aber noch verschwiegenen Lächeln an. Wobei der Name relativ wurscht ist – wo der Hauptsitz sein wird, ist es indes bestimmt nicht: Rheine oder Münster? Und überhaupt: Wer übernimmt hier wen? Die VR-Bank Kreis ST ist von der Bilanzsumme her deutlich größer als die Vereinigte VB Münster: Ob es aber die Schlagzeile „Steinfurt schluckt Münster“ geben wird, ist aktuell völlig offen. Dass es eventuell „Sinn machen könne, wenn das größere Institut das kleinere übernimmt“, wurde von Franz-Josef Konermann angedeutet.

Noch steht der Schriftzug der VR-Bank am Hauptsitz in Rheine.

Noch steht der Schriftzug der VR-Bank am Hauptsitz in Rheine. Foto: Peter Henrichmann

Erwähnt wurde aber auch, dass das nicht so sein muss, dass manche „Kompromisse gesucht und gefunden werden müssen.“ Hinzu kommt, dass die übernehmende Bank bei der Fusion Grunderwerbssteuer zu zahlen haben wird. Da kommen fix namhafte Beträge zusammen, die Einfluss haben könnten auf die Frage, wer hier wen schluckt.

Unstrittig sein dürfte hingegen die Bestückung der Chefetage: Es werden zunächst fünf, später eventuell vier, Vorstände das neue Institut leiten. Wer Sprecher des Vorstandes sein wird, ist offen.

Offen ist am Ende die Frage, was noch übrig bleibt vor der Haustür, wenn die VRBank Kreis Steinfurt eben genau keine Kreis Steinfurt Bank mehr ist (und auch nicht mehr werden wird): „Wir haben im Kreis Steinfurt signalisiert, dass wir offen sind. Aber das hat keine Gegenliebe gefunden“, deutet Franz-Josef Konermann an, dass die restlichen selbstständigen Banken (Greven, Saerbeck, Westerkappeln-

Wersen – Ochtrup und Laer-Horstmar-Leer verschmelzen gerade) offenkundig mit Fusionen mit der VR-Bank nichts am Hut hatten.

Auch Ulrich Weßeler räumt ein, dass „wir verschiedene strategische Gespräche geführt haben“ – und er meint wohl Verhandlungen innerhalb der Kreisgrenzen. Aber: „Fusionieren können immer nur Partner, die das auch wollen. Wir können niemanden zwingen. Und je mehr Druck ausgeübt wird, umso schwieriger wird es“, sagte Weßeler. Als es nun schlussendlich nicht geklappt hat im Kreis, hat der Vorstand der VRBank offenkundig beschlossen, mutig in größerem Rahmen zu denken: Münster ... P. S.: „Unsere Offenheit bleibt bestehen“, sagt Weßeler. Soll heißen: Ein Ende der Fusionitis ist g nicht in Sicht.

Wobei fraglich erscheint, ob bei den verbliebenen Genossenschaftsbanken im Kreis Steinfurt ab 2020 noch von Fusionen oder künftig doch eher von Übernahmen die Rede sein wird.

Das sagt die VR-Bank

Die VR-Bank Kreis Steinfurt erklärt in einer Presseinfo einige Dinge zu ihren Absichten:

► „Kooperation mit Fusionsabsicht“ bedeutet, dass die zwei Partner, in verschiedenen Geschäftsfeldern zusammenarbeiten, mit dem Ziel, dass die Kooperation zur Fusion führt.

► Nach der Fusion des IT-Dienstleisters GAD (Münster) mit der Fiducia (Karlsruhe) werden alle ehemaligen Banken der GAD auf eine neue Bankensoftware mit Namen „agree21“ umgestellt. Das nennt man „Migration“.

► Ab Ende 2017 beginnt für die VR-Bank Kreis ST die „Frozen Zone“. Ab dann ist aufgrund der bevorstehenden Migration zu „agree21“ keine technische Fusion mehr möglich – der ITDienstleister hat dazu nicht genug (Rechner-)Kapazitäten. Durch die gemeinsame Projektarbeit werden Doppelarbeiten vermieden. Nach der Migration ist ein gemeinsamer Organisationsgrad erreicht, der die Fusionsansprüche erfüllt.

► Es gibt kein neues Filialkonzept. Beide Banken haben ein Filialkonzept, das sie wie geplant umsetzen. Überschneidungen des Geschäftsgebietes und überlappenden Standorte gibt es nicht.

► Die Verwaltungsstandorte Telgte und Rheine bleiben erhalten. Details werden in Projektarbeit gelöst.

► Beide Banken werden die zu erwartenden Synergieeffekte in den Produktions-, Verwaltungs- und Steuerungsbereichen überwiegend durch die demografische Entwicklung steuern können. Es ist beabsichtigt, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und den Personalabbau durch natürliche Fluktuation zu erreichen. Bis 2021 werden sich ca. 70 Kollegen von der VR-Bank verabschieden, in Münster werden es rund 80 sein. Eine Kooperation/Fusion heißt auch, sich auf neue Kollegen und neue Rahmenbedingungen einzulassen. Veränderungsbereitschaft wird von allen Mitarbeitern gefordert sein. Die Arbeitsplätze in der Region werden langfristig gesichert.

► Das Geschäftsgebiet hat nach der Fusion eine Ausdehnung von rund 85 km in Nord-Südrichtung und rund 50 km in Ost-Westrichtung. Es reicht von Drensteinfurt im Süden bis nach Hopsten im Norden und von Burgsteinfurt im Westen bis nach Ostbevern im Osten.

►Die VR-Bank Kreis ST hat 2013 eine Fusion abgeschlossen. Die letzte Fusion der Vereinigte VB Münster liegt zweieinhalb Jahre zurück. Im konkreten Fall ist die Kooperation/Fusion für beide Banken ein Glücksfall, da beide gut zusammenpassen und sich ergänzen. Diese Gelegenheit müssen beide Partner wahrnehmen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Allgemein ist festzustellen, dass die Rahmenbedingungen für regionale Institute ständigen Optimierungsdruck erzeugen.

► Strategische Überlegungen gehören zum Aufgabenspektrum des Vorstands. Vorstände und Mitarbeiter beider Banken kennen sich seit Jahren aus der Zusammenarbeit im „Riesenbecker Kreis“ und auf Bezirksebene; daraus haben sich konkrete Gespräche entwickelt. Die Aufsichtsräte haben im Februar „grünes Licht“ für den Abschluss eines Kooperationsvertrages mit Fusionsabsicht gegeben. Da die VRBank Kreis Steinfurt mit der Kooperation eine spätere Fusion anstrebt, werden auch der RWGV, die BaFin und die Bundesbank informiert.

► Nach einer Fusion profitieren Mitglieder und Kunden von der höheren Leistungsfähigkeit. Beispiel: Erst nach der Fusion 2013 war die VR-Bank in der Lage, Kunden ein leistungsfähiges Private-Banking anzubieten

und damit eine neue Kundenklientel zu erschließen. So wird es in der neuen Bank auch möglich sein, Mitgliedern und Kunden Dienstleistungen und Produkte anzubieten, die beide Banken heute aufgrund ihrer Größe nicht sinnvoll bereitstellen können.

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