Kreis Steinfurt
Fr., 03.09.2010
Kanonenfutter vom Fließband
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Kreis Steinfurt - Neun Monate lang war sie als erste Frau aus der Kreispolizeibehörde Steinfurt in Afghanistan und half bei der Ausbildung der dortigen Polizei. Seit einer Woche ist Corinna Dimmers wieder zurück im heimischen Rheine, wo sie im Einsatztrupp Gefahrenabwehr Dienst tut, wie schon 15 Jahre vor ihrem Auslandseinsatz. Gestern berichte die 35-Jährige Polizeihauptkommissarin vor der Presse von ihren Erfahrungen in dem Kriegsgebiet.
Die Motivation: Schon länger habe sie sich für einen Auslandseinsatz interessiert, berichtet Dimmers und in Afghanistan sei nun mal der Bedarf am größten. Afghanistan habe sie aber auch wegen der „absolut fremden Kultur“ gereizt.
Angst und Gefahr: Fünf Wochen dauerte die Vorbereitung in Deutschland. Da sei „nichts beschönigt“ worden, sagt Dimmers. Vor Ort müsse man froh sein, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. „Andauernd passiert was“, sei ihre Erfahrung, und: „Wenn bei einem Anschlag nur der Selbstmordattentäter ums Leben kommt, ist das keine Pressemeldung wert.“
Die Aufgaben: Einsatzort war die Polizeiakademie in Kabul, wo der gehobene Dienst ausgebildet wurde, darunter auch Frauen. Als eine der ganz wenigen Polizistinnen aus Deutschland, sei sie natürlich prädestiniert gewesen, vor allem afghanische Frauen für den Polizeidienst auszubilden.
Polizistinnen in Afghanistan: „Sie werden nicht respektiert und werden nicht im operativen Dienst eingesetzt. Hauptsächlich übernehmen sie Durchsuchungen. Die meisten Frauen verschweigen, dass die bei der Polizei sind, sind kaum sichtbar in der Öffentlichkeit.“
Mangelberuf Polizist: „Es gibt nicht genügend qualifizierte Bewerber,“ meint Dimmers. Aber ein gesichertes Monatseinkommen von 200 US-Dollar sei schon „recht viel.“
Die Probleme: Auf Frauenarbeit lege niemand Wert. Generell gehe alles „sehr schleppend“ und „vieles wird so lange herausgezögert, bis niemand mehr weiß, um was es ursprünglich ging“, beschreibt sie die „absolute Aussitztaktik“ der Afghanen.
Respekt: Konnte sie sich überhaupt Respekt verschafen? „Ja, dank der Uniform“. Und als Deutsche genieße man sehr viel Sympathie. Doch gerade als Frau erlebe man dort einen absoluten Kulturschock. „Unser Denken ist dort nicht durchsetzbar.“
Die Perspektiven: Wird die Polizei dort jemals mit unserer vergleichbar werden? Wenn überhaupt, dann werde das noch sehr lange dauern. meint Dimmers. „Das Land hat oft wirklich Mittelaltercharakter“. Jeden Monat kämen 100 Polizisten im Land um. „Die sind wie Kanonenfutter. Jeder wird genommen, die Ausbildung dauert acht Wochen, dann geht es ab auf die Straße“ beschreibt Dimmers den ihrer Meinung nach „falschen Weg“. Die Deutschen favorisierten eine Qualitätsausbildung von einem Jahr Dauer - aber dafür fehle mittlerweile die Zeit: „Polizisten müssen am laufenden Band produziert werden.“
Der Alltag: Ein Leben außerhalb des Dienstes habe es praktisch nicht gegeben, sagt Dimmers. Eine Stunde Fahrt vom Camp zur Akademie, Feierabend um 17 Uhr, dann Sport, TV, Internet: „Das war eigentlich alles.“ Oft habe man das Camp nicht verlassen dürfen. Zwar habe es Einladungen in afghanische Familien gegeben. Die seien aber oft aus so banalen Gründen gescheitert, weil es keinen sicheren Parkplatz gegeben habe.
Korruption: Ja, die habe es gegeben. So habe das afghanische Ministerium behauptet, die Ausbildungsakademie bekomme alle drei Monate 2000 Dollar - von denen man dort aber angeblich nichts wusste. „Das Geld versickert.“ Kräftig gestunken habe es allen, wenn der Klärgrubenentsorger die Fäkalien noch auch dem Polizeigelände illegal entsorgt habe um Benzin zu sparen und es später zu verkaufen.
Das Positive: Ihre Zeit in Afghanistan sei vor allem ein persönlicher Gewinn gewesen, die Arbeit mit den internationalen Kollegen sehr bereichernd. Auch die Menschen habe sie lieb gewonnen, überlege sogar, noch einmal zurückzukehren. Aber sie sagt auch: „So viel Geld wird dort reingesteckt und bringt so wenig. Das ist enttäuschend.“
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