Fr., 12.08.2016

Plädoyer fürs Plattdeutsche „Saihen“ oder „Säggen“?

Friedrich Ernst Hunsche hat als Schriftsteller und Heimatforscher schon Anfang der 1950er Jahre ein Plädoyer für den Erhalt der plattdeutschen Sprache gehalten. Das Bild zeigt ihn an seinem Schreibtisch in Ibbenbüren.

Friedrich Ernst Hunsche hat als Schriftsteller und Heimatforscher schon Anfang der 1950er Jahre ein Plädoyer für den Erhalt der plattdeutschen Sprache gehalten. Das Bild zeigt ihn an seinem Schreibtisch in Ibbenbüren. Foto: Wilhelm Schmitte

Tecklenburger Land - 

Als Schriftsteller und Heimatforscher hat sich Friedrich Ernst Hunsche einen Namen gemacht. Bereits Anfang der 1950er Jahre hat er ein leidenschaftliches Plädoyer für den Erhalt der plattdeutschen Sprache gehalten.

Friedrich Ernst Hunsche ist bis heute ein bekannter Mann in der Region. „Für nahezu jeden Ort des Tecklenburger Landes hat Hunsche eine Chronik verfasst“, schrieb WN-Redakteur Wilhelm Schmitte am 16. August 2014 anlässlich des 20. Todestages über den Schriftsteller und Heimatforscher, der sich selbst als Weltbürger bezeichnete und der unter anderem vier Fremdsprachen fließend sprach. Doch eine Sprache, die lag ihm besonders am Herzen: das Plattdeutsche . Schon am 5. April 1952 hielt er im „Tecklenburger Landbote“ ein flammendes Plädoyer für deren Erhalt.

„Als vor 300 Jahren für die niederdeutschen Mundarten Norddeutschlands allgemein die Bezeichnung ,Plattdeutsch‘ in Gebrauch kam, war dies ein Ausdruck der Geringschätzung. Die alte Volkssprache, die dem unaufhaltsamen Vordringen der hochdeutschen Schriftsprache keinen Einhalt gebieten konnte, wurde nicht mehr wie zur Zeit der Hanse als eine eigene vollgültige Sprache angesehen; sie schien schon damals zum Untergange verurteilt zu sein.

So steht nun seit drei Jahrhunderten das Aschenbrödel der deutschen Sprachgeschichte abseits vom lauten Strom des Lebens, in dem Schatten der Zeiten noch Werte bewahrend, die im Grunde unvergänglich sind, so lange das Volk noch mit vollem Herzen die Sprache der Heimat spricht und unverbildet an die Jugend weitergibt.

Drängt sich uns nun bei genauer Betrachtung all dieser Dinge nicht die Frage auf, ob es noch wirklich mehr ist als Fragmente, die wir im gegenwärtigen Plattdeutschen besitzen? Sind doch Jahrzehnte unter dem Einfluss der hochdeutschen Schriftsprache manche Stücke von dem alten Felsen der plattdeutschen Volkssprache abgebröckelt und ins Meer des Vergessens versunken. Viele von unseren Alten haben unersetzliche Schätze mit ins Grab genommen. Urwüchsige plattdeutsche Wörter und Ausdrücke, denen gegenüber manches hochdeutsche Wort kraftlos und bildarm erscheint.

Unsere Zeit steht nun hierbei vor einer bedeutsamen Entscheidung: Sollen wir tatenlos das Plattdeutsche seinem Schicksal überlassen oder können wir es noch vor dem völligen Zerfall retten? Ausgehend von der Erkenntnis, dass gerade die Mundarten für das seelische Leben eines Volkes von größter Bedeutung sind und dass nur aus den Quellen der Mundarten eine ständige Erneuerung und Bereicherung der Schriftsprache möglich ist, sollte uns die Entscheidung für das, was wir im Ringen um das Fortbestehen einer eigengesichtigen Sprache und Kultur zu tun haben, nicht allzu schwer fallen!

Die niederdeutsche Mundart unserer engeren Heimat, des Tecklenburger Landes, ist noch verhältnismäßig urwüchsig und vielgestaltig, ja so reich an innerem und äußeren Gehalt, dass fast jeder Ort in seinen sprachlichen Formen mehr oder weniger ein eigenes Bild bietet. Dies ist vor allem an den Grenzen zu beobachten, die eine tausendjährige Geschichte gezogen hat.

Ausgehend von meiner Mundart, wie sie in der Gemeinde Lienen gesprochen wird, habe ich feststellen können, dass schon innerhalb der Gemeinde Lienen selbst die Aussprache mancher plattdeutscher Wörter verschieden ist. Während man im Dorf Lienen und in seiner Umgegend „wurst“, „durst“, „burst“ sagt, lauten die Wörter in Kattenvenne viel offener; dort sagt man „wuorst“, „duorst“, „buorst“ und so weiter. Man nähert sich in Kattenvenne also dem münsterländischen Platt, zum Beispiel dem von Ostbevern, das Professor Grimme im Buch „Plattdeutsche Mundarten“ als Leitdialekt ausgewählt hat.

Gehen wir von Kattenvenne weiter nach Westen, so glauben wir plötzlich, je näher wir dem Dorfe Ladbergen kommen, eine ganz andere Sprache zu hören. In Lienen und Kattenvenne sagt man „gauhn“, „stauhn“; in Ladbergen ist es „goahn“, „stoahn“ geworden. In Ladbergen sagt man auch nicht „säggen“ und „mäggen“ wie in Lienen und Kattenvenne, sondern „saihen“, „maihen“ und so weiter. Das ist schon echtes münsterländisches Platt.

Schwenken wir nun nördlich auf Lengerich zu, so klingen uns auf einmal wieder mehr vom Norden Deutschlands her bestimmte Sprachlaute ins Ohr, wie wir sie in Lienen vernehmen. Wir stehen hier also an einer deutlich feststellbaren Dialektgrenze.

Ähnliche sprachliche Abweichungen, wenn auch nicht überall so stark wie zwischen Ladbergen und Lengerich, sind zwischen den anderen Orten und gemeinden des Kreises Tecklenburg festzustellen. Eine genaue Übersicht über die verschiedenen plattdeutschen Dialekte im Raum unserer Heimat dürfte sich erst ergeben, wenn mit Hilfe der Tonbandaufnahmen umfassende Vergleiche möglich sind.“

Mit diesem letzten Satz nimmt Hunsche Bezug auf eine Initiative der „Tecklenburger Heimatfreunde“, wie es im Vorspann zu dem Artikel heißt. Auf deren Idee hin beginnt ein Professor Baader damit, Tonaufnahmen zu machen. Jeder Ort im Kreis Tecklenburg soll berücksichtigt werden. „Wir möchten auch von uns aus alle Heimatfreunde bitten, diese Arbeit tatkräftig zu unterstützen“, heißt es im „Tecklenburger Landbote“.

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