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Fr., 24.06.2016

Tecklenburger Land versinkt im Regen Am schlimmsten erwischt es Lienen

Der Dorfteich läuft über und überschwemmt den Diekesdamm. Von der Straße ist nichts mehr zu sehen. Am Haus des Gastes stürzt der alte Walnussbaum um.

Der Dorfteich läuft über und überschwemmt den Diekesdamm. Von der Straße ist nichts mehr zu sehen. Am Haus des Gastes stürzt der alte Walnussbaum um. Foto: Feuerwehr

Lengerich/Lienen/Ladbergen/Tecklenburg - 

Wie aus Eimern schüttet es. In einer halben Stunde prasseln in Lengerich 55 Liter Regen auf einen Quadratmeter nieder, ähnlich ist es in Tecklenburg und Ladbergen. Am Donnerstagabend herrscht Land unter in weiten Teilen des Tecklenburger Landes. Der Bahnverkehr ist gestört. Ein Autofahrer wird leicht verletzt. Keller laufen voll. Bäume sind entwurzelt. Landwirte beklagen Ernteeinbußen. Es kommt zu Sachschäden. Am schlimmsten erwischt es jedoch Lienen.

Von Wilhelm Schmitte

Um 19.41 Uhr beginnt dort mit dem Hinweis „Baum auf Meckelweger Straße“ der Einsatz-Marathon der Freiwilligen Feuerwehr. Acht Minuten später sieht sich der Löschzug Lienen offiziell mit einer Unwetterlage konfrontiert. Kurz darauf, um 19.58 Uhr, wird angesichts des Starkregens Vollalarm gegeben. Um 21.15 Uhr kommt das Technische Hilfswerk (THW) als Verstärkung hinzu.

Da steht Harald Dierkschneider in der Küche seines „Alten Farmhauses“ bereits im sprichwörtlichen Regen. Wenige Meter vom Dorfteich entfernt sieht der Gastronom Wasser und Schlamm in den Biergarten fließen. „Innerhalb von fünf Minuten war alles voll“, berichtet der 57-Jährige vom Überlaufen des Weihers. Im Kühlkeller und im Biergarten steht das Wasser gut 30 Zentimeter hoch. Sandsäcke verhindern Schlimmeres. Dennoch wird auch die Küche in Mitleidenschaft gezogen. Das Pflaster der Straße „Zum Teich“ wird weggerissen. „Wahnsinn“, nennt das Dierkschneider.

„Zwei Drittel der Straße sind weg“, stellt Günter Glose fest. Der allgemeine Vertreter des Bürgermeisters weiß noch nicht, ob die alten „Kattenköppe“ wieder eingebaut werden. Schließlich ist solch ein Pflaster Gift für Rollatoren. Wenig weiter ist am K+K-Markt die Rampe vollgelaufen. Das Lager droht überschwemmt zu werden. Pumpen müssen her. Alles geht gut.

Auf der Friedhofstraße stürzt um 20.20 Uhr ein Baum auf einen Wagen. Der 75 Jahre alte Fahrer hat Glück. Er zieht sich „nur“ leichte Verletzungen zu, wird vorsorglich ins Krankenhaus gebracht. Schaden: 2000 Euro.

In der Teuto-Apotheke erfordern Glasbehälter mit Chemikalien Fingerspitzengefühl beim Abpumpen. Nicht das erste Mal hat Doris Cichon mit einem überfluteten Keller zu kämpfen. „Diesmal war es die Krönung“, sagt die Apothekerin. Zwei Meter hoch steht die braune Brühe. „Das Wasser kam wie ein Fluss vom Dorfteich runter.“ Zum Handeln fordert Cichon („Es muss eine Lösung gefunden werden.“) die Gemeinde auf. Bürgermeister Arne Strietelmeier in der Nacht: „Gegen Hochwasser ist kein Kraut gewachsen.“

Insgesamt fährt die Lienener Wehr von Donnerstagabend bis Freitagmorgen 70 Einsätze. Ebenfalls mit 25 Einsatzkräften vor Ort ist das Lengericher THW. „Wir haben Pumpenausrüstung, Stromaggregate und technisches Gerät dabei“, berichtet Gruppenführer Dirk Dellbrügge als die Pumpen dröhnen. „Alles klappt gut“, urteilt Karsten Grundmeier. Der THW-Ortsbeauftragte muss um 23.30 Uhr eine Gruppe nach Ledde schicken. Das zweite Team wird um 1 Uhr früh nach Rheine beordert, um Keller und Tiefgaragen auszupumpen.

„Die Dorfstraße stand einen halben Meter unter Wasser.“ Diese Situation findet Manfred Kleine Niesse, Zugführer des Löschzugs Kattenvenne, vor. „Das habe ich noch nicht erlebt. Eine einzige Seenplatte“, schildert Hans-Heinrich Rottmann vom gleichnamigen Fußzentrum (Hauptstraße 6) seine Eindrücke. Am späten Abend grillt er im Feuerwehrhaus für seine hungrigen Kameraden Würstchen.

Die Holperdorper Straße wird am späten Donnerstagabend ab „Waldschlösschen“ für den Verkehr vorübergehend voll gesperrt. Abgespülter Waldboden, Blätter und Äste machen die Serpentinen durch den Teutoburger Wald so gut wie unpassierbar.

„Die Kameraden haben Schäden an ihren Autos. Die Hagelkörner waren so groß wie Golfbälle“, weiß Ralph Meier. Lienens Wehrchef hat sich sofort mit dem Bürgermeister zusammengesetzt und die einzelnen Maßnahmen besprochen. In der Zentrale im Feuerwehrhaus koordiniert und organisiert Georg Koop die Einsätze.

In der evangelischen Kirche in Lienen durchschlagen Hagelkörner mindestens 20 Scheiben von drei großen Fenstern. Auf dem Friedhof weht der Sturm eine Linde um. Im Freibad zerstören Hagelkörner die Strandkörbe und anderes Mobiliar. Und auch die Landwirtschaft leidet. „Der Mais ist nach dem Hagelschlag stark geschädigt“, klagt Reinhard Schmitte. Er hat sieben Hektar angebaut und erwartet bis zu 70 Prozent weniger Ertrag.

Am Freitag wird das Dorf gefegt. Die Kehrmaschine beseitigt Blätter, damit die Kanäle nicht verstopfen. Weil die Kläranlage überlastet ist, wird Regenwasser mit großen Tankwagen abgefahren. Am Siensberg und in Holperdorp spült der Regen Erdreich auf Wege und Straßen.

Unterdessen bieten unseriöse Firmen gegen Vorkasse Hilfe bei der Reparatur von Dächern an. Davor warnt Olaf Berdelmann, Chef des gleichnamigen Holzbaubetriebs, eindringlich. Mit dem Vorwand, Material holen zu wollen, verschwänden sie mit dem Geld.

Lengerich ist recht glimpflich davon gekommen. „Als relativ entspannt“, wertet Wehrführer Hartwig Hübner die Situation. 28 Einsätze stehen zu Buche. 30 Leute sind unterwegs, beseitigen umgestürzte Bäume und pumpen Keller leer.

Betroffen ist auch die Stadtverwaltung. Im Keller ist Wasser eingedrungen, sagt Ordnungsamtsleiter Ludger Dierkes. Das sei aber nur halb so schlimm. Mehr zu tun gibt es für die Mitarbeiter des Baubetriebshofes. Leiter Manfred Stork berichtet, dass der Bereitschaftsdienst bereits am späten Donnerstagabend im Einsatz gewesen sei. Am Freitag geht es ab dem Morgen verstärkt zur Sache. In Exterheide wird die Straße „Zur Meesenburg“ wegen umgestürzter Bäume vorübergehend gesperrt. Vor allem geht es aber darum, Straßen und Wege von Geröll und Sand zu säubern.

Zum vierten Mal innerhalb weniger Wochen ist die Schillerstraße in Höhe des Lengericher W&H-Werks 1 bis zu 30 Zentimeter überschwemmt. Die Kanalisation ist nach dem Bau neuer Hallen und Gebäude inzwischen offenbar zu klein.

Rund 60 Einsätze hat die Tecklenburger Feuerwehr mit ihren vier Löschzügen. Die erste Alarmierung geht um 20.23 Uhr ein. Manche Einsatzstelle muss doppelt abgearbeitet werden, weil bereits leer gepumpte Keller erneut voll Wasser laufen, berichtet Wehrführer Wieland Fortmeyer. Bis 4.30 Uhr ist er im Einsatz. Um 6.15 Uhr kommt die nächste Alarmierung, wieder wegen voll gelaufener Keller in Leeden und Ledde.

Blitze richten derweil keinen großen Schaden an. Ein Einschlag in ein Haus am Proll hat zwar ein Feuer zur Folge, das können die Bewohner aber selbst mit einem Gartenschlauch löschen. Zwei „kalte“ Einschläge gibt es an der Osnabrücker Straße in Ledde und an der Leedener Straße in Leeden.

In Ledde droht zudem der Dorfteich überzulaufen. Vor dem Gebäude Hemmer wird ein Damm aufgebaut, an der Ledder Dorfstraße mit THW-Unterstützung ein Wohnhaus mit rund 4000 Sandsäcken vor dem Wasser der Ledder Aa geschützt.

Bis gestern Mittag ist in Tecklenburg die Straße „Am Weinberg“ in Höhe des Parkplatzes Bismarckturm komplett gesperrt: Straßenschäden. Die Löcher seien so groß gewesen, da hätte eine Mülltonne hineingepasst, schildert Fortmeyer.

Auch in Ladbergen kamen die Männer der Feuerwehr nicht zur Ruhe. Wie Leiter Andreas Keuer berichtet, war die Halle eines Gewerbebetriebes im Bereich Hafen voll Wasser gelaufen. Mit Hilfe starker Pumpen bekamen die Helfer die Lage in den Griff. Auch zwei Kellerräume an der Lessingstraße und der Goethe­straße standen unter Wasser.

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