Mo., 21.03.2016

ThiK-Aufführung „Der Gott des Gemetzels“ Kleinkrieg auf dem Sofa

Lengerich - 

Zunächst deutet nichts auf einen Konflikt hin. Doch dann knistert es, bröckelt die Fassade der Bürgerlichkeit immer mehr. Das Theater in der Klinik feiert mit dem Stück „Der Gott des Gemetzels“ eine umjubelte Premiere.

Von Dario Sellmeier

„Es bringt nichts, sich anständig zu verhalten.“ Véronique wahrt mühsam die Fassung, doch das Publikum spürt förmlich das Knistern in der Luft, die elektrische Spannung, die sich jede Minute wieder entladen könnte. So sitzt man als Zuschauer immer am Anschlag in einer umjubelten Premiere von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“.

Altmeister Karlheinz Arndt braucht nach dem Verlöschen der Scheinwerfer am Sonntagabend ein wenig Zeit, um den aufbrandenden Applaus abklingen zu lassen. Dann nimmt er stolz „seine“ Schauspieler bei der Hand und dankbar zur Kenntnis, dass auch seine 96. Produktion ein Erfolg zu werden verspricht.

Die Vier-Personen-Satire steht der ThiK-Bühne gut zu Gesicht, die spartanische Kulisse reicht als Kampfarena völlig aus; ein großes Sofa in der Mitte, das von den Protagonisten umschlichen wird, wenn sie sich raubtiergleich belauern. Dabei deutet zunächst nichts auf einen Konflikt hin: Annette und Alain sind zu Gast bei Véronique und Michel, um sich für ihren Sohn zu entschuldigen, der bei einer Balgerei dem Sohn des anderen Paares zwei Zähne ausgeschlagen hat.

Kaffee und Kuchen werden serviert, gute Umgangsformen ausgetauscht, man plauscht brav – doch ganz plötzlich, ganz subtil kippt die Stimmung, bröckeln die Fassaden der Bürgerlichkeit. Fortan führen die beiden Ehepaare einen Kleinkrieg gegeneinander, der nach und nach an den Grundfesten der Zivilisation rüttelt. Koalitionen werden untereinander eingegangen und ebenso schnell wieder gelöst, die Fronten wechseln im Minutentakt. Das ist für die Zuschauer hochgradig amüsant, wenn auch teils so bitterböse, dass manchem das Lachen im Hals steckenbleibt.

Regisseurin Gitta Brockmann vertraut ganz auf die Kraft der Dialoge und – völlig zu Recht – auf die Fähigkeiten der Akteure. Das Quartett gibt fabelhafte Karikaturen selbstgefälliger Bildungsbürger ab, die in rauschhafter Borniertheit einen Tanz auf dem Vulkan veranstalten. Gemeinsam donnern sie durch den Text und gönnen sich keine Atempause, bis alles in Scherben liegt.

Auch wenn sie sich teils etwas zu sehr von den verführerischen Effekten der Situationskomik leiten lassen, gelingt ihnen dennoch ein modernes Sittengemälde, ätzend wie ein Salzsäure-Cocktail. Peter Schnepper als zynischer Darwinist Alain sticht dabei besonders hervor – er trägt in seiner Illusionslosigkeit schließlich den Sieg davon, wenn er prophetisch die Herrschaft des Gottes des Gemetzels propagiert, der „als einziger seit Anbeginn der Zeiten uneingeschränkt herrscht.“

Seine ebenbürtige Gegenspielerin findet er in der von Ute Hilder dargestellten Véronique, die der sich anbahnenden totalen Verrohung verzweifelt durch moralische Appelle und Dauerempörung beizukommen versucht, letztlich aber am eigenen überbordenden Gefühl scheitern muss.

Gemeinsam mit ihren Mitakteuren bieten sie eine unglaubliche Präsenz auf, die sie durchaus fordert, aber bei all der Schreierei und dem Gefluche auch viel Spaß zu machen scheint. So entsteht ein unbedingt sehenswertes, atmosphärisch dichtes Kammerspiel, das ans Existenzielle rührt – dabei aber eigentlich keine schwere Kost ist. Es sei denn, und die Gefahr besteht, man erkennt sich selbst irgendwo wieder.

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