Prozess wegen Kindesmissbrauchs
Nach sexuellen Übergriffen auf Kinder: Haftstrafe für Wiederholungstäter

Tecklenburger Land/Münster -

Innerhalb von einem halben Jahr vergriff sich ein 58-Jähriger an mehreren Geschwistern im Kindesalter. Nun wurde der Mann vom Landgericht Münster in 68 Missbrauchsfällen schuldig gesprochen. Er muss eine längere Gefängnisstrafe antreten.

Mittwoch, 07.03.2018, 17:03 Uhr

Prozess wegen Kindesmissbrauchs: Nach sexuellen Übergriffen auf Kinder: Haftstrafe für Wiederholungstäter
Foto: dpa

Schuldig des fünffachen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und schuldig des 63-fachen Missbrauchs, zu diesem Urteil ist am Dienstag die erste Große Strafkammer des Landgerichts Münster gekommen. Das Strafmaß für einen Mann aus dem östlichen Tecklenburger Land: vier Jahre und zehn Monate.

Eine anschließende Sicherungsverwahrung wurde für den Wiederholungstäter nicht angeordnet. Der Vorsitzende Richter betonte allerdings mit Blick auf den 58-Jährigen auf der Anklagebank, dass es für ihn „die allerletzte Chance“ sei.

Verhandlung hinter verschlossenen Türen

Der Prozess, der am 14. Februar begonnen hatte, verlief auf Antrag des Verteidigers – der hatte auf schützenswerte Details aus dem persönlichen Lebensbereich seines Mandanten verwiesen – weitgehend hinter verschlossen Türen. Lediglich beim Auftakt, als der Staatsanwalt die dem 58-Jährigen vorgeworfenen Taten dezidiert darlegte, und bei der Urteilsverkündung war die Öffentlichkeit zugelassen.

Im Wesentlichen hatte sich das Gericht mit Geschehnissen zu beschäftigen, die sich zwischen September 2016 und Februar 2017 ereignet haben. In diesem Zeitraum vergriff sich der Mann an mehreren Geschwistern im Kindesalter. Darüber hatte er, so wurde während der Urteilsverkündung deutlich, im Verlauf des Prozesses ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Zudem hatte der 58-Jährige einige seiner Taten mit einer Kamera dokumentiert. Des Weiteren wurde er für weitere vier Fälle des Kindesmissbrauchs zur Verantwortung gezogen, die sich bereits 2014 ereignet hatten. Opfer waren seinerzeit andere Kinder.

Regungsloser Angeklagter

Während der Angeklagte das Urteil regungslos verfolgte, brach die Mutter der Geschwister in Tränen aus, als der Richter rekapitulierte, was der Mann ihren Kindern angetan hatte. Sie hatte den 58-Jährigen im Frühjahr 2016 zufällig kennengelernt. In der Folge passte er immer wieder und immer öfter auf ihre Kinder auf. Dabei kam es schließlich zu den Übergriffen. Die ereigneten sich zum Teil sogar in Anwesenheit der Ehefrau des Angeklagten, als er durch einen Vorhang und eine Decke geschützt mit einem der Kinder auf einer Couch lag.

Der Mann hat bereits mehrfach im Gefängnis gesessen und wurde schon zwei Mal wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Opfer waren auch seine eigenen Kinder. Die Tatsache, dass er trotz dieser Vorgeschichte und der nun verurteilten Taten dennoch nach Verbüßung der Gefängnisstrafe nicht in Sicherungsverwahrung genommen wird, begründete der Vorsitzende Richter ausführlich.

Keine Sicherungsverwahrung

Zwar habe auch einiges dafür gesprochen, dieses „schärfste Schwert“ der Justiz in Anwendung zu bringen. Nämlich unter anderem die nun verurteilten Taten, die genannten Vorstrafen, die offenkundige pädophile Veranlagung des 58-Jährigen und auch eine „gewisse Unbeeindrucktheit“ des Angeklagten, die sich dadurch gezeigt habe, so der Vorsitzende Richter, dass er sich an den Geschwistern verging, während gegen ihn schon das Verfahren wegen des vierfachen Missbrauchs in Gang gesetzt worden war.

Doch mit Blick auf die Wahrung der Verhältnismäßigkeit sprach nach Ansicht des Gerichts alles in allem mehr gegen die Sicherungsverwahrung. Als Begründung für diese Schlussfolgerung wurde beispielsweise angeführt, dass es sich bei den fünf Fällen des schweren sexuellen Missbrauchs um Taten handele, die an der „unteren Schwelle anzusiedeln“ seien. Weiter hieß es, dass bei dem 58-Jährigen keine sogenannte Kernpädaphilie vorliege, er in seiner Sexualität also nicht ausschließlich auf Kinder fixiert ist.

Rat zur Therapie und Hormonbehandlung

Ebenfalls zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht, dass die bereits geahndeten Missbrauchsfälle weit zurückliegen. „15 Jahre lang war nichts, von dem wir wissen“, so der Vorsitzende Richter. Und ein Sachverständiger hat die Wahrscheinlichkeit, dass der Angeklagte sich erneut an Kindern vergeht, für die kommenden fünf Jahren auf 20 Prozent beziffert und bei einem Zehn-Jahres-Horizont auf 50 Prozent. Damit gehe von dem Mann zweifellos „eine gewisse Gefahr aus“, so der Vorsitzende Richter. Aber die Wahrscheinlichkeit liege laut Gutachten eben auch nicht „bei 80 oder 90 Prozent“.

Direkt an den Angeklagten gewandt sagte er weiter, dass er ihm dringend rate, sich während der Haft therapieren zu lassen und einer Hormonbehandlung zu unterziehen. „Pädophilie ist nicht heilbar, aber sie können lernen, mit ihr umzugehen.“ Hätte es nicht das Geständnis gegeben, durch das den Kindern eine Aussage vor Gericht erspart werden konnte, wäre die Strafe wie von der Staatsanwaltschaft gefordert härter ausgefallen.

Die Mutter der Geschwister zeigte nach dem Prozess kein Verständnis für das Urteil und die Entscheidung, auf Sicherungsverwahrung zu verzichten.

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