Forscher Butterwegge beim Sozialseminar
Fr., 20.01.2012
Forscher Professor Christoph Butterwegge macht sich für Mindestlohn und Umverteilung stark
Armutsforscher Dr. Christoph Butterwegge (rechts) diskutiert im evangelischen Gemeindehaus mit Tecklenburger Schülern und Karsten Huneke (zweiter von rechts) über ein oft verdrängtes Problem. Niedriglöhne und Kürzungen im Sozialbereich führen bei Geringverdienern zu einer sinkenden Lebenserwartung.
Lienen -
Niedriglöhne und Kürzungen im Sozialbereich – der Druck auf Geringverdiener wird immer größer. Parallel dazu steigt die Armut. Beispiele dafür hat Armutsforscher Christoph Butterwegge genügend. Mindestlohn, Ganztagsbetreuung, Gemeinschaftsschule und Umverteilung betrachtet er als Lösungsansätze.
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Er sitzt auf dem grauen Tisch im evangelischen Gemeindehaus und diskutiert mit 20 Schülerinnen und Schülern des Tecklenburger Graf-Adolf-Gymnasiums des zwölften Jahrgangs. Die jungen Leute sind mit ihrem Lehrer Karsten Huneke gekommen. Sie bereiten sich im Fach Sozialwissenschaften aufs Abitur vor. Ihr Interesse gilt am Mittwochabend Professor Christoph Butterwegge.
Er ist an diesem regnerischen Abend das Zugpferd des evangelischen Sozialseminars. Gut 100 Zuhörer verfolgen den Vortrag „Armut in einem reichen Land – Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird“ des bekannten Kölner Hochschullehrers.
Es ist mucksmäuschenstill im Saal, als sich der 60-Jährige eines Themas annimmt, das oft verdrängt oder ignoriert wird. Ein Tabu. Der Redner nennt ein Beispiel wie Leben an der unteren Grenze („Die Armut in Kalkutta ist eine andere als in Köln“) heute aussehen kann. „Auf dem Schulhof im Winter in Sommerkleidung und Sandalen stehen zu müssen und von den Klassenkameraden ausgelacht zu werden, ist schlimmer als abends ohne Essen ins Bett zu gehen.“ Da ist Butterwegge schnell bei Hartz IV. Pro Kind gibt es 208 Euro im Monat – für Wohnung, Essen, Kleidung, persönlichen Bedarf. Der Vater einer dreijährigen Tochter weiß, wie teuer der Lebensunterhalt ist. Seine Beobachtung: „Armut wird nicht ernst genommen.“
Wie dem Dilemma begegnen? Butterwegge hat kein Patentrezept, hält aber einen allgemeinen Mindestlohn, eine Ganztagsbetreuung, eine Gemeinschaftsschule für notwendig und Umverteilung („Armut zu beseitigen heißt auch Reichtum anzupacken“). Sein Wunsch: „Die Gesellschaft gerechter und humaner machen.“
Bedenken gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen von beispielsweise 1000 Euro monatlich hegt Christoph Butterwegge, einer der bekanntesten Armutsforscher in Deutschland, gleichwohl. Zu teuer und nicht finanzierbar.
Aus der täglichen Praxis berichtet anschließend Walter Schott, zweiter Vorsitzender des Trägervereins „Lengericher Tafel.“ Die seit acht Jahren bestehende Einrichtung gibt Lebensmittel, die sonst in den Müll wandern würden, an Bedürftige weiter. Waren das 2004 noch 30 Portionen monatlich, sind es heute 1000. Der Wert pro Portion liegt bei 25 Euro. Als Kostenbeitrag muss jeder Bedürftige 1,50 Euro zahlen. 600 Menschen – darunter 160 Kinder – aus Lengerich, Lienen, Ladbergen und Tecklenburg versorgen sich so Monat für Monat mit Lebensmitteln. „Keine der umliegenden Gemeinden unterstützt uns“, ärgert sich Schott. Besonders alarmiert ihn eine andere Entwicklung: „Es kommen immer mehr ältere Frauen.“
Über das Sozialkaufhaus „Fairkauf“ in Georgsmarienhütte-Oesede informiert Gabriele Markus. Die Einrichtung wird von der Caritas unterhalten und besteht seit zwei Jahren. Einerseits werden gebrauchte Kleidung, Bettwäsche, Porzellan und Geschirr angeboten, andererseits Langzeitarbeitslose qualifiziert.
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