Di., 16.08.2016

Als Alkohol am Steuer noch kein Tabu war Volle Pulle in den Graben

Verkehrsunfälle sorgten immer schon für Gesprächs- und Lesestoff. In den 40er und 50er Jahren vermutete die Polizei Alkoholkonsum und fehlende Verkehrsdisziplin als wesentliche Gründe für die Unglücke.

Verkehrsunfälle sorgten immer schon für Gesprächs- und Lesestoff. In den 40er und 50er Jahren vermutete die Polizei Alkoholkonsum und fehlende Verkehrsdisziplin als wesentliche Gründe für die Unglücke. Foto: LWL-Medienzentrum für Westfalen

Tecklenburger Land - 

Der erste Unfalltote, den die „Neue Westfälische Zeitung“ 1946 aus Lengerich vermeldet, verunglückt auf der Ringeler Straße. Er sei von einem Auto angefahren worden und sofort tot gewesen, heißt es am 9. April. Auf der Kurzen Straße werden zudem zwei Frauen schwer verletzt, als sie ein „Kraftwagen“ anfährt.

Von Paul Meyer zu Brickwedde

In den Folgejahren kommt es wiederholt zu schweren Unglücken. Die Polizei stellt in ihren Statistiken eine starke Zunahme von Unfällen fest. Alkoholkonsum und fehlende „Verkehrsdisziplin“ sind offenbar wesentliche Gründe dafür.

Anders Ende Juni 1947 in Lotte . Dort wird ein Lkw auf einem beschrankten Bahnübergang vom „Skandinavien-Expreß“ erfasst. Der Lastwagenfahrer stirbt. „Die Schuld an dem Unglück trifft den Fahrdienstleiter wegen nicht rechtzeitigen Schließens der Schranke“, schreibt das „Neue Tageblatt“. Der Mann sei durch ein Telefongespräch abgelenkt worden.

1949 registriert die Polizei im Gebiet des Kreises Tecklenburg 254 Verkehrsunfälle, ein Jahr später sind es bereits 402 – ein Plus von 60 Prozent, wie der „Tecklenburger Landbote“ am 11. Januar 1951 feststellt. Die Zahl der Getöteten steigt von neun auf 17.

1952 sind es dann 565 Unfälle, 28 Menschen sterben dabei. Allein Anfang Juli jenen Jahres verunglücken innerhalb von sieben Tage bei 25 Verkehrsunfällen vier Menschen tödlich. Zum Vergleich: 2015 kommen auf den Straßen des Kreises Steinfurt 18 Personen ums Leben.

Erhöhte Anforderungen im Verkehr

1951 heißt es zu der Negativentwicklung: „Wenn auch die Zahl der neu in den Verkehr zugelassenen Kraftfahrzeuge wesentlich angestiegen ist und die Straßen den erhöhten Anforderungen verkehrstechnisch nicht mehr der von den Verkehrsteilnehmern gewünschten Form entsprechen, so ist das bedeutenden Anschwellen der Unfallziffern in den weitaus meisten Fällen doch auf ein merkliches Nachlassen der Verkehrsdisziplin zurückzuführen.“

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Vor 120 Jahren wurde in London der erste Mensch bei einem Verkehrsunfall getötet. Bridget Driscoll, die seinerzeit eine Straße queren wollte, starb am 17.08.1896, als sie von einem herannahenden Auto erfasst wurde. Mutmaßliche Ursache war überhöhte Geschwindigkeit.

Polizei und Verkehrswacht erinnern an ein denkwürdiges Ereignis

Die Behörden sehen indes nicht untätig zu. „Seit Dienstag sind im Kreis Tecklenburg alle Polizeibeamten wieder mit einem Vordruckblock ausgestattet, unter dessen Anwendung jeder auf frischer Tag betroffene Verkehrssünder sofort eine gute DM berappen muss“, informiert der „Landbote“ am 19. April 1950.

Und am 1. September folgt ein Bericht über Trunkenheit im Straßenverkehr, in dem darauf verwiesen wird, dass das Straßenverkehrsamt des Kreises in den zehn vorherigen Wochen „einem Dutzend Kraftfahrern den Führerschein entziehen“ habe müssen, in elf Fällen sei das geschehen, weil Alkohol am Steuer im Spiel gewesen ist.

"Bedingte Fahrunfähigkeit"

Dann folgen ausführliche Erklärungen zu dem Thema: „Über die Menge der alkoholischen Getränke, die ein Kraftfahrer während der Fahrzeit zu sich nehmen kann, ohne den Verkehr zu gefährden, gibt es noch keinen Katalog, in dem man nachblättert, wie viel Schnäpse oder Biere in einem bestimmten Zeitpunkt vom Kraftfahrer getrunken werden können.“

Der Leser wird dann darüber informiert, dass „auf Grund jahrelanger Erfahrungen“ davon auszugehen ist, dass bei 1,5 Promille „(leichter bis erheblicher ,Schwips‘)“ eine „bedingte Fahrunfähigkeit gegeben ist“ und bei zwei Promille und mehr „eine sichere Fahrunfähigkeit angenommen werden“ muss.

Bei all den Negativmeldungen und -schlagzeilen gibt es aber auch Positives zu berichten: Am 28. September findet das Verhalten eines Kindes wenn auch nur kurze, aber doch lobende Erwähnung im „Tecklenburger Landbote“: „Während gestern Nachmittag ein großer Personenkraftwagen neuester Bauart die rote Markierungslinie auf dem Rathausplatz ohne das Stopschild zu beachten und zu halten, überfuhr, kam danach ein kleiner Junge von etwa drei Jahren mit einem Dreirad auf der Straße angefahren, hielt vorschriftsmäßig an der roten Linie und fuhr erst weiter, als er sich durch umblicken nach rechts und links überzeugt hatte, dass die Straße frei ist.“

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