Stradivari oder Nicht-Stradivari?
Fritz Dieck hat sein Schnäppchen aus den Augen verloren

Lienen -

Der Mann hat wenig Zeit – und viel zu erzählen. Vor allem natürlich über sein Leben als Trapper in Kanada, über die Wildnis, die Tiere und wie er sich dort Tag für Tag selbst versorgt, von der Hand in den Mund lebt, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchschlägt. So viel, dass die eigentliche Frage fast unterzugehen droht: War sie eine echte Stradivari oder nicht? Die Rede ist von jener Geige, die Fritz Dieck im März 1974 auf einem Flohmarkt in Essen erstand. Die WN hatten den damaligen Bericht dazu im Rahmen der Serie „70 erlesene Jahre“ gebracht.

Mittwoch, 03.01.2018, 22:01 Uhr

War es eine echte Stradivari und was wurde aus der Geige,  über die der „Tecklenburger Landbote“ im März 1974 berichtete? Fritz Dieck hat bis heute keine Gewissheit, verkaufte das Stück nach eigener Aussage aber für gutes Geld weiter.
War es eine echte Stradivari und was wurde aus der Geige,  über die der „Tecklenburger Landbote“ im März 1974 berichtete? Fritz Dieck hat bis heute keine Gewissheit, verkaufte das Stück nach eigener Aussage aber für gutes Geld weiter.

Und da Fritz Dieck über den Jahreswechsel zu Besuch in seiner alten Heimat war, statteten ihm die WN in seinem Lienener Refugium am Aldruper Weg einen Besuch ab. Also noch mal: Handelte es sich um eine echte Stradivari? Dieck grinst vielsagend. Eindeutig kann er diese Frage auch heute nicht beantworten, gibt sich aber einen Ruck: „Ich weiß es nicht, aber ich vermute mal: Ja.“

Für die meisten Normalsterblichen wäre ein solches Schnäppchen vermutlich die Story ihres Lebens. Für Dieck – er verdient sein Brot fernab der Zivilisation unter anderem mit der Jagd auf Bären und Luchse und hat im Winter regelmäßig mit Temperaturen um die 40 Grad minus zu kämpfen – ist diese Geschichte nach eigener Aussage nur eine „Side Order“, eine Beilage also. Man könnte auch sagen: eine Randgeschichte.

Den alten Zeitungsbericht vor sich liegend, sprudelt es trotzdem aus dem inzwischen 77-Jährigen heraus: „Ich habe damals nebenbei mit Antiquitäten gehandelt und hatte einen Stand auf diesem Flohmarkt in Essen. Und als ich mich da so‘n bisschen umschaute, fiel mir bei einem Kollegen sofort diese Geige auf. Die war ganz offensichtlich richtig alt und auffallend sauber gearbeitet.“ Beim Hineinschauen in den Corpus habe er dann ganz hinten den Schriftzug „Antonio Stradivarius 17...“ entdeckt. Und darüber auch den Verkäufer in Kenntnis gesetzt? „Natürlich nicht, ich bin doch nicht blöd“, lacht Dieck.

Doch der Fang blieb nicht unbemerkt. Andere Händler bekamen davon Wind und plötzlich habe er im Mittelpunkt des Interesses gestanden. „Noch auf dem Markt hat mir einer ein Vielfaches geboten. Da habe ich dann meinen Stand abgebrochen und bin nach Hause gefahren.“ Sofort am nächsten Tag brachte er die Geige zur Sparkasse und ließ sie im Tresorraum einschließen. „Da waren ja genügend Händler in Essen, die mich kannten und wussten, wo ich wohne.“ Wie der „Tecklenburger Landbote“ an die Geschichte kam, daran kann er sich nicht erinnern.

Obwohl der prominente Lienener viel lieber von seiner Trapper-Tätigkeit berichten würde – über Weihnachten lief darüber wieder mal eine Doku im dritten Fernsehprogramm – erzählt Dieck dann doch genüsslich weiter, was damals in den Folgetagen und -wochen passierte. Zunächst habe ein Professor und Instrumenten-Experte aus Hannover die Violine inspiziert. „Der war sich aber auch nicht sicher.“

Kurz darauf seien zwei Männer zu ihm gekommen – „ein Händler und ein Musikfreak“ – und hätten ihm, auch auf die Gefahr hin, dass es sich um eine Fälschung handelt, viel Geld geboten. Wie viel denn? „Das verrat‘ ich doch nicht“, sagt Dieck und lacht dabei wieder. Auf jeden Fall nahm er das großzügige Angebot an. Die Geschichte geht noch weiter: Später haber er gehört, die Geige sei noch im selben Jahr beim Auktionshaus Christie‘s in London versteigert worden.

Sollte das tatsächlich stimmen, müsste das doch nachvollziehbar sein. Jost Thöne, Geigenhändler und weltweit anerkannter Stradivari-Experte, recherchierte auf Bitten der WN in seinem Archiv. Tatsächlich wurden 1974 und in den Folgejahren Instrumente des bekannten Geigenbauers aus Cremona bei Christie‘s und auch bei Sotheby‘s versteigert. Ob die von Fritz Dieck auch dabei war, wagt der Experte jedoch zu bezweifeln: „Ich habe zwei Drittel aller überlebenden Stradivaris untersucht und ihre Herkunft dokumentiert. Dieser Fall ist mir nicht bekannt.“ Ohne die Namen der Händler zu wissen, könne er auch nichts weiter dazu sagen. Aber er gibt zu bedenken, dass immer wieder vermeintliche Stradivaris ans Tageslicht gelangten, die sich bei genauer Betrachtung als ganz normale Geigen herausstellten.

Fritz Dieck kann‘s egal sein. Wenn er in Deutschland weilt, ist er ein gefragter Mann. Das Handy klinget fast unaufhörlich. Kunden, Geschäftspartner, Medienvertreter und natürlich auch Kumpels von früher wollen die Gunst der Stunde nutzen, den Haudegen aus Lienen an die Strippe zu bekommen, vielleicht sogar einen Termin zu vereinbaren. Zeit für eine letzte Frage bleibt aber noch: Ob er es später bereut habe, die Geige so schnell weiterverkauft zu haben. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Natürlich nicht. Wenn man etwas für 70 Mark kauft und für das Hundertfache oder noch mehr verkauft, dann hat man doch ein gutes Geschäft gemacht.“ Er betont aber auch, dass der Entschluss, nach Kanada zu gehen, schon vorher festgestanden habe und er das Geld dafür bereits zusammen hatte.

Dieck muss los. Aus seinem Sessel mit einem Überwurf aus Waschbärfellen schwingt er sich zum Abschied mit markigen Worten und einem Augenzwinkern empor: „Schreiben Sie keinen Bullshit. Sowas kann ich nicht leiden.“ Wie gesagt: Ein Gespräch über sein Trapper-Dasein in seinem 1400 Quadratkilometer großen Jagdrevier in den Weiten Kanadas wäre ihm sowieso viel lieber gewesen. Was ist schon eine Geige, Stradivari hin oder her, gegen eine endlos scheinende Bergwelt mit kristallklaren Bergseen und einer überaus reichen Fauna. . .

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