So., 18.01.2009

Lotte Virtuos im Geldausgeben und Umgarnen

Von Ursula Holtgrewe

Lotte . „Wenn eine Frau alleine ist, ist sie viel alleiner als Männer“, philosophierte Tucholskys Lottchen. Amüsiertes Lachen des Publikums folgte. Kurz nur, denn die immer während plaudernde Lebedame, die die Bürgergemeinschaft Alt-Lotte ins Haus Hehwerth engagierte, forderte die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums.

Rund 70 Besucher ließen sich in Clubatmosphäre auf fünf Monologe ein, in denen Schauspielerin Regina Neumann Lottchen inszenierte. Vorbild sei Ende der 1920er und Anfang der 1930er die Journalistin Lisa Matthias gewesen, mit der Kurt Tucholsky mehrere Jahre lang ein Verhältnis hatte, erklärte Regina Neumann.

Sie entschuldigte sich dafür, dass sie als Wienerin nun mal nicht berlinere. Gleichwohl gab es keinen Wiener Schmäh beim Alt-Lotter Dielentheater. Bühnen- und raumfüllend plappert Lottchen drauf los, unterhält sich mit ihrem imaginären Dauergeliebten Daddy und kommt, wie es im Westfälischen heißt, vom Hölsken aufs Stöcksken. Schwerpunkt sind die Männer, aber auch zu Mode und Finanzsorgen macht sich Lottchen Gedanken.

Als Bühnenarbeiter rundete Ralf Brune die Aufführung ab und spielte auch den eher schweigsamen Daddy, der sich jedem Redeschwall hinzugeben scheint, wie sie sich ihm; vor allem, weil Daddy ihren Lebensstandard finanziert, den sie allein nie hätte erarbeiten können.

Kein Wunder also, dass Mäzen Daddy bei der horrenden Summe, die er bereit ist, erneut zu begleichen, kopfschüttelnd sagt: „Diese Person verfügt über eine gewisse Virtuosität Schulden zu machen.“ Das Publikum erfährt von Lottchens Ehemann Artur; ihrer Freundin, die sie „der Käthe“ nennt, weil sie wie ein Mann ist, nur netter; zwei Kindern; eben dem Daddy und Neben-bei-Techtelmechteln.

Unverkennbar ist die Suche nach Geborgenheit, die die emanzipierte Autofahrerin nicht verhehlen kann und will. Daddy ist ihre große Stütze und der Vertraute, dem sie naiv und unschuldig ohne die Furcht, fallen gelassen zu werden, am Telefon von ihrem Abenteuer mit einem Seemann erzählt.

Dass er eigentlich ein Knastbruder ist, dessen werden Lottchen und Publikum erst später gewahr, als sie verzweifelt eingesteht, dass der Typ sie beklaut hat. Kurze Zeit später übt sie sich in Doppelmoral: „Mir gefällt schon mal ein Mann. Aber ihr Männer werft euch weg.“

Akzentuiert ließ Regisseur Valeri Persikov den Bühnenarbeiter Brune zwischen den Monologen auch Tucholsky-Texte rezitieren, wie „Deutsch für Amerikaner“. Brune sorgte durchs Berlinern für das von Tucholsky erlebte Flair von vor fast 70 Jahren.

Zur sparsamen Bühnendekoration gehören Plakate mit Tucholskys Mona Lisa sowie die Bilder des Schriftstellers und Lisa Matthias'. Sie sitzt auf der Motorhaube ihres Autos mit dem Kennzeichen IA47407. Stolz ist auch Lottchen auf ihr Auto. Klar. Allerdings hat sie große Probleme beim richtigen Umgang mit Geld.

Zwar sagt sie stets Hötel statt Hotel, weil das feiner ist, aber dass sie sich das Automäntelchen für 210 Mark eigentlich nicht leisten kann, ist ihr gleichgültig. Dafür hat sie den gutmütigen Daddy. Lottchen ist nicht nur virtuos im Geld ausgeben, sondern auch im Umgarnen der Männer. Regina Neumann zeigte das mit sparsamen Gesten, viel sagenden Augenaufschlägen und bezirzendem Lächeln. Als Frau ihrer Zeit mit bis heute aktuellen Themen war es leicht für Lottchen, das Publikum in Alt-Lotte vortrefflich zu unterhalten.

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