Mit einer Altenpflegerin auf Tour

Do., 26.01.2012

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Sie will nichts anderes machen

Mit einer Altenpflegerin auf Tour : Sie will nichts anderes machen

Helmut Lauxtermann in Westerkappeln ist einer der wenigen jüngeren Patienten, die der ambulante Pflegedienst aus Lotte betreut. Nach einem Schlaganfall muss er mit einer Beinschiene täglich laufen üben. Foto: Angelika Hitzke

Lotte - 

5.50 Uhr, Büro des ambulanten Pflegedienstes Sander GmbH im Lotter Seniorenzentrum Zwei Eichen: Die stellvertretende Pflegedienstleiterin und Teamleiterin Sabine Levien hat sich schon im Übergabebuch und in den Patientenakten schlau gemacht, was sie auf der heutigen Tour erwartet. Jetzt stellt sie Medikamente zusammen, holt die Schlüssel zu den Patientenwohnungen aus dem Fach und packt die Mappen für die Pflegedokumentation in ihren Korb: Los geht’s.


„Guten Morgen, Frau N.! Ich bin’s. Ich hab Ihnen ja schon gesagt, heute komme ich mit Verstärkung“, begrüßt sie die alte Dame in Alt-Lotte, die einen sehr frühen Arzttermin hat und Hilfe beim Aufstehen und Anlegen der engen Kompressionsstrümpfe braucht. Die sind mit wenigen geübten Griffen angezogen. Sabine Levien reicht ihr die Hand, die Patientin zieht sich daran hoch und sitzt erst einmal einen Moment auf der Bettkante. Den nutzt die Altenpflegerin, um die entsprechenden Kürzel in ihre Pflegedokumentation einzutragen. Jetzt geht’s ans Aufstehen: Sabine Levien schiebt den Rollator näher heran, passt auf, dass die alte Dame die Griffe mit beiden Händen richtig zu fassen bekommt, greift ihr im richtigen Moment unter die Arme: Den Rest – waschen, anziehen, kämmen – schafft die Patientin alleine.

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Wieder draußen, muss die Pflegerin auf dem nagelneuen Touchscreen-Handy mit Stoppuhr- und Scannerfunktion das Einsatzende drücken und die Kürzel für das, was sie genau gemacht hat, eingeben: „Wir haben die erst seit 1. Januar und sind noch nicht so vertraut damit. Deshalb müssen wir auch alles handschriftlich notieren, also doppelte Buchführung machen.“

Bürokratie, die lästig, aber notwendig ist, weiß Sabine Levien. Doch sie lässt sich ihre gute Laune nicht verderben. Mit 18 habe sie ihre Pflegeausbildung absolviert und immer schon am liebsten mit alten Menschen gearbeitet, erzählt sie auf dem Weg zum Reiterhof in Westerkappeln, wo die nächste Patientin der „kleinen Morgentour“ (die „große“ geht bis 12 Uhr) auf die „Ganzwaschung“, sprich: Hilfe beim Duschen, Eincremen und Anziehen, wartet.

„Ich bin jetzt seit 35 Jahren in dem Beruf und möchte nichts anderes machen“, sagt sie fröhlich lächelnd und betont: „Ich habe auch schon in Berlin und in Osnabrück ambulant gearbeitet. Aber ich bin froh, jetzt hier im ländlichen Bereich in einem kleinen Team zu arbeiten. Da können wir uns, wenn nötig, auch mal ein paar Minuten mehr Zeit lassen.“

Zeit, mit der kinderlosen, ledigen alten Dame, die nächste Woche in eine Senioren-Wohngemeinschaft nach Hopsten zieht, ein paar persönliche Worte zu wechseln. Aufgeregt sei sie und gespannt zugleich, erzählt die Patientin, die noch recht beweglich und rüstig wirkt. Aber wie viele ältere Menschen leidet sie unter Gleichgewichtsstörungen und kann von Schwester und Nichte nicht versorgt werden, weil die rund um die Uhr auf dem Hof zu tun haben.

Die meisten Pflegebedürftigen sind in höherem Alter, also über 80, viele davon auch schon dement – Tendenz steigend. Allein in der Gemeinde Lotte gibt es laut Bürgerbüro 582 Einwohner über 80 – und immer häufiger wohnen die Angehörigen nicht mehr am Ort oder sind beruflich so eingespannt, dass sie die Unterstützung durch einen der rund 35 ambulanten Pflegedienste rund um Lotte brauchen. Rund 25 Patienten, so Geschäftsführer Gunnar Sander, werden von seinem ambulanten Pflegedienst von Zwei Eichen aus betreut.

Nicht nur in Alt-Lotte, sondern auch in Wersen, Westerkappeln, Atter und Gaste, wie die heutige Tour von Sabine Levien zeigt. Ihr fünfköpfiges Team nimmt Aufträge in 10 bis 15 Kilometer Umkreis an: „Kommt darauf an, was es ist, und es muss in die Tour passen“, sagt die Altenpflegerin.

Einer ihrer wenigen jüngeren Patienten ist der in Westerkappeln lebende Helmut Lauxtermann, der vor sechs Jahren mit 53 einen Schlaganfall hatte, danach lange im betreuten Wohnen von Zwei Eichen verbracht hat und jetzt mit seiner neuen Frau wieder in einer eigenen Wohnung lebt. Ihm stellt Sabine Levien die Medikamente zusammen, hilft beim Waschen und Anziehen, legt ihm eine Beinschiene an und hilft ihm aus dem Rollstuhl für seine Gehübungen.

Weiter geht’s zu einem dementen alten Ehepaar im Außenbereich von Wersen, wo eine junge Polin rund um die Uhr den Haushalt und die Pflege wuppt, während Sabine Levien lediglich nach dem Rechten sieht und Kompressionsstrümpfe anzieht. Dann nach Gaste, Medikamente stellen, nach Wersen, das Sich-selber-Waschen einer alten Dame mit Gleichgewichtsstörungen begleiten, nach Büren, wiederum Kompressionsstrümpfe anlegen, nach Atter, Medikamente verabreichen, „kleine Waschung“ und Kompressionsstrümpfe anziehen.

Anschließend geht es wieder zurück nach Alt-Lotte zu einer schwergewichtigen, bettlägerigen Frau, deren Tochter heute Spätdienst hat und so mit anfassen kann beim Windelnwechseln, Waschen, Eincremen, Pudern, Wäsche- und Bettwäsche-wechseln. „Die sparen jetzt auch schon an den Vorlagen. Die werden auch immer dünner“, bedauert die Altenpflegerin. Für solche Fälle hätte sie gern zu dem einen Mann im Pflegeteam noch eine weitere männliche Verstärkung.

Andererseits täten sich gerade pflegebedürftige Frauen dieses Alters schwer damit, einen Mann als Pfleger zu akzeptieren. „Dieses Schamgefühl muss man natürlich respektieren“, sagt Sabine Levien. Das sei im Krankenhaus oder in vielen stationären Einrichtungen aber keineswegs selbstverständlich.

Ihr letzter Patient für heute ist ein Beinamputierter in Atter: Die Prothese drücke und scheuere, klagt er. „Das muss sich die Wundpflegerin ansehen“, sagt Sabine Levien bestimmt. Auch müsse die Prothese richtig angepasst werden. Sie untersucht das von Wasseransammlungen geschwollene andere Bein – und findet eine kleine, offene Stelle, die sie sofort verbindet. Ganz vorsichtig zieht sie anschließend den Kompressionsstrumpf und dann den Socken darüber. „Das müssen Sie der Frau Merz zeigen“, schärft sie dem Patienten ein.

10.15 Uhr, zurück im Büro: Touren- und Dienstpläne schreiben am PC, mit Ärzten telefonieren, Medikamentenpläne überarbeiten, Angehörige beraten, Papierkrieg erledigen. Das sei auch abwechslungsreich: „Aber am liebsten bin ich auf Tour bei den Menschen“, so Levien.


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