Mi., 03.12.2008

Metelen Meister der Aphorismen

Von Irmgard Tappe

Metelen . „Der Leser hat’s gut. Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen“, hat Kurt Tucholsky einmal gesagt. Am Dienstagabend im Literaturcafé der Kulturinitiative Metelen (KIM) fiel die Wahl auf ihn. KIM-Vorstandsmitglied Joachim Fontaine erzählte aus Tucholskys Leben und rezitierte eine Auswahl seiner Texte. Die Atmosphäre im Landhaus Lutum war entspannt. Kerzenlicht flackerte auf den Tischen. Bei Rotwein und heißer Schokolade erlebten die rund 25 Besucher zwei unterhaltsame Stunden.

Wenn Fontaine im Literaturcafé liest, dann überrascht er seine Zuhörerschar mitunter gern. Am Dienstag schenkte er jedem Gast ein Tucholsky-Buch und verteilte Zettel mit Zitaten des Autors. Für die Besucher bedeutete das: Nicht nur zuhören, sondern zwischendurch auch mal selbst vorlesen. Zum Beispiel das Zitat: „Der Mensch gliedert sich in zwei Teile: Einen Weiblichen, der nicht denken kann, und einen Männlichen, der nicht denken will.“ Oder: „Die Ehe war zum größten Teile verbrühte Milch und Langeweile.“ Tucholsky habe es verstanden, schwierige Zusammenhänge treffend in wenige Worte zu fassen, meinte Fontaine und bezeichnete den vielseitigen Schriftsteller als „Meister der Aphorismen “.

Dabei wollte der 1890 geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns ursprünglich Rechtsanwalt werden und studierte Jura. Ab 1913 ging er den journalistischen Weg und schrieb für die linksliberale Zeitschrift „Schaubühne“, deren Herausgeber er zeitweilig war. Es gab keine Rubrik ohne seine Texte. Von der Glosse bis zur Buchbesprechung galt er als einer der wortsichersten Journalisten der Weimarer Republik. Besonders gern kommentierte und kritisierte er die Gesellschaftsverhältnisse seiner Zeit und benutzte oft Pseudonyme wie Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.

Fontaine rezitierte Passagen aus Tucholskys schriftstellerischen Werken „Memoiren aus der Kaiserzeit“ und „Schloss Gripsholm“. Er stellte Tucholskys satirische Charakterbetrachtungen von Hund und Herrchen vor und führte das Publikum in die „Soziologische Psychologie des Loches“ ein. „Wenn der Mensch Loch hört, bekommt er verschiedene Assoziationen. Manche denken an Knopfloch, andere an Göbbels“, ist eine von Tucholskys Loch-Analysen.

Der Mensch Kurt Tucholsky aber steht im Kontrast zu seinen heiteren und satirischen Texten. Sein Leben lang war er ein Suchender. Ihm fehlte es an innerem Frieden und Geborgenheit. „Bereits 1923 litt er an schweren Depressionen und war ein Jahr lang unfähig zu arbeiten“, erzählte Fontaine. Später, in den 30er Jahren, machte ihm seine Ohnmacht gegen die „braune Brut“ zu schaffen. Er verzweifelte am Nationalsozialismus und starb am 21. Dezember 1935 an einer Überdosis Schlaftabletten.

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