So., 28.02.2016

Konzert der Kulturinitiative Spagat zwischen Schlagern und Kriegserinnerungen

Schmachteten sich mitunter musikalisch an: Kirsten Sicking (r.) und Wilfried Stening.

Schmachteten sich mitunter musikalisch an: Kirsten Sicking (r.) und Wilfried Stening. Foto: Fahlbusch

Metelen - 

Es war keine leichte Aufgabe, der sich das „Trio il Brio“ am Freitagabend auf Einladung der Kulturinitiative Metelen im Alten Amtshaus stellte. Doch Kirsten Sicking, Wilfried Stening und Anoosha Golestameh gelang der Spagat zwischen Schlagern und Kriegserinnerungen.

Von Martin Fahlbusch

Er hatte beides, dieser Freitagabend im Alten Amtshaus mit dem „Trio il Brio“: Erinnerungen an unvergängliche Melodien und Schlager der 1930er und 40er Jahre, aber auch diese bedrückende Rückschau auf unfassbares Unrecht. Und schon waren die Parallelen zur Tagesaktualität da, wie Brigitte Schmitter Wallenhorst, Vorsitzende der Kulturinitiative Metelen (KIM), in ihrer Begrüßung der fast 50 Zuhörer feststellte.

„Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein“, zitierte sie Bertolt Brechts Zeilen aus seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ und schlug den Bogen vom Thema des Abends „Musik im Krieg“ zu der zunehmend strittiger werdenden Diskussion um die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in Deutschland. „Wir wollen gar nicht die schmelzenden Melodien mit den harten historischen Realitäten sozusagen in Einklang bringen, sondern wir wollen mit Daten, Fakten, Musik und kleinen Spielszenen genau diese Zerrissenheit wiedergeben“, erläuterte Kirsten ­Sicking zu Beginn des Programms die Intention der Künstler und packte dann mit „Lilli Marleen“ den ersten veritablen Ohrwurm aus.

Begleitete die Sänger auf dem Keyboard: Anoosha Golestameh.

Begleitete die Sänger auf dem Keyboard: Anoosha Golestameh. Foto: Martin Fahlbusch

Ins Stolpern gerieten die Zuhörer allerdings schon beim zweiten Lied, als Entstehung und Hintergrund dem „Moorsoldatenlied“ vorangestellt wurden und das Publikum so viel genauer auf jede – gemeinsam – gesungene Strophe achtete. Viele Musiker und Textdichter mussten sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland entweder dem nationalsozialistischen System beugen und „mitmachen“ oder es blieben diesen „entarteten Künstlern“ nur Flucht und Emigration. Musik diente entweder der Propaganda, der Ablenkung, manchmal gar der Kritik und immer häufiger dem Ausdruck unermesslichen Leids.

Kirsten Sicking und Wilfried Stening ließen aber auch einige Spielszenen einfließen, die nachhaltig dokumentierten, wie aus Zuneigung, Einsamkeit und befürchtetem Verlust, aber eben auch glücklichem Ende trotz einer Welt, die in jeder Beziehung aus den Fugen geraten war, ein eher privater Hoffnungsschimmer aufleuchten konnte. Im übertragenen Sinne bestens „betastet“ von ihrer Mitstreiterin Anoosha Golestameh am Keyboard gelang den beiden „vortragenden“ Sängern in schön gestalteten Einzelliedern und mitunter schmachtend gesungenen Duetten ein bemerkenswerter Spagat. Da gerieten halt naive Liebelei und verzehrende Sehnsucht mit heftigen Kriegsreportagen und historischen Fakten aneinander. Der ohrwurmhafte, ermunternde Schlager („Davon geht die Welt nicht unter“) aus der Feder von Michael Jary und Bruno Bals wurde von dem düsteren Antikriegslied („Sag mir, wo die Blumen sind“) von Pete Seeger und Max Colpet – übrigens einem russischen Juden, der in Ostpreußen geboren wurde – irgendwie dann doch eingeholt.

Anfangs hatte noch eine heftige Deklamation des Horst-Wessel-Liedes („Die Fahne hoch“) durch Wilfried Stening regelrecht erschauern lassen, fand dann nach einigen flotten Schlagern im zweiten Programmteil in den anklagenden Balladen von Bertolt Brecht und Kurt Weill beziehungsweise Paul Dessau („Und was bekam des Soldaten Weib?“ beziehungsweise „Lied einer deutschen Mutter“) – höchst eindringlich von Kirsten Sicking gestaltet – eine atemraubende Entsprechung.

Mit diesem Programm haben Kirsten Sicking, Anoosha Golestameh und Wilfried Stening den Besuchern regelrecht vor Augen und Ohren geführt, dass gute Unterhaltung eben auch kluge Unterhaltung sein kann. Wenn der Standpunkt stimmt.

Leserkommentare

Google-Anzeigen
Anzeige

immomarkt.ms Anzeigen

Wohnungen, Häuser, Grundstücke und gewerbliche Immobilien aus Ihrer Region



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3836070?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F178%2F