Fr., 13.10.2017

Reformation Den Häschern des Bischofs entkommen

Bücher sind seine Welt: Dr. Jürgen Schmitter arbeitete in seiner Studierstube an der fiktiven Dokumentation eines markanten Protagonisten der radikalen Reformationsbewegung im Münsterland, Heinrich Krechting.

Bücher sind seine Welt: Dr. Jürgen Schmitter arbeitete in seiner Studierstube an der fiktiven Dokumentation eines markanten Protagonisten der radikalen Reformationsbewegung im Münsterland, Heinrich Krechting. Foto: Dieter Huge sive Huwe

Metelen - 

Er war einer der führenden Köpfe der Täuferbewegung und ihm drohte das gleiche Schicksal wie seinem Bruder, der in einem der Käfige an der Lambertikirche in Münster endete. Doch Heinrich Krechting floh und wird jetzt in einem Buch von Jürgen Schmitter gewürdigt.

Von Dieter Huge sive Huwe

Beinahe wäre er wie sein Bruder geendet, der nach seinem Foltertod auf dem Prinzipalmarkt zur Abschreckung in einem Käfig am Turm der Lambertikirche zu Münster zur Schau gestellt wurde. Doch Heinrich Krechting sollte noch ein langes Leben beschieden sein – obwohl er als Kanzler der Wiedertäufer ganz oben auf der Liste der Häscher des Bischofs von Münster stand.

Dr. Jürgen Schmitter ist Metelener, Lehrer im Ruhestand, begeisterter Regionalhistoriker und unter anderem Mitglied des Arbeitskreises zur Geschichte des Scopingaus. Dass jener Heinrich Krechting, der im Jahr 1500 in Schöppingen das Licht der Welt erblickte und später dann die Lateinschule des Stifts in Metelen besuchte sein Interesse weckte, ist vor allem in der Vita des Protagonisten begründet. Diese schien zunächst in klassisch bürgerlichen Bahnen zu verlaufen. Jura-Studium, Richteramt – Krechting war ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Doch er war zugleich ein Suchender, den die Ideen der Reformation umtrieben. Ideen, deren radikale Umsetzung die Geschichte seiner Familie dramatisch prägen sollten.

Krechting träumte gemeinsam mit den Täufern den Traum des neuen Jerusalem, zog mit der Familie und Anhängern, wie auch seinem Bruder Bernd, nach Münster, um dort das Täuferreich Wirklichkeit werden zu lassen. Juristisch ausgebildet übernahm er die Rolle des Kanzlers, gehörte somit zu den führenden Köpfen der Täuferbewegung.

Er überlebte die Rückeroberung Münsters durch die Landsknechte des Bischofs, weil er mit Mitkämpfern eine Wagenburg auf dem Prinzipalmarkt erfolgreich verteidigte. Damit der Bischof ohne Widerstand in die Stadt einziehen konnte, verschaffte ihm der Oberbefehlshaber der Truppen freies Geleit. Heinrich Krechting floh nach Oldenburg, während das Strafgericht seinen Bruder Bernd, Jan van Leiden und Bernd Knipperdolling exekutieren und zur Schau stellen ließ. Heinrich Krechting versuchte, die Täuferidee in Nordwestdeutschland weiterzuführen, scheitere aber und wurde schließlich vom Oldenburgischen Grafen des Landes verwiesen. In Gödens am Jadebusen fand er schließlich Unterschlupf und Schutz – allerdings um den Preis, zu schweigen und den Täufergedanken fortan nicht weiterzuverbreiten. Als gewandelter Calvinist war er aber nicht nur für die Ortsentwicklung der durch ihre Toleranz gegenüber anderen Konfessionen äußerst fortschrittlichen Herrschaft Gödens wichtig, sondern forcierte überdies den Plan eines Freihafens.

Diesem Überlebenden des Täuferreichs widmet Schmitter sich mit seinem Buch. Es nimmt Gedanken des bereits früher erschienenen Bändchens „Die radikale Umkehr des Heinrich Krechting am Schwarzen Brack“ auf und wird in seinen halbdokumentarischen und mit zahlreichen philosophischen Betrachtungen angereichertem Werk zur teils fiktiven Biografie. Szenisch angelegt würde das schmale Bändchen durchaus als Vorlage einer Lesung oder gar für Kammerspiel-Interpretationen taugen. Schmitter legt Heinrich Krechting und dessen Mentorin in Gödens in deren Gedanken und Handeln so an, dass sie ihrer Zeit weit voraus waren – einer Zeit, in der sich in der Ferne schon die Schrecken des 30 Jahre währenden Religionskrieges andeuteten.

Zum Thema

Jürgen Schmitter: Der zweifache Exodus des Heinrich Krechting aus Schöppingen im Münsterland zu Beginn der Reformation. Agenda-Verlag, Münster, 2017, 106 Seiten, 14,90 Euro

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