Metelen

So., 28.03.2010

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Hans Tietmeyer: "Ich bin ein überzeugter Westfale"

Der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank und gebürtige Metelener Prof. Dr. Hans Tietmeyer (4.v.r.) wurde am Freitag in die Westfälische Ehrengalerie aufgenommen.    Foto: Jürgen Peperhow

Metelen. Die Westfalen-Initiative hat den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank und gebürtigen Metelener Prof. Dr. Dr. Hans Tietmeyer am Freitag in die Westfälische Ehrengalerie aufgenommen. Während der Feier im Münsterischen Rathaus hielt Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, die Laudatio auf den 78-Jährigen. Im Interview mit dem Tageblatt sagt Tietmeyer, was ihm der Preis und seine westfälische Heimat bedeuten. Tageblatt: Sie besitzen mehrere Ehrendoktorwürden, sind Träger des Großen Verdienstkreuzes und nicht zuletzt auch Ehrenbürger Ihrer Heimatgemeinde – was bedeutet Ihnen die Aufnahme in die Westfälische Ehrengalerie? Hans Tietmeyer: „In der Aufnahme sehe ich eine ganz besondere Auszeichnung, zumal sie zusammen mit dem großen preußischen Reformer, Reichsfreiherr vom Stein, erfolgt ist. Ich selbst bin ja nicht nur ein gebürtiger, sondern auch ein überzeugter Westfale. Und wie schon Bismarck es gesagt hat: Ein Westfale bleibt immer ein Westfale. Für mich bedeutet Westfale sein aber nicht Sturköpfigkeit, sondern vor allem Selbstständigkeit, Verantwortung, und Gemeinsinn. Auch Westfalen müssen immer lernbereit bleiben, aber zu viel Umtriebigkeit und zu kurzatmige Kompromisse, das ist ihre Sache nicht. Genau dies sind und waren auch immer meine persönlichen Orientierungen, die ich zunächst in meinem Elternhaus, in der Jugendarbeit in Metelen und später im Gymnasium Paulinum in Münster gelernt habe.“ Tageblatt: Die Westfalen-Initiative zeichnet mit der Aufnahme „wichtige westfälische Persönlichkeiten und ihre besonderen Verdienste für die Weiterentwicklung der Region“ aus. Was ist aus Ihrer Sicht Ihr größter Verdienst um das Münsterland? Tietmeyer: „Für das Münsterland selbst habe ich in meiner beruflichen Arbeit keine spezielle Zuständigkeit gehabt. Ich habe aber die von meinen Eltern, Mitbürgern und Lehrern in Metelen und später auch in Münster gelernten Erfahrungen und Wertorientierungen genutzt, um in der Politik in Bonn, Brüssel, Frankfurt und weltweit seriöse Rahmenbedingungen mit zu schaffen für eine freiheitliche und soziale Wirtschaftsordnung und eine stabile Währung. Von diesen Bedingungen hat auch das Münsterland profitiert und wird es hoffentlich auch weiter tun.“ Tageblatt: Die Initiative möchte mit dem Preis die Identität des Münsterlandes stärken. Welche Stärken und Schwächen hat die Region? Tietmeyer: „Das Münsterland hat vor allem in den hier lebenden Menschen ein großes Potenzial. Hier leben viele junge und gut ausgebildete Menschen, die in einer Umwelt aufwachsen, die Eigeninitiative, Seriosität und Verantwortungsbewusstsein fördert. Das ist eine wichtige Grundlage für Selbstständigkeit, Beweglichkeit und Offenheit. Früher wurde insbesondere das Westmünsterland wirtschaftlich dominiert von Agrar- und Textilwirtschaft. Heute ist die Wirtschaftsstruktur vielschichtiger und offener. Für mich ist das Münsterland sowohl wirtschaftlich wie auch kulturell ein Gebiet mit großen Chancen.“ Tageblatt: Die Stiftung ehrt alle zwei Jahre zwei Westfalen – einen historischen und einen gegenwärtigen. Ihr „Partner“ ist Heinrich Friedrich Karl Reichsherr vom und zum Stein (1757 bis 1831), dessen Leben und Wirken Sie als Präsident der Münsterischen Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft gut kennen. Gibt es etwas, das Sie mit dem preußischen Staatsmann verbindet? Tietmeyer: „Schon als Schüler habe ich den Freiherrn vom Stein sehr hoch geschätzt. Seine Reformgedanken und -aktivitäten haben mich beeindruckt. Und seine Grundsatztreue und Hartnäckigkeit bei der Durchsetzung der großen Reformen in Preußen habe ich stets ebenso bewundert wie seine späteren internationalen Beratungen und seine Publikationen. Er war und ist für mich ein großes Vorbild in seinem politischen Denken und Handeln für Freiheit und Gemeinsinn.“ Tageblatt: Die Preisverleihung fand in einem würdigen Rahmen im Rathaus der Stadt Münster statt. Die Laudatio hielt Jean-Claude Trichet. Konnten Sie den Abend genießen? Tietmeyer: „Eindeutig ja, und zwar nicht nur wegen des feierlichen Rahmens. Insbesondere die Laudatio meines alten Freundes Jean-Claude Trichet habe ich als etwas Besonderes empfunden. Er hat meinen Lebensweg und meine Arbeit für Europa und den Euro in besonders kompetenter und freundschaftlicher Weise gewürdigt. Darüber hinaus habe ich aber auch die Anwesenheit vieler kompetenter Persönlichkeiten aus Deutschland, vieler alter Bekannter aus dem Münsterland und Metelen wie Bürgermeister Helmut Brüning und seiner Stellvertreterin Margret Hasken sowie meiner Familienangehörigen sehr geschätzt. Insgesamt war es ein schöner und anregender Abend, den ich wohl nicht vergessen werde.“ Tageblatt: Sie sind heute – mit 78 Jahren – unter anderem als Vorsitzender des Kuratoriums der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und als Honorarprofessor tätig. „Nebenbei“ sind Sie Mitglied in mehreren Aufsichtsräten und Präsident verschiedener Institutionen. Wie sieht Ihr Alltag zurzeit aus? Tietmeyer: „Das lässt sich kaum generell beschreiben. Natürlich lese ich noch immer viel und schreibe Texte. In der Öffentlichkeit halte ich mich mit Kommentaren zur aktuellen Politik allerdings bewusst sehr zurück, weil ich den derzeitigen Verantwortungsträgern das Leben nicht noch schwerer machen möchte. Aber ich habe oft persönliche Beratungsgespräche mit politisch Verantwortlichen. Daneben bin ich noch in vielen gemeinnützigen, caritativen wie kirchlichen Gremien tätig und dafür bin ich nicht selten unterwegs. Zu einer meiner wichtigstem Aufgaben gehört meine Mitarbeit in der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften im Vatikan in Rom, wo ich demnächst wieder einen Vortrag über die Bewältigung der Finanzkrise zu halten habe. Sie sehen, mein Alltag ist auch beute noch von immer neuer Arbeit geprägt und das ist gut so. Denn neue Herausforderungen halten auch ältere Menschen aktiv.“


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