So., 18.06.2017

Landwirtschaft Schlagkräftig nur im Verbund

Knapp über 30 Kilo sind die Ferkel von Josef Kannenbrock schwer, wenn sie zum Mastbetrieb gefahren werden. 430 Sauen hat der Nordwalder Landwirt auf seinem Hof.

Knapp über 30 Kilo sind die Ferkel von Josef Kannenbrock schwer, wenn sie zum Mastbetrieb gefahren werden. 430 Sauen hat der Nordwalder Landwirt auf seinem Hof. Foto: Pjer Biederstädt

Nordwalde - 

Immer mehr, immer größer. Kleine Höfe haben auf dem Markt immer weniger Überlebenschancen. Um gegen die mächtigen Schlachthäuser vernünftige Preise fordern zu können, schließen sie sich in Erzeugergemeinschaften zusammen. Eine davon hat ihren Sitz in Nordwalde.

Von Pjer Biederstädt

Josef Kannenbrock steht in Arbeitskleidung zwischen einer Horde Ferkel und ist gut drauf. 385 Tiere laufen quiekend aus dem Stall auf die Ladefläche eines Viehtransporters. 63 Euro bekommt der Landwirt pro Schweinchen vom Mastbetrieb, zu dem der Lastwagen fährt. Der Preis ist gut. Es ist noch gar nicht lange her, da bekam Kannenbrock nur die Hälfte für ein Ferkel. Machtkonzentration, Weltmarkt, Vegetarismus – die Preisentwicklung für Mastschweine, Sauen und Ferkel hat viele Faktoren. Sie im Sinne der hiesigen Landwirte zu gestalten, ist die Aufgabe der Nordwalder Erzeugergemeinschaft Hamporc Mast und Zucht.

Sechs Tage zuvor, Kannenbrock trägt Hemd statt Arbeitskleidung. Als Zweiter Vorsitzender der Erzeuger­gemeinschaft sitzt er im Besprechungsraum von Hamporc im Gewerbegebiet An den Bahngleisen. „Wir vertreten die Interessen der Landwirte“, sagt er. „Und wir bündeln unsere Kräfte. Denn gemeinsam sind wir stärker“, ergänzt Peter Allendorf, Erster Vorsitzender von Hamporc.

Kilo Schweinefleisch kostet derzeit 1,80 Euro

Ein einzelner Bauer hat allein keine Chance. Die großen Schlachthäuser, wie Tönnies, Vion oder Westfleisch, haben enorme Macht, versuchen die Preise zu diktieren. Doch die 26 Erzeugergemeinschaften in Deutschland, die Vieh vermarkten, halten dagegen. Sie treten den Schlachthöfen als Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) gegenüber. Mittendrin: Hamporc.

Immer zur Wochenmitte wird der Preis für Schweinefleisch für die kommende Woche bei Hamporc anhand von Angebot und Nachfrage ermittelt und dann der VEZG übermittelt. Diese bildet aus den Preisen seiner Mitglieder in einer Konferenz den Vereinigungspreis.

  Foto: VEZG, LWK Niedersachsen

Derzeit kostet das Kilo Schweinefleisch etwa 1,80 Euro und befindet sich auf einem Jahreshoch. „Der Preis wird festgelegt und dann wissen die 350 Landwirte, die bei Hamporc Mitglied sind, dass sie 1,80 Euro für das Kilo bekommen. Zahlen die Schlachthöfe aber nur 1,77 Euro, müssen wir den Verlust ausgleichen. Aber die Bauern haben Sicherheit“, erklärt Helmut Scho, Geschäftsführer von Hamporc, den wesentlichen Vorteil der Erzeugergemeinschaften.

Schlachtbranche im Umbruch

Der Einfluss der VEZG ist nicht zu unterschätzen – aber auch nicht zu überschätzen: Wenn der Schlachthof den Preis nicht bezahlen will, verweigert die Gemeinschaft schon mal die Lieferung der Schweine. Das klappt aber nur, wenn das Angebot an Schweinen gering und die Nachfrage groß ist. Wenn viel Ware auf dem Markt ist, drücken die großen Schlachter die Preise. Und die Macht der Erzeuger schwindet, denn die Branchengrößen werden immer mehr zu Riesen.

„Die Struktur der Schlachtbranche ändert sich. Viele große Unter­nehmen wollen weiter wachsen. Das hat nicht nur Vorteile für die Landwirte, liegt die Marktmacht doch in der Hand weniger“, schreibt Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben. Die Vermarktungs- und Verhandlungspositionen der Nutztierhalter habe sich weiter verschlechtert. Früher konnten die Schweinebauern unter vielen Abnehmern auswählen. Mittlerweile sind es wenige Mächtige. „Heute verfügen die zehn größten Schweineschlachter Deutschlands über eine gebündelte Nachfragemacht von mehr als 75 Prozent. Die drei Großen, Tönnies, Vion und Westfleisch, haben ihren Marktanteil 2014 auf rund 55 Prozent ausgebaut“, schreibt Dr. Hortmann-Scholten weiter.

Die Führungsriege von Hamporc: (v.l.) Matthias Kappelhoff, Josef Kannenbrock, Peter Allendorf und Helmut Scho.

Die Führungsriege von Hamporc: (v.l.) Matthias Kappelhoff, Josef Kannenbrock, Peter Allendorf und Helmut Scho.

Auch der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), Johannes Röring, monierte Mitte 2016 das Ausnutzen dieser Vormachtstellung, als Tönnies den Vereinigungspreis zu unterwandern versuchte: „Wir werden das nicht tolerieren und hinterfragen kritisch die Marktmacht des Hauses Tönnies“, wird er auf der WLV-Homepage zitiert.

Höfe sterben weiter

Landwirt Josef Kannenbrock fragt sich auch, wann das Kartellamt einschreitet, um aus der Macht der Fleischgiganten keine Übermacht werden zu lassen. Mittlerweile können sich ohnehin nur noch Bauern mit großem Schweine-Bestand halten, die kleinen Höfe sterben. Laut Landwirtschaftskammer gab es 1980 noch knapp 6000 Schweinehalter im Kreis Steinfurt, 2010 waren es nur noch 1363. „Und 1980 hatten die Bauern hier im Schnitt 25 Sauen, jetzt sind es 200. Was früher groß war, ist heute klein“, sagt Hamporc-Geschäftsführer Scho.

Doch nicht nur Faktoren im Inland bestimmen die Preise. „Die Sanktionen gegen Russland haben auch wir bemerkt“, erzählt Matthias Kappelhoff von Hamporc. Das wird ausgeglichen vom florierenden asiatischen Markt. Das alles müssen sie bei Hamporc im Blick haben, um wirtschaftlich sein zu können. Und um die Interessen der Landwirte zu vertreten.

Hamporc Zucht und Mast EG

Die Erzeugergemeinschaft (EG) startete 1969 unter dem Namen Mast-Erzeugergemeinschaft EG-Münsterland. 1972 wurde die Hamporc EG (Ferkel) gegründet. 2007 fusionierten beide zur Hamporc Zucht und Mast EG. 2008 errichtete die EG einen neuen Sitz in Nordwalde, an den 2012 eine neue Halle mit LKW-Waschplatz angebaut wurde. Die EG hat 350 Mitglieder aus der Region und vermarktete im vergangenen Jahr 270 000 Mastschweine und 170 000 Ferkel. Der Umsatz betrug über 50 Millionen Euro. 31 Mitarbeiter (verteilt auf 14 Vollzeitstellen) sind bei Hamporc beschäftigt.

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