Do., 31.12.2015

Flüchtlingsfamilie blickt optimistisch nach vorn Die Schahins sind der Gefahr entronnen

Motiviert blickt Familie Schahin in die Zukunft: Vater Anas (2.v.l.) und Mutter Shekria sind froh, dass ihre Söhne (h.v.l.) Roni, Moran und Delscher nun in Sicherheit sind. Für das neue Jahr haben sie sich einiges vorgenommen.

Motiviert blickt Familie Schahin in die Zukunft: Vater Anas (2.v.l.) und Mutter Shekria sind froh, dass ihre Söhne (h.v.l.) Roni, Moran und Delscher nun in Sicherheit sind. Für das neue Jahr haben sie sich einiges vorgenommen. Foto: Anne Steven

Ochtrup - 

Familie Schahin hat 2015 einiges mitgemacht. Die monatelange kräftezehrende Flucht aus ihrer Heimat Syrien hat sich tief eingeprägt. Seit September sind die Fünf nun in Ochtrup – und fühlen sich wohl. Sie sind motiviert und gehen das neue Jahr optimistisch an.

Von Anne Steven

Das Jahr 2015 hat für Familie Schahin viel verändert, eigentlich ihr ganzes Leben. Denn Vater Anas und Mutter Shekria sind mit ihren drei Söhnen aus Qamischli in Syrien geflohen, um in Deutschland ein friedliches Leben zu führen.

Eigentlich waren sie glücklich in ihrer Heimat, erzählt Anas Schahin. Der 38-Jährige war in Qamischli bei der Stadt angestellt. Außerdem arbeitete er als Immobilienberater, verdiente zusätzlich mit dem Backen von Brot etwas dazu. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt der Vater. Die Familie ist kurdischer Abstammung und hatte deshalb in Syrien mit

Freundschaft: Der Hausmeister der Lambertischule, Siegfried Heufert, und Anas Schahin haben sich auf Anhieb verstanden.

Freundschaft: Der Hausmeister der Lambertischule, Siegfried Heufert, und Anas Schahin haben sich auf Anhieb verstanden. Foto: Anne Steven

Diskriminierungen zu kämpfen. 2012 verlor der Vater aufgrund dessen seine Anstellung.

Doch all das nahm die Familie hin. Erst als der älteste Sohn Moran mit gerade einmal 16 Jahren zur Armee sollte, war es genug. Die Familie beschloss zu fliehen. Erst einmal raus aus Syrien. Das Ziel: der Irak. Einen Monat und drei Tage blieb die Familie dort. Doch die Situation war kaum besser als in Syrien. Anas Schahin und seine Frau beschlossen, ihr Glück in der Türkei zu versuchen. Der Weg dorthin führte mit Schleppern über die Berge. Circa zwei Stunden sollte der Fußmarsch dauern, sagten sie der Familie. Doch sie logen. Abends gegen 19 Uhr begann die Odyssee, erst um 11 Uhr am nächsten Morgen erreichte die Familie die Türkei. Eine Wanderung, die es in sich hatte. Und die Schlepper kannten kein Erbarmen, kein Mitleid. „Wer sich einmal entschlossen hat, mit den Schleppern zu gehen, für den gibt es kein Zurück“, sagt Anas Schahin. Vor allem den Kindern verlangte der Marsch alles ab. Das meiste Gepäck musste die Familie unterwegs zurücklassen. Mitgenommen haben sie ohnehin nur das Notwendigste: ein bisschen Kleidung, aber vor allem Wasser und Lebensmittel. Als sie kein Wasser mehr hatten, gab Mutter Shekria den Kindern Obst zu essen. Unvorstellbar, dass Eltern ihren Kindern so etwas zumuten. Aber für die Familie gab es in diesem Moment nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir sterben oder wir kommen an“, sagt Vater Anas.

Zunächst wollte er mit seiner Familie im kurdischen Teil der Türkei bleiben. Zehn Tage waren es schließlich. Denn das Leben dort sei sehr teuer, erzählt der Familienvater. Seine Frau musste ihren Schmuck verkaufen, um die Familie mit Lebensmitteln versorgen zu können. Doch was tun? Der einzige Ausweg: weiter nach Europa, nach Deutschland.

Erneut wurde es gefährlich für die Schahins. Denn auch sie stachen in einem überfüllten Schlauchboot, wie so viele andere Flüchtlinge, in See. Sie erreichten Griechenland und schlugen sich bis nach Deutschland durch. Am 28. September kamen sie in Ochtrup an.

Der Empfang und die Hilfsbereitschaft der Menschen überstieg die Erwartungen der Familie. „Da waren wir sehr froh“, erzählt Anas Schahin von seinen Ängsten, auch in Deutschland abgelehnt zu werden.

Die Stadt brachte die Familie zunächst in der Wester-Bauerschaft unter. Doch die Wohnung ist viel zu weit weg vom Stadtzentrum. Nach kurzer Zeit erfolgte der Umzug. In der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Lambertischule hat die Familie nun zumindest vorläufig ein Zuhause gefunden.

„Gleich am ersten Tag hat Anas mitangepackt“, erzählt Hausmeister Siegfried Heufert von seinem Zusammentreffen mit dem Familienvater aus Syrien. Der hilft beim Heckeschneiden, rückt mit aus, wenn Heufert Schulmobiliar von A nach B bringen muss und ist auch sonst immer ansprechbar. Die Chemie zwischen Heufert und Anas Schahin stimmte sofort. Und die Verständigung klappt auch ohne Worte. „Siggi ist wie ein Bruder für mich“, sagt Anas Schahin. Überhaupt sei seine Familie endlich angekommen. Sie fühle sich sicher. „Alle sind so hilfsbereit und erweisen uns so viel Respekt“, erzählt der 38-Jährige. Es gehe niemand an ihm oder seinen Angehörigen vorbei, ohne zu grüßen, das rechne er den Och­trupern hoch an.

Die Familie ist motiviert, will in Deutschland bleiben. Den ersten Schritt hat sie vor Kurzem getan: In Bielefeld konnten sie endlich ihren Asylantrag stellen. Jetzt heißt es abwarten. Doch die Chancen stehen nicht schlecht.

Das neue Jahr beginne für seine Familie schon gut, weil Moran nicht zur Armee müsse, ist Anas Schahin zufrieden. Er hofft, dass seine Söhne etwas aus sich machen, ihre Chance nutzen. Motiviert sind alle drei. Der 15-jährige Delscher will so schnell wie möglich von der Sprachförderklasse in den regulären Unterricht wechseln. Sein kleiner Bruder Roni hat es da einfacher. Er besucht die erste Klasse der Lambertischule und hat sich schon richtig eingelebt. Auch Ronis Klassenlehrerin Mirella Lippmann ist zufrieden mit dem lebhaften Siebenjährigen. „Er bringt sich ein und hat sehr schnell Fuß gefasst“, erzählt sie. „Roni liebt die Schule. Er ist ganz traurig, dass gerade Ferien sind“, ergänzt sein Vater.

Einen besonderen Wunsch hat der älteste Sohn. Der 16-jährige Moran möchte irgendwann seine Heimat Syrien besuchen: „Wenn dort wieder Frieden ist.“

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