Di., 05.01.2016

Deutsch-Unterricht in der internationalen Klasse des Gymnasiums Der kleinste gemeinsame Nenner

Sie kommen aus verschiedenen Ländern und lernen zusammen Deutsch. Dabei helfen den Schülern der internationalen Klasse die beiden Französisch-Lehrer Dörte-Lena Münster (hinten l.) und Karl-Heinz Keil.

Sie kommen aus verschiedenen Ländern und lernen zusammen Deutsch. Dabei helfen den Schülern der internationalen Klasse die beiden Französisch-Lehrer Dörte-Lena Münster (hinten l.) und Karl-Heinz Keil. Foto: Heidrun Riese

Ochtrup - 

Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sprechen unterschiedliche Sprachen und lernen gemeinsam Deutsch. 14 junge Einwanderer besuchen die erst vor einigen Wochen eingerichtete internationalen Klasse des Gymnasiums. Karl-Heinz Keil und Dörte-Lena Münster, die eigentlich Französisch unterrichten, vermitteln der altersgemischten Gruppe ihre Muttersprache.

Von Heidrun Riese

Im Deutschunterricht werden üblicherweise Romane besprochen oder Gedichte analysiert. In der internationalen Klasse am Städtischen Gymnasium, die im November eingerichtet wurde, stehen vor allem Wortschatz- und Grammatikübungen auf dem Lehrplan. Aus einem einfachen Grund: Die Kinder und Jugendlichen, die hier die Schulbank drücken, müssen die Sprache des Landes, in dem sie jetzt leben, erst noch lernen.

Dafür läuft es bei der Vorstellungsrunde während des Pressetermins schon richtig gut. Alle verraten Namen, Alter und Herkunft. Manche erzählen sogar von ihren Geschwistern, Haustieren oder Hobbys. Auf Deutsch, versteht sich. „Wir haben das nicht extra einstudiert“, betont Karl-Heinz Keil, der die bunt gemischte Gruppe im Wechsel mit Dörte-Lena Münster unterrichtet. Dass es hier und dort mal ein wenig länger dauert, die passenden Worte zu finden, sei aber auch der Aufregung geschuldet.

Die 14 Schüler, die zwischen zehn und 15 Jahre alt sind, absolvieren jede Woche 14 gemeinsame Deutschstunden. „Darüber hinaus werden sie altersentsprechend den Regelklassen der fünften bis neunten Jahrgangsstufe zugewiesen“, informiert Schulleiter Peter Grus. „Die Schüler finden auf diese Weise Anschluss an Gleichaltrige. Außerdem lernt man eine Sprache bekanntlich dann am schnellsten, wenn man mit Menschen in Kontakt kommt, die diese sprechen.“ Und manche nehmen aus den Mathe-, Chemie- oder Erdkundestunden sogar noch ein bisschen mehr mit, wie Grus verrät. „Einige Schüler können dem Unterricht schon ganz gut folgen.“ Nicht ohne Grund seien sie von der Hauptschule, die bis vor Kurzem die einzige Ochtruper Bildungseinrichtung mit einem solchen Angebot war, ans Gymnasium überwiesen wurden. „Die Schüler sollen die bestmögliche Förderung erhalten.“ Einen wichtigen Beitrag leistet auch die Schülervertretung, die ein Patensystem mit Ansprechpartnern für die Neuen aufgebaut hat. „Da hat sich gleich ein ganzes Team zur Verfügung gestellt“, freut sich Grus.

„An der Hauptschule wurde gute Vorarbeit geleistet“, schicken Münster und Keil an dickes Lob an die Kollegen von nebenan. Die beiden Lehrer, die eigentlich Französisch unterrichten, mussten also nicht bei Null beginnen. Was ihnen den Einstieg in den Deutsch-Unterricht ein wenig erleichterte. „Trotzdem ist es eine besondere Herausforderung für uns“, betont Münster. Wegen des unterschiedlichen Alters der Kinder und Jugendlichen. Weil einige von ihnen vorher keinen Schulalltag kannten. Vor allem aber wegen der verschiedenen Herkunftsländer der Schüler. Sie kommen aus Afghanistan, Albanien, dem Kosovo, Polen, Rumänien, Syrien und Weißrussland – und haben keine gemeinsame Sprache. „Wir müssen alles auf Deutsch erklären“, informiert Münster. „Da wir kein Persisch oder Albanisch sprechen, gibt es keine Möglichkeit, auf die Muttersprache der Schüler auszuweichen. Wenn man dann gar nicht weiter kommt, kann für beide Seiten auch ganz schön frustrierend sein.“ Bei Verständnisproblemen helfen sich die Kinder und Jugendlichen, wenn möglich, gegenseitig. Und wenn es gar nicht anders geht, muss neben den von der Stadt zur Verfügung gestellten Wörterbüchern auch mal der Online-Übersetzer herhalten.

Generell sei im Deutschunterricht der internationalen Klasse viel Spontanität gefragt. „Wir bereiten die Stunden genauso vor wie alle anderen“, erklärt Münster. „Wenn gezielte Nachfragen kommen und das Interesse in eine andere Richtung geht, weichen wir auch öfter vom ursprünglichen Plan ab.“ Und es geht um ganz lebensnahe Themen, um Vokabular fürs Einkaufen ebenso wie um hiesige Traditionen. Eine Schülerin hält den Text eines Liedes hoch, den jedes deutsche Kind aus dem Effeff kennt: „O Tannenbaum“. Berichte über Unfälle aus dem Tageblatt werden studiert, um die Kinder und Jugendlichen auf die ungewohnte Verkehrssituation aufmerksam zu machen. Es geht auch mal um den liebsten Sport der Deutschen: Bundesliga-Fußball. „Jeder Schüler sollte einen ausländischen Spieler vorstellen“, berichtet Keil von einer Aufgabe.

Trotz aller Schwierigkeiten, die auch die einzelnen Schicksale mit sich bringen, bereitet der Deutschunterricht in der internationalen Klasse den beiden Pädagogen große Freude. „Es ist ein anstrengendes Arbeiten“, gibt Keil zu. „Aber wir bekommen großartige Rückmeldungen. Die Schüler sind sichtlich dankbar und sehr motiviert.“ Was will man als Lehrer mehr.

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