Fr., 14.04.2017

Pfarrerin Imke Philipps und Pfarrer Stefan Hörstrup im Interview Was würde Luther heute sagen?

Die Lutherfigur möchten Pfarrer Stefan Hörstrup und Pfarrerin Imke Philipps demnächst in der Fußgängerzone aufstellen.

Die Lutherfigur möchten Pfarrer Stefan Hörstrup und Pfarrerin Imke Philipps demnächst in der Fußgängerzone aufstellen. Foto: Anne Spill

Ochtrup - 

Zum Thema Ökumene hat WN-Redakteurin Anne Spill Pfarrer Stefan Hörstrup und Pfarrerin Imke Philipps befragt. Die beiden verrieten - im Jahr des 500. Reformationsjubiläums - unter anderem, worüber sie heute gerne mit Martin Luther sprechen würden.

Von Anne Spill

500 Jahre ist es her, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg schlug. Das Reformationsjubiläum begehen evangelische und katholische Christen gemeinsam – auch in Ochtrup sind Aktionen geplant. Ein guter Anlass, um mit den Vertretern der beiden Kirchengemeinden über das Thema Ökumene zu sprechen. WN-Redakteurin Anne Spill hat Pfarrer Stefan Hörstrup und Pfarrerin Imke Philipps zum Interview getroffen.

Herr Hörstrup, haben Katholiken im Jahr des Reformationsjubiläums etwas zu feiern?

Stefan Hörstrup: Das war die große Frage im Vorfeld: Sprechen wir beim Reformationsjubiläum von einer Feier – oder handelt es sich vielmehr um ein Gedenken? Ich finde das unproblematisch. Es geht meines Erachtens darum, eines geschichtlichen Prozesses zu gedenken, der letztlich eine Erneuerung von beiden Kirchen bedeutet hat. Man hat sich gemeinsam darauf geeinigt, das Ganze als „Christusfest“ zu feiern – um auf den gemeinsamen Ursprung zu verweisen. Es ist ein guter Anlass, um sich rückzuversichern, auf welchem Fundament wir stehen.

Auf örtlicher Ebene haben Sie für das Jubiläumsjahr viele gemeinsame Veranstaltungen geplant. Wie ist das entstanden?

Imke Philipps: Einige gemeinsame Traditionen haben wir ja schon, wie zum Beispiel die ökumenischen Schulgottesdienste. Das Neueste ist der „Evensong“, der nun drei Mal stattgefunden hat. Als wir hierfür den jüngsten Termin im Januar vereinbarten, kam die Idee auf, auch den Neujahrsempfang der Gemeinden gemeinsam zu gestalten. Wir haben uns dann die Frage gestellt, ob wir nicht noch mehr gemeinsame Aktionen – öffentlichkeitswirksam – veranstalten könnten. Wir haben daraufhin Gemeindeglieder eingeladen und nach ihren Wünschen und Vorstellungen befragt. Aus den umsetzbaren Ideen ist ein gut gefüllter Terminplan für 2017 entstanden.

Was sind denn die Höhepunkte im Veranstaltungskalender?

Philipps: Da ist zum Beispiel ein Gottesdienst unter dem Titel „Healing of Memories“ zu nennen – in Anlehnung an den Versöhnungsgottesdienst, der im März auf oberer Ebene in Hildesheim stattfand. Es geht beim „Heilen der Erinnerungen“ darum, entstandene Verletzungen auf beiden Seiten zu benennen und anzuerkennen, aber auch gemeinsam weiter nach vorne zu schauen.

Auch die Lutherfigur, die momentan vor der evangelischen Kirche steht, soll ja noch eine neue Rolle spielen.

Philipps: Richtig. Wir haben vor, diese Lutherfigur am Samstag vor Pfingsten in die Fußgängerzone zu transportieren. Dort erreichen wir auch viele Menschen, die nicht in der katholischen oder evangelischen Kirche zu Hause sind. Wir hoffen, sie zu einer Auseinandersetzung mit unseren beiden Gemeinden bewegen zu können. Wir wollen fragen: Wie ist Kirche heute? Ist sie reformbedürftig? Was müsste passieren, um die Menschen anzusprechen?

Hörstrup: Mitte Oktober folgt dann noch eine gemeinsame Fahrradtour. Wir hatten ja mit dem ökumenischen Abend, an dem Wissenschaftler von der Universität eine theologische Einordnung gaben, einen stark inhaltsbezogenen Einstieg. Zum Ende des Jahres wollten wir dann gern noch eine Aktion haben, die deutlich macht: Wir sind auch als Gemeinschaft unterwegs.

Wie steht es denn Ihrer Meinung nach um die Ökumene vor Ort?

Hörstrup: Das kann ich natürlich nicht objektiv beurteilen. Ochtrup war ja über Jahrhunderte hinweg ein konfessionell sehr eindeutig geprägter Ort. Die evangelische Kirche ist – relativ gesehen – noch recht neu hier. Das hat natürlich das Leben der Menschen geprägt. Mir haben viele erzählt, wie kompliziert es vor einigen Jahrzehnten noch war, wenn es etwa um konfessionsverbindende Ehen oder andere lebenspraktische Dinge ging. Die Menschen haben ja sogar die jeweils andere Kirche gemieden. Diese konfessionelle Identität ist heute abgeschwächt – man versteht sich als Christ. Die Neugierde und der Wunsch, Dinge gemeinsam zu machen, sind viel größer. Die Gemeindeebene ist da schon sehr weit.

Philipps: Diese Offenheit auf beiden Seiten ist aber eine relativ junge Entwicklung. Noch bis vor Kurzem gab es viele Katholiken, die nie zuvor in unserer Kirche waren. Die Kindheitserinnerungen haben da eine Schranke aufgebaut.

Was glauben Sie, woher diese neue Offenheit rührt?

Philipps: Die Weltlage ist so kompliziert und angespannt – da ist das Bedürfnis groß, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, statt sich im theologischen Kleinklein zu verlieren.

Hörstrup: Auf Ortsebene und auch „von oben“ wird die Ökumene ja gefördert – es entspricht dem, was sich beide Kirchenleitungen trotz der theologischen Probleme wünschen. Und die Menschen begegnen sich im Alltag ja auch – wir arbeiten zusammen, gehen zusammen in die Vereine. Wenn uns das Christsein etwas bedeutet, ist eine gemeinsame Stimme sinnvoll.

Philipps: Nun ist es ja auch so, dass mit Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm zwei Persönlichkeiten auf der oberen Ebene in Deutschland sind, die sich gut verstehen – was auch viel ausmacht. Und das können wir hier über uns auch sagen: Unser Verhältnis zueinander ist auf Augenhöhe. Wir begegnen einander mit Wertschätzung. Das ermöglicht den Umgang überhaupt erst.

An welcher Stelle können sich die Konfessionen denn gegenseitig bereichern?

Hörstrup: Es heißt ja oft scherzhaft, die katholische Kirche habe sich evangelisiert. Festgemacht wird das zum Beispiel an der Synodalität, an der gewachsenen Mitsprache von Gemeindemitgliedern. Es gibt heute Gremien, die klar konstituiert sind und nicht mehr um ihre Anerkennung kämpfen müssen. Und beim Pastoralplan wird von unten nach oben geschaut: Was brauchen die Menschen vor Ort? Die Kirche von den Gemeindemitgliedern her zu denken, darin ist die evangelische Kirche ja schon sehr stark, und das entwickelt sich auch bei uns immer mehr. Das ist die strukturelle Ebene – inhaltlich würde ich sagen, dass die Hochschätzung der Heiligen Schrift etwas ist, was wir uns abschauen können.

Philipps: Ich schätze die Liturgie der katholischen Kirche sehr – den Sinn für das Schöne, das sinnliche Gestalten von Gottesdiensten. Das ist etwas, was uns verloren gegangen ist. Keine Bilder mehr, kein Kreuzzeichen – das ist schade und fehlt. Und: Die römisch-katholische Kirche ist eine Weltkirche mit Struktur und Kraft. Das haben wir in der evangelischen Kirche nicht. Für uns ist es schwer, sich Gehör zu verschaffen.

Was müsste denn auf höherer Ebene passieren, um die Ökumene noch weiter voranzubringen?

Hörstrup: Das Amts- und das Sakramentenverständnis vor allem in Bezug auf das Abendmahl und die Eucharistie sind zwei Knackpunkte, die mit Blick auf die Ökumene vor Ort schmerzhaft sind. Da würde man sich anderes wünschen. Ich glaube, dass es nicht so einfach ist, sich aufeinander zuzubewegen, was das Amtsverständnis angeht. Aber gemeinsam Abendmahl oder Eucharistie zu feiern, das ist möglicherweise eine realistische Option. Da müsste sich die katholische Kirche ein bisschen bewegen. Vielleicht wäre das auch gar nicht der Ausdruck der kompletten Einheit – sondern ein Zeichen, dass man gemeinsam mit Christus verbunden ist, wenn auch die Sichtweisen unterschiedlich sein können. Das Trennende muss man aushalten können.

Philipps: Ich finde, dass das Bild von Christus als Leib und den Konfessionen als dessen Glieder sehr tragfähig ist. Es macht deutlich, auf wen wir gemeinsam bezogen sind. Die Konfessionen sind verschiedene Ausdrucksformen der Spiritualität, die sich ergänzen und gegenseitig bereichern.

Hörstrup: Mit den Unterschieden kann man sich ja durchaus kontrovers auseinandersetzen. Dann kommen beide näher an das Eigentliche heran. Das ist der Mehrwert von Vielfalt.

Wenn Sie Martin Luther heute treffen würden: Was würden Sie ihm sagen oder ihn fragen?

Philipps: Ich würde ihm sagen, dass er ganz schönes Glück hatte, dass er an seine Käthe geraten ist, die ihn unterstützt und ihm viel Kraft gegeben hat. Martin Luther war eine beeindruckende Gestalt – es ist bemerkenswert, wie viele Leute er angesprochen hat. Aber er war auch eine schwierige Persönlichkeit und ist nicht unumstritten. Warum hat er sich so zu den Bauern und Juden geäußert? Ich würde ihn gerne – auch mit Blick auf den Nationalsozialismus – mit der Wirkungsgeschichte konfrontieren.

Hörstrup: Ich würde ihm sagen: Danke für den Mut, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und aufzurütteln. Aber mit Blick auf die Wirkungsgeschichte wüsste ich auch gerne, ob er damals nicht doch eine Chance gesehen hätte, den Weg gemeinsam weiterzugehen. Das würde ich mit ihm gerne diskutieren, das wäre sicher spannend. Und schlussendlich würde ich gerne wissen, was – mit Blick auf heute – seine nächsten fünf Thesen wären.

Gottesdienst

Der ökumenische Gottesdienst „Healing of Memories“ beginnt am 23. April (Sonntag) um 18 Uhr in der evangelischen Kirche. Alle Interessierten sind dazu eingeladen.

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