Sa., 12.08.2017

Trauercafé Hoffnungsschimmer Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Die Ehrenamtlichen des Trauercafés „Hoffnungsschimmer“ (v.l.): Heidi Lütke-Uhlenbrock, Paula Nienkötter, Karin Rasing, Renate Mensing, Marion Mielke, Hildegard Schulze Aquack, Christel Gehlhaar. Auf dem Foto fehlen Birgit Langenbusch-Ebert und Kerstin Gesche.

Die Ehrenamtlichen des Trauercafés „Hoffnungsschimmer“ (v.l.): Heidi Lütke-Uhlenbrock, Paula Nienkötter, Karin Rasing, Renate Mensing, Marion Mielke, Hildegard Schulze Aquack, Christel Gehlhaar. Auf dem Foto fehlen Birgit Langenbusch-Ebert und Kerstin Gesche. Foto: Jennifer Feldevert/Katrin Kuhn

Ochtrup - 

Seit gut zehn Jahren treffen sich Menschen, die jemanden verloren haben, im Trauercafé „Hoffnungsschimmer“. Ein Team von ehrenamtlichen Trauerbegleitern steht ihnen zur Seite. Eine der Freiwilligen ist Renate Mensing. Mit Redakteurin Anne Spill sprach sie über die verschiedenen Arten zu trauern und was bei einem schmerzlichen Verlust guttun kann.

Von Anne Spill

Frau Mensing, wie tröste ich jemanden, der einen lieben Menschen verloren hat?

Mensing: Das Wichtigste ist, dass ich mich in einen Trauernden hineinversetze und ihm gut zuhöre. Es geht nicht darum, ihm zu sagen, was er tun soll. Unterstützen Sie ihn dabei, über seinen Verlust zu sprechen, über das, was in ihm vorgeht, was er denkt und fühlt. Das kann dabei helfen, etwas von dem Druck zu lösen, den er vielleicht verspürt. Auch wenn die Trauer letztlich niemandem abgenommen werden kann.

Viele Menschen scheuen auch die Begegnung mit einem Trauernden – weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen.

Mensing: Es bedarf gar keiner besonderen Worte, es reicht, wenn man ihm die Hand hinhält oder zugibt: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich denke viel an dich.“ Es wäre nicht gut, die Straßenseite zu wechseln, um demjenigen aus den Weg zu gehen.

Wenn jemand neu zu Ihnen kommt, was erwartet ihn dann?

Mensing: Einem Erstbesucher bieten wir zunächst ein Einzelgespräch an. Er kann sich dann entscheiden, ob er eine Einzelberatung oder gleich in die Gruppe gehen möchte. Wenn wir merken, dass die Trauersituation sehr kompliziert ist, dann verweisen wir an einen Psychologen oder an den Hausarzt, der einen Therapeuten vermittelt.

Angenommen, jemand entscheidet sich für die Gruppe. Wie läuft so ein Treffen ab?

Mensing: Jedes Treffen wird von zwei Ehrenamtlichen vorbereitet und durchgeführt. In der Regel eröffnen wir es, indem wir einen ausgewählten Text vorlesen, der den anschließenden Gesprächen eine Richtung gibt. Schauen Sie mal hier (reicht ein Blatt Papier mit einer Geschichte rüber). Das ist einer meiner Lieblingstexte. Er handelt von zwei Bäumen, die viele Jahre nebeneinander standen, bis einer durch einen Blitz gefällt wird. Den anderen schmerzt der Verlust, aber irgendwann wachsen ihm neue Äste und er richtet sich anders aus. So ist es mit der menschlichen Trauer ja auch – sie verändert sich mit der Zeit.

Es heißt ja, die Zeit heilt alle Wunden.

Mensing: Zeit spielt eine Rolle, aber Trauer geht niemals so ganz verloren, ein bisschen von ihr bleibt. Das ist ja auch ein Zeichen der Liebe zu dem Verstorbenen. Am Anfang hilft es zu akzeptieren, dass es für lange Zeit keinen Trost gibt. Aber die Trauer verändert ihren Charakter, und man kann an ihr auch wachsen. Es können sich neue Perspektiven eröffnen.

Trauer muss also gar nicht etwas Schlechtes sein. Dennoch habe ich oft das Gefühl, dass sich die Menschen schwer tun, offen damit umzugehen.

Mensing: Das könnte mit der Umgebung zu tun haben. Man will wieder funktionieren, nicht nerven. Oft bekommen Trauernde zu hören: „Mensch, das ist doch jetzt schon drei Monate her. Da musst du doch mal langsam drüberwegsein. Das Leben geht weiter!“ Aber der Betroffene will reden, er möchte über den Tod sprechen, sich an den Verstorbenen erinnern. Das kann er bei uns in der Gruppe tun, und das kann Kraft und Halt geben.

Das setzt natürlich auch großes Vertrauen voraus.

Mensing: Ja, wir Trauerbegleiter haben eine Schweigepflicht, und auch die Betroffenen gehen nicht raus und erzählen, was in der Gruppe passiert ist. Es fällt oft leichter, sich zu öffnen, wenn man mit Menschen zusammen ist, die ähnliches erlebt haben. Es hilft, zu sehen, dass man in seiner Trauer nicht alleine ist.

Der erste Schritt ist aber bestimmt nicht leicht.

Mensing: Ja, es gibt da sicher Hemmungen. Manche sagen auch: „Das ist jetzt so, da muss ich alleine durch.“ Ist die Schwelle aber erst mal überwunden, fühlen sich die Betroffenen in der Gruppe gut aufgehoben und bereuen diesen ersten Schritt nicht. Unsere Treffen werden jeweils mit einer Runde Kaffee und Kuchen abgeschlossen, wobei dann auch über Alltägliches geredet wird, hilfreiche Tipps ausgetauscht werden und sich so auch Freundschaften entwickeln können.

Der Verlust eines Menschen ist ja immer furchtbar. Aber spielen die Umstände des Todes eine Rolle dabei, wie Angehörige ihn verkraften?

Mensing: Da gibt es schon Unterschiede, und darauf braucht es auch verschiedene Antworten. Natürlich, der Tod kommt fast immer zu früh. Wenn ein Mensch plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wird, hat das für die Angehörigen lange etwas Unwirkliches und Unbegreifliches. Wenn dagegen jemand lange sehr krank ist, dann ist man auf das Ende vorbereitet und erhofft es vielleicht sogar, weil es für denjenigen eine Erlösung ist.

Trotzdem tut es weh.

Mensing: Das tut es. Es kann an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehen, wenn jemand stirbt. Ich weiß ja vorher gar nicht, wie das ist. Erst in dem Augenblick des Todes spüre ich, was da passiert. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Oft reißt der Verlust eine große Lücke ins Leben: Ich habe mich immer um denjenigen gesorgt, mich gekümmert. Plötzlich ist die Aufgabe weg.

Was hilft denn – neben dem Austausch mit anderen Trauernden – in so einer Situation?

Mensing: Das ist bei jedem anders – nicht jedem tut das Gleiche gut. Manche beten, manche verbringen Zeit in der Natur, andere meditieren. Für viele ist es auch gut, die eigenen Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, in einem Tagebuch zum Beispiel. Wichtig ist es auch, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten und sich nicht zurückzuziehen.

Als Trauerbegleiterin übernehmen Sie eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Wie sind Sie zu diesem Ehrenamt gekommen?

Mensing: Das Interesse daran bestand schon länger, aber letztlich über eine ehemalige Kollegin aus dem Pius-Hospital, Angela Arning, einem Gründungsmitglied des Ochtruper Hospizvereins. Auf ihre Anregung hin habe ich 2009 einen Sterbebegleitungskursus absolviert. Seitdem engagiere ich mich im Hospizverein und später auch im Trauercafé, das vom Verein mitverantwortet wird.

Was muss man denn mitbringen, um diese Aufgabe zu übernehmen?

Mensing: Wichtig ist, dass man gut zuhören kann. Es braucht Geduld, Einfühlungsvermögen, Interesse an Menschen und psychische Stabilität. Der Hospizverein bietet den Ehrenamtlichen zudem die Möglichkeit, an Befähigungskursen teilzunehmen und Zertifikate zu erwerben.

Es ist ja schon eine gewisse Last, die man für andere, auch für Fremde auf sich nimmt. Das würde nicht jeder freiwillig tun.

Mensing: Dem Trauernden etwas mitzugeben, womit er den Alltag besser bestreiten kann, das macht mir Freude. Dafür nehme ich mir gerne Zeit.

Nun wird das Trauercafé bald zehn Jahre alt. Was würden sie sich für seine Zukunft wünschen?

Mensing: Dass noch mehr Menschen den Mut haben, zu kommen. Wir freuen uns über jeden Gast.

Zum Thema

Das Trauercafé Hoffnungsschimmer wird von der Begegnungsstätte Villa Winkel und dem Hospizverein verantwortet. Eine Teilnahme ist kostenlos. Treffen ist einmal monatlich mittwochs von 15 bis 16.30 Uhr in der Villa Winkel im Ochtruper Stadtpark. Die nächsten Termine: 16. August, 13. September, 11. Oktober, 8. November und 6. Dezember. Weitere Infos – auch Termine für Einzelberatungen – gibt es über das Hospizbüro unter Telefon 0 25 53/ 91 92 60.

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