Sa., 11.11.2017

Vortrag zum Thema Zwangsarbeit Dunkles Kapitel beleuchtet

Karin Schlesiger beschrieb in ihrem Vortrag die Situation der Zwangsarbeiter in Ochtrup von 1939 bis 1945.

Karin Schlesiger beschrieb in ihrem Vortrag die Situation der Zwangsarbeiter in Ochtrup von 1939 bis 1945. Foto: Norbert Hoppe

Ochtrup - 

Eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art erlebten die Mitglieder des Katholischen Frauenbundes am Donnerstag im Konferenzraum der Villa Winkel. Ein dunkles Kapitel der Ochtruper Stadtgeschichte beleuchtete Stadtarchivarin Karin Schlesiger.

Von Norbert Hoppe

„Zwangsarbeit in Ochtrup“ war ihr Vortrag überschrieben, bei dem sie anhand nüchterner Zahlen und Dokumente aus ausgewählten Quellen, aber auch persönlicher Schicksale die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ausländischen Zwangsarbeiter schilderte.

Mit einigen in der Öffentlichkeit nur wenig bekannten Zahlen beschrieb Schlesiger die Situation in Och­trup von 1939 bis 1945. Knapp 12000 Menschen lebten in der Töpferstadt, 2320 Männer waren als Soldaten zur Wehrmacht eingezogen. „Da fehlten in Ochtrup über 2000 Arbeitskräfte, die durch Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft, in der Industrie und im Handwerk ersetzt wurden“, informierte Schlesiger beim Frauenbund. In den Kriegsjahren waren insgesamt etwa 1700 Zwangsarbeiter im Einsatz. Der damalige Bürgermeister Linnhoff habe beim Arbeitsamt Rheine Arbeitskräfte angefordert, welches zunächst Zivilarbeiter, später auch Kriegsgefangene zum Dienst verpflichtete. „Man kann sich vorstellen, dass vor allem Menschen aus den slawischen Ländern, aber auch aus Serbien, Holland und Belgien teilweise unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten“, beschrieb die Stadtarchivarin die Situation der zwangsverpflichteten Menschen.

Die Unterbringung sei oft katastrophal gewesen, die Ernährung und Versorgung nur mangelhaft und die Teilnahme am Leben in Ochtrup unmöglich oder nur unter strengen Auflagen gestattet. Die Arbeiter seien verpflichtet gewesen, Abzeichen zu tragen, die sie als „Untermenschen“ auswiesen. Es hätten Ausgangssperren bestanden und Versammlungen seien verboten gewesen, ebenso wie der Besuch der Gottesdienste. „Unter schwere Strafe war der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung gestellt“, so die Aussage von Karin Schlesiger. Auf eine Liebesbeziehung zu Zwangsarbeitern habe wegen „Rassenschande“ sogar die Todesstrafe gestanden. Junge Frauen, die ein Kind von einem Zwangsarbeiter erwarteten, seien im Ort geächtet worden und hätten ihre Ehre verloren.

Aber auch Zwischenräume der Menschlichkeit und gegenseitigen Achtung wurden an diesem Nachmittag herausgestellt. So habe es in schwerer Zeit einen „Engel von Ochtrup“ gegeben. Margund Fehrmann, eine junge Krankenschwester aus Münster, nahm sich mutig und gläubig in besonderer Weise der Frauen mit kleinen Kindern an. Dabei habe sie viel Unterstützung von einem 13-jährigen Mädchen aus Epe erfahren.

Einige der älteren Zuhörerinnen wussten noch aus ihrer eigenen Erfahrung als acht- bis zwölfjährige Mädchen von Begegnungen mit Zwangsarbeitern und deren Situation zu berichten. Durch diese Beiträge wurde es auch zu einer besonderen Geschichtsstunde für Karin Schlesiger. Sie rief die noch lebenden Zeitzeugen dazu auf, ihre Erlebnisse aus dieser Zeit niederzuschreiben oder in einem Gespräch zu Hause oder im Stadtarchiv zu schildern, damit dieses Kapitel der Ochtruper Stadtgeschichte der Nachwelt erhalten bleibt.

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