Interview mit Ewald Baar
Do., 26.01.2012
WN-Gespräch mit dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Genossenschaft „Energie für Saerbeck“
Ewald Baar
Er ist grüner Vordenker in Saerbeck. Mit Photovoltaik hat er schon experimentiert, als andere das Wort noch nie gehört hatten. Jetzt ist Ewald Baar Aufsichtsrat-Vorsitzender der Genossenschaft „Energie für Saerbeck“. In diesen Tagen wirbt die Genossenschaft Beteiligungen ein für die Errichtung einer riesigen Photovoltaikanlage und eines Windrads im Bioenergiepark. WN-Redakteurin Monika Gerharz sprach mit dem Pionier der alternativen Energien über das Genossenschaftsprojekt – und über die zunehmende Kritik an der Subventionierung des Sonnen
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Herr Baar, jetzt soll es im Energiepark losgehen mit einer riesigen Photovoltaikanlage – eine der größten in NRW wird dort gebaut. Gleichzeitig bekommt die Energie aus der Sonne immer mehr negative Schlagzeilen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dieter Jasper beispielsweise beklagt, dass die Verbraucher deswegen überhöhte Strompreise bezahlen müssten.
Ewald Baar: Die Politiker sind natürlich durch die Entwicklung erschlagen. In den vergangenen Jahren und Monaten wurden viel mehr Photovoltaikanlagen gebaut als erwartet. Das zeigt: Die Leute fragen gar nicht lange, was macht die Politik – die machen einfach. Das zeigt, wie wichtig das EEG ist. Wenn Eon und die anderen Großen das gewusst hätten, hätten sie bestimmt versucht, dieses Gesetz zu verhindern. Aber damals sagte man sich: Lasst die mal ein bisschen spielen.
Trotzdem: An der Photovoltaik verdienen die Leute, die sich eine solche Anlage aufs Dach packen, nicht schlecht. Die Stromkunden bezahlen dagegen für jede Kilowattstunde 3,4 Cent mehr. Lässt sich das rechtfertigen?
Baar: Ganz sicher. Natürlich ist es immer eine Gratwanderung zwischen notwendiger Subventionierung und Überförderung. Aber die Einspeisevergütung nähert sich immer mehr dem tatsächlichen Strompreis. Schon jetzt haben wir den so genannten Merit-Order-Effekt, dass der Sonnenstrom den Preis an der Strombörse drückt. Normalerweise ist dort der Strom in der Mittagszeit sehr teuer, weil dann viel gebraucht wird. Genau das aber ist die Zeit, zu der auch die Photovoltaikanlagen viel liefern. Dieser Strom muss zuerst abgenommen werden. Das führt dazu, dass die Stromkonzerne ihren Strom nicht mehr vergolden können.
Zugegeben. Trotzdem wird Photovoltaik derzeit pro Jahr mit rund sieben Milliarden Euro gefördert – keine Kleinigkeit.
Baar: Die meisten anderen Energien werden deutlich mehr subventioniert – denken Sie an die Subventionen für die Kohle. Und bei der Atomenergie kann man die wahren Kosten nicht einmal schätzen, wenn wie in Tschernobyl oder Fukushima ganze Landstriche verwüstet werden. Ähnliches gilt für Öl. Man müsste eigentlich jede Ölkatastrophe, die die Umwelt verseucht, in den Ölpreis mit einrechnen. Das macht bloß keiner, wenn die Kosten für die verschiedenen Energiearten verglichen werden.
Die Kritiker der Photovoltaik argumentieren, dass die Module ein riesiges Umweltproblem aufwerfen, wenn sie einmal entsorgt werden müssen. Stimmt das?
Baar: Das stimmt so überhaupt nicht. Etwa ein Zehntel der Anlagen enthält so genannte Cadmium-Tellurid-Verbindungen, also Schwermetalle. Die Herstellerfirma hat sich verpflichtet, diese Module zurück zu nehmen und fachgerecht zu entsorgen. Alle anderen Modultypen sind komplett recycelbar.
Und was ist dran an der Behauptung, dass man fast genau so viel Energie aufwenden muss, um Photovoltaikmodule herzustellen wie sie anschließend produzieren?
Baar: Das ist komplett falsch. Bei Solar ist die Produktionsenergie nach knapp zwei Jahren erwirtschaftet, bei Wind schon nach etwa einem halben Jahr. Das sind Argumente von Leuten, die die Energiewende nicht wollen.
Sie sind jetzt Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft „Energie für Saerbeck“. Sie erwarten, dass sich die Einlagen Ihrer Mitglieder mit mindestens vier Prozent verzinsen. Ist das nicht eher wenig im Wind- und Photovoltaikgeschäft?
Baar: Um es ganz klar zu sagen: Unsere Mitglieder sollen verdienen – aber unserer Genossenschaft geht es nicht um den maximalen Gewinn für den einzelnen, sondern um das Beste fürs Ganze. Wir wollen, dass der Ort davon profitiert.
Im Augenblick investiert die Gemeinde sehr viel. Sind sie sicher, dass sich das rechnet?
Baar: Ich bin sicher, dass auf Dauer und unter dem Strich die Gemeinde davon profitieren wird. Die Kosten für die Entwicklung werden auf die Investoren umgelegt. Dabei wird übrigens die Genossenschaft wie jeder andere Investor behandelt. Wir haben keine Vorteile. Außerdem bleiben die Steuern und die Wertschöpfung am Ort.
Risiken sehen Sie keine?
Baar: Wir müssen unbedingt bis Ende Juni ans Netz – und zwar nicht nur, weil danach voraussichtlich die Einspeisevergütung abgesenkt wird. Die Sommermonate sind die Hauptmonate für die Photovoltaik, die müssen wir ausnutzen, das ist wichtig für die Finanzierung. Das Kabel nach Emsdetten muss bis dahin unbedingt angeschlossen sein. Das ist eine Herausforderung. Aber ich rechne fest damit, dass es klappt.
Ursprünglich war geplant gewesen, dass im Bioenergiepark gerade bei der Photovoltaik eine gewisse Ausbaureserve erhalten bleiben sollte, um später auf neue technische Entwicklungen reagieren zu können. Jetzt wird fast alles verplant, auch ungünstige Schattenlagen. Warum?
Baar: Auf diese Weise soll erreicht werden, dass die Gemeinde möglichst gut von der Photovoltaik im Bioenergiepark profitiert. Die Firma Pacasol hat da mit ihrem Angebot Druck gemacht, und das war eigentlich gut.
Die Bürgergenossenschaft wird nun nicht nur in Photovoltaik investieren, sondern auch in ein Windrad. Wie hat man sich das vorzustellen?
Baar: Wir sind bei beiden Energiearten jeweils Kommanditist in einer GmbH und Co KG. Das hat den Vorteil, dass die technische und kaufmännische Verantwortung des Vorstandes und des Aufsichtsrates überschaubarer sind. Schließlich sind wir alle ehrenamtlich unterwegs. Wie unser eingeworbenes Kapital zwischen Wind- und Sonnenenergie aufgeteilt wird, wird nach kaufmännischen Gesichtspunkten entschieden.
Derzeit läuft noch die Zeichnungsfrist für Genossenschaftsanteile. Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?
Baar: Sehr zufrieden. Wir haben 134 Altgenossen. Davon haben 30 ihre Anteile aufgestockt, und mehr als 60 neue Mitglieder sind dazu gekommen, davon 30 Auswärtige.
Man kann bis zu 20 Anteile à 1000 Euro erwerben. Wird dieses Kontingent manchmal ausgereizt?
Baar: Durchaus. Es gibt auch Familien, die zusammen deutlich mehr zeichnen. Wer allerdings mehr als 20 000 Euro investieren möchte, der sollte als eigenständiger Kommanditist auftreten.
Sie sind Ratsmitglied in der Fraktion der Grünen und haben als solches sehr dafür geworben, dass sich die Gemeinde an zwei Windrädern beteiligen soll. Warum?
Baar: Langfristig würden wir an zwei Windrädern deutlich mehr verdienen als an einem – ganz abgesehen mal von der Signalwirkung. Und wenn wir ein paar Millionen in Reserve hätten, wäre das bestimmt keine Frage gewesen. Aber wir haben kein Geld und können nur die Pacht einsetzen, denn der Kämmerer wehrt sich mit einigem Recht dagegen, dass wir den Haushalt belasten oder als Gemeinde Kredite dafür aufnehmen. Die Mehrheit wollte nun nicht alle Erträge aus dem Bioenergiepark dafür einsetzen. Es war eine Abwägung: Wie viel von den Erlösen stecken wir in das Zukunftsprojekt?
Vor Jahren ist die Energieversorgung privatisiert worden, weil man dem freien Markt mehr Effektivität zugetraut hat als einem doch oft schwerfälligen Staat. Jetzt fährt der Zug in die andere Richtung. Ist das sinnvoll?
Baar: Energie gehört zur Grundversorgung der Bürger, ähnlich wie das Straßennetz. Es sollte deshalb nicht privat sein, denn privates Kapital verselbstständigt sich. Die Grundgedanken bei den RWE waren andere, als das Unternehmen noch in kommunaler Hand war. Heute steht das Aktionärsinteresse weit vorne. Es geht uns aber nicht um generelle Verstaatlichung, sondern um Kommunalisierung des Energiesektors.
Trotzdem bleibt die Frage: Muss die Energiewende nicht in ganz anderen Maßstäben erfolgen als durch die Entwicklung eines kleinen Bioenergieparks? Wäre es nicht sinnvoller, Gelder in große Offshore-Windparks oder in Solarkraftwerke in der Spanischen Wüste zu stecken, wo mit wirklich großen Energieerträgen zu rechnen ist?
Baar: Ganz im Gegenteil. Die Großen schaffen die Energiewende gar nicht so schnell, die haben viel zu lange Vorlaufzeiten, man denke nur an den notwendigen Trassenbau. Es macht viel mehr Sinn, die Energiewende dezentral anzupacken. Die Großen sind die Tanker, wir die beweglichen Schnellboote. Unsere Verwaltung, unser Bürgermeister sind da vorbildlich, und auch die Volksbank, die schon sehr früh aufgeschlossen war für die Finanzierung von erneuerbarer Energie. Wenn dann noch die Bürger die Möglichkeit haben, selbst zu investieren und davon zu profitieren, ist auch die Akzeptanz groß.
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