„Vom Regen in die Traufe gespült“
Mi., 08.02.2012
Familie mit vier Kindern strandet nach einer winterlichen Odyssee in feuchter Wohnung
Saskia Karwatt mit ihren beiden jüngsten Kindern in einem Kinderzimmer, dessen spackigen Wände sie notdürftig mit Wolldecken abgehängt hat. Das Wasser (kl. Foto) wird nie warm.
Burgsteinfurt -
So wie Familie Karwatt möchte niemand freiwillig leben, aber ganz freiwillig ist sie ja nicht aus Ostfriesland nach Burgsteinfurt gekommen in diese kalte, feuchte, alles andere als einladende Wohnung. Aber wer hat schuld, wer kümmert sich, wer hilft den Gestrandeten wieder auf die Beine?
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Darf man das? Darf man eine Familie mit vier Kindern so wohnen lassen? In diesem bitterkalten Winter? Wo die Karwatts seit Ende Dezember wohnen, klebt feuchter Spack statt Tapeten an der Wand, kein Teppich, keine Gardinen, die Kinder (das jüngste ist noch kein Jahr alt) schlafen auf geschenkten Matratzen in muffigen, feuchten Zimmern, die Heizung ist kalt, das Wasser wird nie warm, und wenn Saskia Karwatt mal den Backofen anmacht, fliegen die Sicherungen raus. Auf dem Küchentisch liegt ein blaues Babybad-Thermometer; mehr als zwölf Grad schafft es nicht, mittags kurz nach eins.
Wie konnte es so weit kommen, dass die Familie aus Schortens bei Jever mit ihren eh schon vom Schimmel kranken Kinder kurz nach Weihnachten mitten in Burgsteinfurt in so einer menschenfeindlichen Wohnung gestrandet sind? Und kümmert sich der Vermieter nicht und auch nicht das Sozialamt?
Verbittert erzählt Saskia Karwatt von ihrem schönen Häuschen, das sie in Schortens gemietet hatten, ein Fertigbau aus den 80ern, in dem die Kinder krank geworden sind. Sie zeigt Fotos, die man nicht sehen möchte von abgelösten Zehennägeln, entzündeten Furchen in zarten Füßchen. Sie erzählt von Atemnot und Lähmungserscheinungen und von ihrer Odyssee von einer Ferienwohnung in die nächste, bis die Familie, quasi über Nacht, in Burgsteinfurt meinte, endlich wieder eine Bleibe gefunden zu haben.
Natürlich macht sie sich heute Vorwürfe, die Wohnung nicht vorher angesehen zu haben. Aber das Job-Center in Jever habe ihnen Druck gemacht. „Und wo sollten wir denn hin, wo mein Mann weit und breit keinen Job finden konnte.“ In Ochtrup ist er bei einer Firma untergekommen, die sein spezielles Fachwissen brauchen kann. Die Karwatts hoffen, sich eines Tages aus dem Griff von Hartz IV befreien zu können. „Aber wir brauchen dringend, ganz dringend eine andere Wohnung“, sagt Saskia Karwatt mit flehentlichem Unterton.
Immerhin hilft Familienpatin Elvira Ramin von der Erziehungsberatungsstelle aus. Und das Sozialamt? „Wir helfen, wo wir können“, sagt Amtsleiterin Helga Sundermann, „aber wir sind ja nicht dafür da, Wohnungen zu finden.“ Sie verspricht, der Familie ein Vermieterverzeichnis zu bringen. Immerhin.
Und die Vermieterin, eine bundesweit arbeitende Immobilienagentur (Werbeslogan: „Schön, hier zu wohnen.“)? „Ha“, sagt Saskia Karwatt, „die versprechen immer was, aber es tut sich nichts. Und man kriegt auch nie jemanden ans Telefon.“ Anders, wenn die Zeitung anruft, da wird oft sogar zurückgerufen: Katja Weisker, Pressesprecherin der Vermietergesellschaft, sagte gestern zu diesem Fall: „Tapeten sind nicht unsere Aufgabe, alle anderen technischen Mängel stellen wir aber in den nächsten Tagen ab.“
Und als hätte sie’s gehört, springt plötzlich die Heizung an. „Wer weiß, wie lange?“, seufzt die vierfache Mutter und fächert auf dem Küchentisch Anwalts-, Amts- und Behördenschreiben auf, die vor allem um eine Frage kreisen: Wer bezahlt den fluchtähnlichen Auszug aus dem PCP-, asbest- und formaldehydverseuchten Haus in Schortens? Den Umzug nach Burgsteinfurt, die winterliche Odyssee vom Regen in die Traufe, wer kommt für Renovierungskosten, Erstausstattung und wer weiß was noch auf? „Egal“, sagt Saskia Karwatt, „wir brauchen Hilfe, jede Hilfe. Jetzt“
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